Sparpläne gefährden Sicherheit im Nahverkehr
13.10.2009 | 07:05 Uhr 2009-10-13T07:05:00+0200
Essen. Die drastischen Sparmaßnahmen im Nahverkehr gehen häufig zu Lasten von Sicherheit und Service bei Bussen und Bahnen. Die überlasteten Fahrer können die Fahrpläne nicht mehr einhalten, und der raue Fahrstil gefährdet sogar zunehmend die Passagiere. Das Sicherheitsgefühl gerät unter die Räder.
Die drastischen Sparmaßnahmen im Nahverkehr beeinträchtigen zunehmend Sicherheit und Service bei Bussen und Bahnen. Oft überlastete Fahrer, getrieben von dauernden Verspätungen durch wirklichkeitsfremde Fahrpläne, vermehrte Fahrten über rote Ampeln, rauer Fahrstil – das ist zwar nicht der Standard, wird aber von immer mehr Fahrgästen im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) beklagt. Ihr Sicherheitsgefühl gerät zunehmend unter die Räder. Dazu einige Beobachtungen und Hintergründe aus dem VRR-Alltag 2009.
Vor kurzem wurde es einem Fahrgast zu bunt. Als er zum wiederholten Mal erlebte, dass ein Bus bei gerade Rot gewordener Ampel noch über die Kreuzung bretterte, fragte er den Fahrer: „Muss das sein?“ Die Antwort sprach Bände: „Ich hab' schon acht Minuten Verspätung. Aber an dieser Kreuzung kann nichts passieren.” Wer so redet, macht das offenbar nicht zum ersten Mal.
Aber warum? Busfahrer gefährden damit ihren Job. Bei Verkehrsunternehmen gibt es zu diesem heiklen Thema offiziell meist keine Stellungnahmen. Hinter vorgehaltener Hand schon. Bei Rot über die Ampel zu fahren, sei natürlich nicht hinzunehmen, heißt es bei einem der Verkehrsbetriebe im VRR. „Doch durch die von der Politik verordneten Sparmaßnahmen ist der wirtschaftliche Druck in den letzten Jahren immer größer geworden”, berichtet ein Insider. Um Fahrzeuge und Fahrer einzusparen, seien die Fahrpläne immer enger gestrickt worden. Da sei inzwischen kaum noch Luft drin.
Verspätungen sind Alltag
Das bekommen die Busfahrer – und ihre Fahrgäste – jetzt deutlicher zu spüren, als noch vor einigen Jahren. Verzögerung durch Staus, durch Baustellen oder auch durch den Schulschluss, bei dem Schülermassen in die Busse drängen, hat es immer schon gegeben. Jetzt aber fehlt in vielen Fahrplänen ein zeitlicher Puffer. Die Folge: Auf immer mehr Nahverkehrslinien im Ruhrgebiet sind permanente Verspätungen Alltag.
Ständig hinter ihrem Fahrplan herzujagen, bedeutet für die Busfahrer Dauerstress. Unter dieser Belastung, so folgert ein Unternehmenssprecher, könne es natürlich vermehrt zu Problemen mit der Sicherheit und dem Service gegenüber den Fahrgästen kommen. „Wir wissen: Der Ton in vielen Bussen ist rauer geworden.” Im Betrieb sei der Druck, unter dem viele Fahrer leiden, inzwischen ein Hauptgesprächsthema. Es brodele unter den Mitarbeitern.
Das Festhalten an „Schönwetter-Fahrplänen” hat inzwischen kuriose Folgen. So erklärte jüngst eine Stadtverwaltung im Revier den Fahrplan einer Buslinien in ihrem Bereich indirekt für ungültig. Die Busse fahren zwar noch, aber eine pünktliche Abwicklung des Betriebes sei „leider nicht möglich”, hieß es.
Das überrascht nicht. Denn diese Linie schlängelt sich über 30 Kilometer durchs westliche Ruhrgebiet. Für Nahverkehrsexperten ein Horror. Sie wissen: Lange Linien sind der Tod jedes Fahrplans. Dennoch war diese Strecke erst vor zwei Jahren vom kommunalen Verkehrspolitikern angeordnet und als eine der längsten Linien im VRR bejubelt worden. Doch die Fahrer haben hier nichts zu lachen: Rund 75 Minuten ohne Pause brauchen sie für eine Tour durch drei Städte.
Ob lange oder kurze Linien: Gestresste Busfahrer sind oft auch keine guten Gastgeber. Da werden die Fahrgäste schon mal als zusätzliche Belastung gesehen – und die ältere Frau mit Gehwägelchen hat schlechte Karten. Gerade hat sie den Bus erklommen, da jagt der Fahrer auch schon los. Rücksicht auf spezielle Fahrgäste ist offenbar nicht mehr drin. Die Frau stürzt durch den Bus und kann froh sein, dass sie von Fahrgästen mit festem Griff gehalten wird. Einige Pendler sind darin bereits Meister.
