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Interview

SPD-Wirtschaftsexperte Christ: "Kein Anti-Guttenberg"

07.09.2009 | 17:43 Uhr

Berlin. Harald Christ, Wirtschaftsexperte im Team von SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, im Interview über Kreditklemmen, Reichensteuer und die Nöte des Mittelstands.

Herr Christ, wir wollen mit Ihnen heute weder über gesperrte  Internetseiten von südafrikanischen Urlaubsdomizilen noch über Ihr  Millionenvermögen geschweige denn das Thema Homosexualität reden.  Geht das in Ordnung?

Christ: Absolut!

Herr Christ, wie finden Sie  Bundeswirtschaftminister  Karl-Theodor zu Guttenberg?

Christ: Sympathisch, smart, eloquent, gebildet, parkettsicher. Herr  zu Guttenberg betreibt gutes Politikmarketing. Nur politische  Inhalte liefert er nicht.

Was denn?

SPD-Kanzlerkandidat Frank Walter Steinmeier posiert mit seinem sogenannten SPD-Kompetenzteam. Auch Harald Christ (Mittelstand) zählt dazu. Foto: ddp

Christ: Außer einer lancierten Rücktrittsdrohung im Fall Opel und  einem dubiosen Wirtschaftskonzept aus seinem Haus, das bei der  ersten Kritik aus den eigenen Reihen zurückgezogen wurde, kommt da  gar nichts. Es scheint, als wolle der Mann sich aus allem  raushalten, um Fehler zu vermeiden. In Wirtschaftskreisen wird  hinter vorgehaltener Hand längst darüber geredet. Leider zwingt ihn niemand, sich harten Fragen zu stellen.

Tun Sie's. Warum kein Fernsehduell?

Christ: Prima Idee. Ich würde mich sofort mit dem Minister über die  Nöte des Mittelstandes öffentlich unterhalten. Dann wird man ja  sehen...

...was?

Christ: ...dass er nicht wirklich Flagge zeigt in einer Zeit, in der von ihm zwingend Lösungsvorschläge kommen müssen.

Welche?

Christ: Die Stimmung in der Wirtschaft ist im Moment besser als die Lage. Wir erleben einen fragilen Mini-Aufschwung. Die wirklichen Härten kommen 2010. Eine Pleitewelle gerade bei Betrieben zwischen 200 und 500 Beschäftigten ist nicht ausgeschlossen. Was jetzt im Mittelstand an Arbeitsplätzen verloren geht, das kriegen wird in fünf Jahren nirgendwo anders wieder aufgebaut. auswirken. Das Bundeswirtschaftsministerium muss deshalb schleunigst eingreifen.

Meinen Sie das Lockern der Kreditklemme?

Christ: Genau. Es ist doch aberwitzig. Da liegen Milliardensummen bei der staatlichen Kreditanstalt KfW bereit. Da gibt es zig Firmen da draußen, die das Geld dringend für Investitionen benötigen. Aber es kommt einfach nicht bei ihnen an, weil die Banken nicht  mitspielen. Ich höre das täglich von Unternehmern zwischen Flensburg und Garmisch.

Was muss man tun?

Harald Christ.

Christ: Die Fehler wurden schon im Frühjahr gemacht. Das  Bundeswirtschaftsministerium als politisch Zuständiger für den  Mittelstand hätte  den Banken sagen müssen: Leute, wir haben euch  aus der Misere geholfen, jetzt reicht bitte die Fördermittel für den  Mittelstand zügig durch. Wenn nicht, dann suchen wir, Staat und KfW,  uns Partnerbanken und ihr verliert langfristig gute Kunden.

Eine Garantie für Geldflüsse ist das nicht.

Christ: Richtig. Deshalb brauchen wir eine neue staatliche  Geldverteileinrichtung für den Mittelstand, sozusagen einen Bypass  zum klassischen Bankensystem.

Herr Christ, die FDP verspricht Steuersenkungen. Als Unternehmer müsste Ihnen das sympathisch sein.

