Seelenverwandte
22.10.2008 | 22:35 Uhr 2008-10-22T22:35:11+0200Uli Auffermann, Bergmannskind aus Bochum, zog es nie "unter Tage". Ihn lockten die Berge.In Tirol traf der 48-Jährige Anderl Heckmair, einen der ersten Bezwinger der Eiger-Nordwand
Bochum. Von der Eiger-Nordwand führt eine Route direkt nach Bochum. Sie endet bei Uli Auffermann, Spross einer großen Bochumer Bergmannsfamilie. Auffermann ist nicht "unter Tage" gegangen, sondern ins andere Extrem, ins Hochgebirge. Und dies nicht nur als Bergsteiger, sondern auch im rein Zwischenmenschlichen: Der heute 48-Jährige war jahrzehntelang Intimus des weltberühmten Spitzenkletterers Anderl Heckmair, einem der vier Pioniere, die die mörderische Nordwand 1938 als erste bis zum Gipfel durchstiegen. Zwei Jahre zuvor hatte es hier ein unsagbares Drama gegeben, bei dem vier Bergsteiger ihr Leben ließen. Als Film läuft die Tragödie ab heute in den Kinos.
"Heckmair und ich, das war eine Seelenverwandschaft. Wir haben ziemlich gleich getickt. Wir hatten gleiche Empfindungen, ein gleiches Naturell, gleiches Temperament. Wir mochten uns einfach."
Das sagt ein Mann, der sein ganzes Leben bis heute in Bochum gewohnt hat, über jemanden, der sein ganzes Leben in den Alpen zugebracht hat und 54 Jahre älter war. Heckmair war Mentor, väterlicher Freund; Auffermann Adlatus, Ziehsohn - und zuletzt "ein ganz enger Freund", wie er selbst sagt. "Übers Bergsteigen haben wir uns kaum unterhalten." Nach Heckmairs Tod im gesegneten Alter von 98 Jahren im Jahr 2005 liegt dessen persönlicher Nachlass - tausende Bilder, Briefe und kostbare historische Gegenstände von der legendären Eiger-Tour - heute auch in Bochum. Bei Auffermann.
Die Freundschaft hatte in seiner frühen Jugend begonnen. Da war er "ganz, ganz viel in Tirol". Im Tannheimer Tal. Der blutjunge Bochumer krallte sich durch die Felswände mit der vollen Kühnheit einer unbefangenen Jugend: "Das war wohl meine gefährlichste Zeit. Wenn ich heute überlege, was wir da seilfrei geklettert sind - das würde ich heute nicht mehr machen. Wir waren schon ziemlich in der Wildnis. Wir waren völlig behände. Wie Gämse irgendwie." Noch heute hat er Oberarme wie aus Kruppstahl.
Bei seinen Abenteuern in Tirol lernte Auffermann Heckmair kennen, damals Bergführer in Oberstdorf und in der Bergsteigerwelt längst berühmt. Heckmair gefiel der Knabe aus dem Ruhrgebiet. Man ging gemeinsam auf Bergtouren. "Er ging immer weglos. Mächtig steil." Und man redete viel. Über die Berge, das Leben, das Menschsein - alles. "Es wurde immer intensiver." Und man besuchte sich gegenseitig zu Hause. Seit den 80er-Jahren kam Heckmair auch ins Ruhrgebiet. "Wir haben uns gleich im Grünen verabredet." Vor allem wanderten die zwei in der Elfringhauser Schweiz. "Er war begeistert von der Gegend." Zuletzt war er noch mit 96 Jahren hier. Seinem Freund zu Ehren hat Auffermann in der Elfringhauser Schweiz ein "Anderl-Heckmair-Stüberl" eingerichtet. Für Naturfreunde zeigt er in einem Pavillon des Gasthauses "Waldhof" Bilder von dem Eiger-Nordwand-Erfolg.
Auffermann, heute Reise- und Bergsport-Journalist, ist echter Bergsteiger. Die Eiger-Nordwand lockt auch ihn. "Im Frühjahr will ich sie mit einer neuen Technik klettern." Über seine Touren spricht er sonst aber nicht gern. Unter Bergsteigern gibt es, allem Ehrgeiz zum Trotz, die stille Überzeugung, dass die wahrhaft großen, erlebnisreichen Touren stets namenlose sind: die durchs Unbekannte, durchs Ungeheure der abseitigen Natur. Nicht von ungefähr lautet die einzige Heckmair-Biografie (Autor: Auffermann): "Was zählt, ist das Erlebnis." Und der Eiger, fügt der Biograf hinzu, "war nicht das größte Erlebnis in seinem Leben."
Trotz seiner Berg-Passion will Auffermann weiter in Bochum leben. Seine Begründung: "Weil ich richtig gern hier bin. Die Leute sind richtig klasse. Sehr, sehr offene Leute, dabei nicht oberflächlich. Sehr anständige Menschen. Hier ist ein Wort ein Wort." Der Vielgereiste fügt hinzu: "Das ist nicht überall so."

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