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„Sonderangebot ans Brudervolk“

05.01.2009 | 16:53 Uhr

Beim Gaspoker zwischen Russland und der Ukraine geht es um viel Geld und böse Emotionen, die weit in die Vergangenheit zurückreichen. Zugleich werfen sich Gazprom und Naftogas gegenseitig Betrug vor

Moskau. Am Wochenende hat der russisch-ukrainische Gaskrieg Europa erreicht. Slowakische Pumpstationen meldeten Samstag Nacht, der Leitungsdruck der ukrainischen Pipeline sei um sechs Prozent gesunken. In Polen registrierte man elf Prozent Schwund, in Ungarn etwa 25, in Bulgarien über 30 Prozent. Gazprom, der russische Lieferant, erklärte am Montag, die Ukrainer hätten in 24 Stunden rund 50 Millionen Kubikmeter Gas, das für Europa bestimmt war, verschwinden lassen. Naftogas Ukraine konterte, Russland selbst habe den Gasfluss gedrosselt. Beide Seiten kündigten Klagen vor dem schwedischen Schiedsgericht an.

Die Argumente waren von Anfang an beinhart. Ende Dezember hatte Naftogas-Chef Oleg Dubina in einem Brief an seinen Gazprom-Kollegen Alexej Miller verkündet, wenn kein Vertrag zustande komme, gebe es keine legitime Grundlage für die Ukraine, russisches Gas durch ihr Pipelinesystem zu befördern. „Es wird dann als Gas ohne Eigentümer behandelt, kann auch konfisziert werden.” Miller sprach in seinem Anwortbrief von „Erpressung”. Und er liftete das Preisangebot an Naftogas von 250 Dollar pro 1000 Kubikmeter Gas erst auf 418 Dollar, gestern gar auf 450 Dollar.

Beide Seitern pokern hoch, riskieren ihren Ruf bei den zusehends genervten Endabnehmern in Europa. Sie pokern, ohne dass die letzten Karten verteilt wären. „Im Sommer wird der Gas- wie zuvor der Ölpreis um über 50 Prozent sinken”, erklärt die russische Wirtschaftsagentur Rosbalt. „Deshalb will Gazprom den Preis jetzt festschreiben. Und die Ukraine, versteht sich, will so wenig zahlen wie möglich.”

Aber es geht um mehr als Geld. Das Verhältnis zwischen Kiew und Moskau ist mit bösen Emotionen überfrachtet. Ukrainische Publizisten ereifern sich seit Monaten über die Hungersnot, die in den Jahren 1932/33 eine halbe Million ukrainischer Bauern das Leben gekostet hatte. Sie stellen die Ukrainer als freiheitsliebende Opfer der stalintreuen Russen dar, obwohl damals auch mehr als 500 000 Russen verhungerten. In Kiew sind antirussische Töne Mode. Und im Oktober stehen Präsidentschaftswahlen an.

Amtsinaber Viktor Juschtschenko gilt als chancenlos, ein gewonnener Gaskrieg gegen Russland könnte ihn zurück ins Rennen bringen.

Premierministerin Julia Timoschenko, Juschtschenkos schärfste Rivalin, kündigte vor Silvester mehrfach an, nach Moskau zu fliegen, um den Vertrag mit Gazprom unter Dach und Fach zu bringen. Aber sie blieb zuhause. Timoschenko hat glänzende Wahlchancen. Die mag sie jetzt nicht ruinieren durch einen Kompromiss, den man ihr als Kapitulation gegenüber Russland auslegen könnte.

Aber auch in Moskau will man es Ukraine zeigen. Premier Wladimir Putin nannte die 250 Dollar pro Kubikmeter ein „Sonderangebot”, das Russland „dem ukrainischen Brudervolk aus humanitären Erwägungen” mache. Sein Mitleid klingt nicht echt. Seit der „Orangenen Revolution” von 2004 muss der Kreml zusehen, wie das Brudervolk Richtung Westen driftet. Gleb Pawlowskij, Leiter der kremlnahen „Stiftung für Effektive Politik”, vergleicht das Gaskonfliktmanagement der Ukraine gar mit dem Angriff der Georgier auf Südossetien im August 2008. „Es ist das selbe Modell. Man zettelt eine Krise mit unvorhersehbaren Folgen an. Mit dem Ziel, sich den Status als Opfer zu sichern.”

Russland dagegen will sich als Weltenergiemacht präsentieren. Gazprom, Herzstück des Putin'schen Wirtschaftspatriotismus, soll dem Feind einen Diktatfrieden aufzwingen. „Entweder wird Kiew sich an die Regeln halten”, droht die Nachrichtenagentur RIA Nowosti, „oder es wird überhaupt nicht mehr mitspielen.”

Stefan Scholl



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