Christ: Bis Anfang 2008 war ich davon überzeugt, dass wir beides  brauchen: Steuersenkung und Steuervereinfachung. Nachdem der Staat  nun dreistellige Milliardensummen in die Rettung der Banken stecken musste und auch auf Grund der Wirtschaftskrise ein Defizit nur auf  Bundesebene von 320 Milliarden Euro bis 2013 haben wird, ist das  schlichtweg nicht finanzierbar. Wer das Gegenteil erzählt, schenkt  den Menschen keinen reinen Wein ein. Aber ich bleibe dabei: Das Steuersystem muss auch vereinfacht werden. Mit dem Steuerbonus hat  die SPD einen vernünftigen Ansatz.

Wie stehen Sie zu einem flächendeckenden Mindestlohn?

Christ: Ehrlich, damit habe ich mich lange Zeit sehr schwer getan. Heute weiß ich: Er ist unverzichtbar, um die Kaufkraft zu  stabilisieren und, was oft vergessen wird, um die Schwarzarbeit  besser in den Griff zu kriegen. Hier gehen dem Staat  Milliardensummen verloren, über die heute kaum jemand redet.

Würden Sie nach der Wahl die Mehrwertsteuer erhöhen?

Christ: Ich rate davon ab. Das würde kleine und mittlere Einkommen  hart treffen. Gerade die brauchen Kaufkraft.

Sie sind mehrfacher Millionär. Würden Sie eine Reichensteuer begrüßen?

Christ: Das Wort gefällt mir nicht. Es setzt den Leistungsgedanken herab. Aber ganz klar: Stärkere Schultern müssen stärker besteuert  werden.

Schwer, dafür Verbündete zu finden?

Info
Zur Person

Harald Christ, 37, seit seinem 16. Lebensjahr SPD-Mitglied, gebürtiger Rheinhesse, bekennender Schwuler, ist ein Manager aus dem Arbeitermilieu, der es in der Finanzbranche zum Multimillionär gebracht hat.

Der gelernte Industriekaufmann begann mit 19 beim Finanzdienstleister BHW, wurde mit 27 Vertriebsdirektor bei der Deutschen Bank und später Geschäftsführer der Kapitalanlagegesellschaft HCI. Heute beteiligt sich der parteiübergreifend gut vernetzte Wahl-Berliner an mittelständischen Unternehmen. Er war Schatzmeister der SPD in Hamburg und wurde zuletzt als möglicher Finanzsenator in Berlin gehandelt. Im Kompetenzteam von SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier kümmert sich Christ um den Mittelstand.

Christ: Kein Mensch zahlt gern zusätzlich Geld an den Staat, wenn er nicht weiß, wo es landet. Wenn wir dieses Geld gezielt für Bildung, Forschung und Zukunftssicherung ausgeben, werden viele Wohlhabende  ihren Beitrag gerne leisten.

Auch in Ihrer Partei wird der Wahlkampf als viel zu lau  empfunden. Was sagen Sie?

Christ: Der Wahlkampf gewinnt jetzt an Tempo und wir werden gegen  die CDU und die Kanzlerin weiter zuspitzen. Die SPD geht in breiter  Formation vor, die andere Seite zieht ständig zurück. Aber ich  plädiere nicht für mehr Lautstärke. Ich setze auf politischen  Inhalt. Und den haben nur wir.

Stört es sehr, dass Sie ausschließlich als der Gegenspieler des  Wirtschaftsministers wahrgenommen werden?

Christ: Nein. Ich bin nicht der Anti-Guttenberg. Mein Thema ist der  Mittelstand. Da reden wir über mindestens 65 % der Arbeitsplätze in  Deutschland. Hier fühl ich mich sehr komfortabel, da kenn ich mich aus. Das spüren auch die Leute draußen im Wahlkampf. Glauben Sie mir, die CDU wird nervös. Die können Ihre Strategie des Stillhaltens nicht durchhalten bis zum 27. September. Die SPD hat eine echte Chance. Und die werden wir nutzen.

Dirk Hautkapp

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