Große Probleme, Busfahrer zu bekommen
Dass man im VRR immer häufiger den Eindruck hat, von Menschen transportiert zu werden, die früher einmal Kartoffeln oder Zementsäcke gefahren haben, kommt nicht von ungefähr. „Wir haben große Probleme, genügend gute Busfahrer zu bekommen”, klagt der Sprecher eines Verkehrsbetriebes.
Der Grund auch hier: Sparmaßnahmen. Schon seit 1995 wurde die tarifliche Bezahlung der Fahrer immer schlechter. Heute startet ein Busfahrer mit etwa 1900 Euro brutto und kann es nach 16 Jahren auf rund 2600 Euro bringen – wenn er das bei den extrem wechselnden Schichtzeiten überhaupt durchhält. Wer will da noch diesen Knochenjob machen?
Unter den Sparzwängen und dem Imageverlust leiden auch die vielen Fahrer, die ihre Arbeit trotz aller Widrigkeiten noch immer zur Kundenzu-friedenheit erledigen.
Aber die schwarzen Schafe sind auf dem Vormarsch und zeichnen sich zunehmend auch durch mangelnde Ortskenntnisse aus. So erleben Fahrgäste im Spar-Nahverkehr immer öfter auch skurrile Situationen, wie jüngst in Oberhausen. Ein Linien-Busfahrer kannte da seinen Streckenweg wohl nicht so genau und kam zwischen zwei Haltestellen vom rechten Weg ab. Erst der vereinigte Fahrgast-Chor brachte ihn wieder auf den richtigen Linien-Pfad: „Jetzt rechts. Nächste links. Jetzt geradeaus. . .”

11:16
Eine Sache hab ich noch vergessen:
Gibt es auch andere Kunden, die mit mir das Schicksal teilen, das wohl Nachts nicht mehr auf der Bahn-Strecken automatisch an den normalen Haltestellen angehalten wird?!
Man muss also am besten immer schon eine Haltestelle vorher an der Tür parat stehen .
Trifft sich gut mit der Aussage Gestresste Busfahrer sind oft auch keine guten Gastgeber.
Denke da weniger an mich (der Fußmarsch zurück ist ja gesund), aber Service für ältere Mitbürger sieht anders aus.
ps.: Die direkte Nachfrage von mir blieb bisher vom VRR /DVG unbantwortet. Ich hoffe der Artikel hilft da einwenig den Dienstleister aufzuwecken...
10:54
Verspätungen sollte man immer Online melden.
Ohne gemeldeten Vorfall gibt es Diese dann wohl beim VRR/DVG auch nicht.
Ich hatte in den letzten 8 Wochen 7 meldefähige Verspätungen (> 10min) auf der Strecke U79 Ddorf -> Duisburg (und dann lächelt mich in der Bahn das Pünktlickkeitsgarantieplaket an).
Frühere Anfragen an die DVG zur gefühlten steigenden Unpünktlichkeit, wurden lapidar abgebügelt (Wir führen keine Statistiken!).
ps:
Gerne nimmt der Busfahrer auch die Ampel in Du-Sittardsberg (Knotenpunkt Bus/Bahn) bei dunkelgelb.
Ich dachte immer, dies wäre ein Einzelschicksal, aber erscheint mir nach diesem Artikel in einem neuen Licht.
16:45
Auch ich bin ein Opfer einer verlängerten Strecke. Früher fuhr mein Bus pünktlich, seit er aus einer anderen Stadt anrollt, muss ich regelmäßig bis zu 20 Minuten warten. Als ich mich dann des öfteren über diese Verspätungen bei meinem Verkehrsunternehmen beschwerte, wurde mir unverblümt nahegelegt, damit aufzuhören. Es wurden immerzu bekannte Staus vorgeschoben, ohne den Willen erkennen zu lassen, darauf zu reagieren. Offensichtlich ist den Verkehrbetrieben nicht daran gelegen, durch Änderung der Fahrpläne oder Trennung der Linie für eine Besserung zu sorgen.
Seit neuestem stelle ich fest, dass auf einer von mir benutzten Linie vermehrt kleinere Busse eingesetzt werden. Das Ergebnis sind überfüllte Busse und noch mehr Verspätung. Die Verkehrsunternehmen schaufeln erfolgreich an ihrem eigenen Grab.
Danke für diesen treffenden Artikel.
09:41
Sparmaßnahmen (im Sinne von finanziellem Dumpings) geht immer zu Lasten von irgend jemandem: Arbeitnehmer, Lieferanten, Umwelt.
In Kreisen, wo noch der vernünftige Menschenverstand herrscht, gelten diese Sparmaßnahmen als Auswüchse neoliberalen Denkens.
