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Spanier gegen Spanier

03.06.2008 | 15:39 Uhr
Spanier gegen Spanier

Der Neue ist im Frühjahr 55 geworden, seine Haare sind grau, aber von der Körperspannung des trainierten Dauerleisters hat er nichts verloren. Äußerlich unbewegt verfolgt José Higueras, was vor seinen Augen auf dem Court Central passiert; er ist aufmerksam wie ein Adler im Flug. Dass mehr Augen denn je auch auf ihn gerichtet sind, ignoriert er. Denn seit Anfang April bekannt wurde, dass er der neue Coach von Roger Federer ist, ist er eine Person des öffentlichen Interesses.

Im Mai 2007 hatte Federer nach zweieinhalb Jahren die gemeinsame Arbeit mit dem Australier Tony Roche beendet, wieder Knall auf Fall wie bei dessen Vorgänger Peter Lundgren. Auch diesmal ließ er sich bei der Suche nach einem Nachfolger ziemlich lange Zeit, aber die meisten Kenner der Szene sind davon überzeugt, er hätte keine bessere Wahl treffen können als mit Higueras.

Der Spanier war zu seiner besten Zeit als Spieler Anfang der Achtziger Jahre die Nummer sechs der Welt, stand 1982 und '83 im Halbfinale der French Open und galt wie die meisten Spanier seinerzeit als Spezialist auf Sand. Drei Jahre später beendete er seine Karriere als Spieler, aber dann fand er danach seine wahre Profession.

Higueras war der Mann, der den kleinen Amerikaner Michael Chang beim sensationellen Titelgewinnen 1989 in Paris betreute, er saß an gleicher Stelle in der Box bei den Siegen von Jim Courier in den Jahren '91 und '92, und er führte einen weiteren Amerikaner, Todd Martin, auf Position vier der Welt.

Die ehemaligen Partner sind voll des Lobes über die Arbeit mit Higueras, dessen Lebensmittelpunkt seit vielen Jahren Palm Springs in Kalifornien ist und der einer der wichtigsten Trainer des US-Tennisverbandes war. „José versteht die Gedankenwelt eines Champions”, sagt Jim Courier, „er weiß besser als jeder andere, wie man einen Spieler auf eine Aufgabe vorbereiten kann. Für mich ist Rogers Entscheidung eine logische Wahl”.

Todd Martin ist der gleichen Meinung. „José ist der Beste, den man finden kann. Die beiden passen unglaublich gut zueinander. Sie haben eine ähnliche Art zu denken und haben ein tiefes Wissen über die Besonderheiten des Spiels. Ich glaube, sie werden bereit sein, voneinander zu lernen und noch mehr über dieses Spiel zu lernen”.

Nach Roche, der zum einen wesentlich älter als Federer und darüber hinaus eher ein Mann der Tat denn tiefgründiger Gespräche war, ist Higueras ein jüngerer, kommunikativerer Typ. Dennoch hatte das neue Gespann am Anfang gewisse Anpassungsschwierigkeiten. Aber Federer weiß schließlich gut genug, dass es nicht jeden Tag ein Vergnügen sein kann, der Coach des Allerbesten zu sein. „Ich glaube, dass ist manchmal ziemlich hart”, gab er kürzlich in einem Interview mit der englischen Zeitung The Independent zu.

„Die Arbeit mit mir macht sich sicher später gut im Lebenslauf, aber erstmal steht man gewaltig unter Druck. Als José für zwei Tage zum Turnier nach Estoril kam, wollte die halbe Welt mit ihm reden, obwohl es da noch nichts zu reden gab”.

Würde Higueras dieser Tage in Paris sämtliche Interviews führen, um die er gebeten wird, dann hätte er keine Zeit, sich ein einziges Spiel anzusehen. Geschweige denn, seinen neuen Partner zu beraten. Aber der lässt das ohnehin nicht zu. Roger Federer mag es nicht, wenn die Leute seines Teams in der Öffentlichkeit reden; er will, dass Interna auch Interna bleiben. So beantwortet Higueras sämtliche Anfragen in Paris mit einer freundlichen, aber unmissverständlichen Absage.

Was sich der Schweizer von der Zusammenarbeit erhofft? „Es ist ja nicht so, dass ich plötzlich irgendwas Verrücktes probieren will, aber kleine Dinge können einen großen Unterschied ausmachen”. Die Tatsache, dass Higueras Spanier ist, spielt dabei sicher keine unwesentliche Rolle. Beim Versuch, als letzten der vier Titel des Grand Slams den in Paris zu gewinnen, war Federer in den vergangenen drei Jahren an Rafael Nadal gescheitert. Von insgesamt neun Spielen auf Sand, in Paris und anderswo, hat er bisher ein einziges gegen den gewonnen, im Finale des Mastersturniers in Hamburg 2007.

Irgendwie kommt es einem wie eine alte Indianerlist vor: Einen Spanier verpflichten, um einen Spanier zu besiegen. In Wirklichkeit geht es aber wohl eher um das Wissen an sich. Und dass er ein besonderes Händchen besitzt, das hat José Higuereas gerade in Paris schon zweimal bewiesen: Mit dem Sieg von Chang und zwei Jahre danach mit dem ersten von Courier. Keiner der beiden war der Favorit, und beide hielten am Ende den Pokal im Arm.

Doris Henkel

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