Sie genießt und schweigt
15.08.2008 | 12:15 Uhr 2008-08-15T12:15:24+0200Die Geliebte von heute ist nicht so unglücklich, wie man es erwarten könnte. Vier Frauen erzählen hier, worüber sie in der Öffentlichkeit sonst nie reden.Und manch einer war von vornherein klar, dass die Affäre nicht für die Ewigkeit sein würde
Sie ist die böse Schöne, die fatale Verführerin. Einerseits. Andererseits leidet die Geliebte, weil sie stets die andere bleibt und nie die eine wird. Dies sind die zwei Seiten der dreisamen Beziehung, die keinesfalls als glücklich gilt.
Die dritte Seite aber ist: die Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit voller Geschichten von Frauen, die sich auf verheiratete Männer einlassen - und irgendwie nicht so unzufrieden damit aussehen, wie ich erwartet hätte. Frauen zwischen Mitte 30 und Mitte 40, Bekannte, Freundinnen, die im Vertrauen, aber selbstbewusst von ihren Affären erzählen, ganz fröhlich dabei (zumindest, so lange die Beziehung andauert).
Wir haben uns über die Arbeit kennen gelernt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so starke Gefühle noch einmal erleben würde, dafür bin ich dankbar - lach nicht, so jung bin ich schließlich nicht mehr! Aber wie er es dann beendet hat . . . Als wäre es von Anfang an klar gewesen, dass es keine Chance für uns gibt, dass er sich für seine Frau entscheiden würde. Anna, 43 Der Seitensprung als Breitensport. Nun wäre natürlich der rechte Moment, mit ein paar Zahlen aufzuwarten. Allein - sie existieren nicht, zumindest nicht in gesicherter Form. Die Gesellschaft für erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung (Gewis) schätzt, dass es drei Millionen Geliebte in Deutschland gibt; und sie vermutet, berufstätige Frauen würden öfter zur Geliebten als Hausfrauen. Nun kenne ich kaum Hausfrauen, der Trend aber scheint ja plausibel - im Büro trifft man mehr Männer als im Supermarkt oder vor dem Kindergarten. Die Dreiecksbeziehung wäre also eine Folge der Emanzipation.
Kurz: je gleichberechtigter, desto geliebter.
Damit dringen die Frauen in eine weitere Männerdomäne vor: die Triebhaftigkeit, bei den Herren gerne als biologisch sinnvoll entschuldigt, wegen Weitergabe der Gene und so. Keine Ausreden, die Herren, es gibt Belege: Im statistischen Mittel würden die Männer dieser Welt im nächsten halben Jahr gerne mit 2,63 Frauen ins Bett gehen - Frauen aber nur mit 0,99 Männern. (Die Studie dazu steht in Bas Kast lesenswertem Buch "Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt").
War ich mal eine Geliebte, so im klassischen Sinn? Du stellst ja Fragen! Da muss ich überlegen . . . Nein, eigentlich nicht. Also, der in Hamburg damals, der war schon verheiratet. Aber das war ja nur Sex.
Tanja, 35 Champagner und Rosen locken und der prickelnde Reiz des Verbotenen. Sie ist immer frisch geschminkt und nie morgenverquollen, er belästigt sie nicht mit einem Berg stinkiger Fußballtrikots, Fahrradleibchen oder Joggingshirts. Die Geliebte ist eine Rosinenpickerin - sie nimmt sein Bestes. Zwar lassen sich die wenigsten Frauen heute noch dafür aushalten, dass sie ihn aushalten (und seine Macken). Doch genießen sie, natürlich, das ewig Neue, Frische, Außergewöhnliche an dieser Teilzeit-Liebe. Die dennoch geradezu eheähnliche Züge annehmen kann: Laut einer aktuellen Studie der Uni Göttingen dauert bei etwa 60 Prozent der Seitenspringer die Affäre länger als einen Monat - häufig sogar länger als ein halbes Jahr.
Im Nachhinein ist mir diese Geschichte nur noch peinlich. Du schreibst keine Namen, ja? Es war ein richtiges Drama damals, einmal hat mich sogar seine Frau angerufen. Aber ich habe das nicht aus Mitleid mit ihr beendet, wenn ich ehrlich bin. Sondern, weil er sofort bei mir einziehen wollte. Eine gemeinsame Wohnung, den Gedanken fand ich plötzlich schrecklich. Zum Glück wollte seine Frau ihn noch.
Nadine, 37 Klingt alles wunderbar? Es gibt nur einen winzigkleinen Haken an der Sache: Die Geliebte sollte sich bewusst sein, dass sie die zweite Geige ist - und bleibt. Nur ein Zehntel aller Zweitfrauen, so Autorin Maja Langsdorf ("Die Geliebte - Was es heißt, die andere zu sein"), werden jemals die Nummer eins. Nach einer Studie für das Magazin Focus aber wünschen sich dies: drei Viertel.
Dazwischen liegt eine Kluft und das Internetforum www.diegeliebte.de. Vor acht Jahren hat Barbara Unterberger es gegründet, aus Liebeskummer. Heute klingt sie nicht mehr bekümmert, sondern ganz munter - und sehr abgeklärt.
Der Anfang der Affäre sei ja das Ende aller Gleichberechtigung, meint sie: "Weil ich nicht entscheiden kann, ob und wann man sich sieht, weil ich ihn nicht anrufen kann, wann ich möchte. Weil ich nur reagieren, nicht agieren kann. Weil ich immer auf Abruf bereit sein muss." Drei Millionen Mal wurde ihre Seite aufgerufen bisher.
Fast immer, so Unterberger, stimmen die zweiten Geigen in ihrem Internetforum das gleiche traurige Lied an: "Typisch ist, etwas in seine Sätze zu interpetieren, was er nicht gesagt hat, und sich daran zu klammern." Typisch sei auch eine gewisse Leichtgläubigkeit: "Diese Mär, dass es zu Hause keinen Sex mehr gäbe, dieses Mitleidheischen, dass er sich nicht entscheiden könne . . ."
Angeblich hatte er mit seiner Frau schon lange keinen Sex mehr, das habe ich geglaubt. Wir haben uns ein paar Monate lang getroffen, einmal in der Woche vielleicht; ich fand es gut, noch mein eigenes Leben zu haben, Zeit für meine Arbeit, meine Freunde. Dann aber sagte er mir plötzlich, dass er sich neu verliebt hätte. In seine Frau. Ich war gar nicht traurig - sondern wütend. Auch auf mich selbst.
Ricarda, 45 Und die glücklichen Geliebten? Die genießen - und schweigen, zumindest in aller Öffentlichkeit. Darin sind sie dann wieder ganz Gentleman.
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