09:39
Also einge Busfahrer kennt man jetzt schon aus Erfahrung. Es ist ein echtes Abenteuer. Festhalten kann man sich auch oft nicht, weil einem dann die Gelenke zu brechen drohen. Vollbremsungen und Kick-Down sind an der an der Tagesordngung. Aber mal ganz ehrlich, das Problem liegt bei pünktlichen Busfahrern auch an. Gaspedal und Bremse... das hat nun mal leider nicht jeder drauf. Mangelndes Gefühl gepaart mit mangelhafter Ausbildung. Schade. Mir tun die alten Leute leid, die wie Flummis durch den Bus döngeln. PS. Das war auch zu Sozi-Zeiten schon so, oder war bei Euch da immer alles sauber, pünktlich und die Fahrer freundliche und gut? Na? Nö, oder? Na also. PPS. In der 106 heute morgen in Essen roch es dank der eingeschalteten Heizung (eingestellt auf: BRÜLL) nach einer Kuh, die in den Heizungsraum geschissen hat. Bitte, macht die Wagen dieser Linie mal richtig sauber!
09:31
Vielleicht ist jemand so freundlich, mir kurz zu erklären, was hier passiert! Ich sehe das so, dass mit Millardenschweren Aktionen Autobauer gestärkt und marode Banken gerettet werden, die dann aber keine Kredite verteilen, somit können auch keine Autos gekauft werden. Also sind die Menschen, denen keine Steuer erlasssen werden, die keine Kredite bekommen, die keine Subventionen erhalten, letztlich auf einen funktionierenden Nahverkehr angewiesen, der aber wiederum mit Kürzungen leben muss, weil das Geld ja bei den Banken und Autobauern gebraucht wird. Sehe ich das falsch oder fehlt dem Handeln die Logik? Vielleicht ist einer so freundlich und erklärt mir, was da passiert, da ich es nicht verstehe!
09:29
Zum Gehalt sollte noch erwähnt werden das die Stadt Essen für Ihre Fahrer plant den Lohngruppenaufsieg zu streichen und bei Stude 5/2 zu deckeln.
Den Lohn den am Anfang 2000 vom BAT zum TV-N abgesenkt hat, weiter absenken um das Doppelte.
Ein Verlust zum Altbeschäftigten von jetzt 250 auf 600 Brutto.
Es wird in dem Artikel immer vom Bus gesprochen, bei der Strab in Essen ist es genau, so wenn nicht noch schlimmer.
Man fährt am Limit und darüber und kommt doch mit 3 Minuten Verspätung an der Endhaltestelle an.
Allein die Linienumstellung der U bahn nächstes Jahr führt dazu das es auf der Stadtbahnlinie tagsüber keine Wendezeit über 10 Minuten gibt. Das heißt mehr Verspätung, mehr Stress, weniger Service.
09:08
Die Arbeitgeber der Verkehrsbetriebe haben den Tarifvertrag zum Jahresende gekündigt. Ohne den Verhandlungen und Ergebnissen vorzugreifen wird es mit Sicherheit zu wesentlichen Einsparmaßnahmen kommen. Unter anderem auch wieder bei den Fahrern. Wie einige schon beschrieben haben ist bei den Fahrern der Stress in den letzten Jahren größer geworden, jedoch das Geld weniger und die Arbeitsbedingungen schlechter. Jetzt wird man mir entgegen halten man soll froh sein, das man überhaupt Arbeit hat. Das ist natürlich richtig. Denoch wird der Kreis der Personen kleiner bzw. sehr klein die diese Arbeit überhaupt machen wollen. Wochenendarbeit, Nachtarbeit, Ruhezeiten von zeitweise nur 10 Stunden zwischen den Diensten, zeitweise 9 Stunden Dienstzeit wovon nur 8 als Arbeitszeit angerechnet werden. Bis zu einer Stunde sind unbezahlte Pause. Dienste von ca.4 Uhr morgens bis ca. 17 Uhr mit 3 bis 4 Stunden Pause.Das alles für 1000 bis 1200 Euro netto im Monat bei Steuerklasse 1. Das alles soll nur ein kleiner Einblick in die Arbeitswelt des Busfahrers sein. Auch bei diesen Arbeitsbedingungen gibt es noch Einsparmöglichkeiten wie die kommenden Verhandlungen über den neuen Tarifvertrag zeigen werden. Trotz allem, wer eine solche Arbeit zu solchen Konditionen annnimmt, weiß worauf er sich einlässt und hat seine Arbeit vernünftig zu machen. Kundenservice und Freundlichkeit sollten kein Fremdwort sein. Aber es wird schwieriger passendes Personal zu finden.
09:06
Die Kürzung der Bundeszuschüsse für den ÖPNV wurden unter Rot-Grün begonnen und unter Schwarz-Rot fortgesetzt.
Die Kürzung der Landeszuschüsse für den ÖPNV in NRW wurden unter Rot-Grün begonnen und unter Schwarz-Gelb fortgesetzt.
Viel Spass bei der nächsten Wahl!
07:41
Hier fährt der Bus meistens 1 bis 2 Minuten VOR dem Fahrplan ... was den Busfahrer nicht davon abhält auch los zu fahren, wenn noch KUNDEN angerannt kommen.
Auf anderen Linien, zu anderen Zeiten fahren die Busse dann überhaupt nicht nach Fahrplan - was auch nicht weiter schlimm wäre, wenn eine Frequenz eingehalten würde und an JEDER Haltestelle mal ordentliche Infotafeln hängen würden.
145 Richtung HBF in 3 Minuten
oder dergleichen