Das aktuelle Wetter NRW 13°C
Metropolenstreit

Ruhr-Hauptstadt - ein Revier, viele Könige

03.02.2009 | 14:57 Uhr

Ruhrgebiet. Essens Oberbürgermeisterkandidat Franz-Josef Britz hat sich mit seinem Führungsanspruch im Ruhrpott viel Widerwillen eingehandelt. Was das Ruhrgebiet jetzt nicht gebrauchen könne, sei eine erneute Diskussion über einen Regierungssitz, klagen Kritiker.

Franz-Josef Britz. (Foto: WAZ, Franz Meinert)

Franz-Josef Britz ist eher der Typ Hinterbänkler. Fleißig. Solide. Zwölf Jahre lang unterrichtete er als Oberstudienrat an einer Berufsbildenden Schule, bevor er 1990 in den Düsseldorfer Landtag gewählt wurde. Seit neun Jahren führt er die CDU-Fraktion im Rat der Stadt Essen. Und nicht einmal Parteifreunde würden bestreiten, dass Britz zum OB-Kandidaten gekürt wurde, weil erstens der jetzige Oberbürgermeister Wolfgang Reiniger (CDU) sich nicht mehr zur Wahl stellt und zweitens – nicht unwichtig – sich niemand anders fand.

Jetzt aber, frisch auf den Schild gehoben, wollte Britz Führungsstärke zeigen. Vor 200 Kreisvertretern seiner Partei deklamierte er, Essen sei zwar 2010 Kulturhauptstadt, müsse jedoch den Anspruch entwickeln, Revierhauptstadt zu werden. Die „Ruhrmetropole” eigne sich auch hervorragend als Sitz eines gemeinsamen Nahverkehrsunternehmens, falls es das einmal gibt.

Fast amüsiert reagierten darauf OB-Kandidaten aus anderen Revierstädten. Dass Britz Essen als Motor des Ruhrgebiets sieht, kann der Dortmunder Kandidat Ullrich Sierau (SPD) überhaupt nicht verstehen: Mit Blick auf die im Vergleich zu Dortmund deutlich höheren Einwohnerverluste sei Essen höchstens ein Motor, der PS verliert. „Ich verstehe ja jeden, der für dieses Amt kandidiert und möglichst knallige Forderungen aufstellt”, sagt Jürgen C. Brandt, OB-Kandidat der SPD in Duisburg: „Aber von der Anspruchshöhe passt die Äußerung nicht in die Landschaft. Wenn wir eines nicht brauchen, ist das eine erneute Diskussion über einen Regierungssitz.”

"Ressentiments der anderen Städte geweckt"

Andere kritisierten, dass Britz, einmal in Schwung, auch gleich die Kulturhauptstadt für Essen vereinnahmte: „Nicht Essen ist die Kulturhauptstadt, sondern Essen und das Ruhrgebiet.” Der Sache jedenfalls dürfte Britz schaden, wenn seine Aussagen überhaupt mehr waren als eine Parteitagsrede. „So wird genau das unmöglich, was nötig wäre”, sagt der Historiker Tenfelde: „Man weckt die Ressentiments der anderen Städte, vor allem Dortmunds.” Britz' Parteifreund und Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland hat sich vorgenommen, am Samstag mit dem Neuling in der Kandidatenriege ein Gespräch zu führen.

„Sinnhaft ist das nicht, „Ich bin der König” auszurufen. Nein, sogar sehr kontraproduktiv!”, bestätigt auch Jörg Bogumil, Politikwissenschaftler der Universität Bochum. Bogumil erarbeitete gerade für die Industrie- und Handelskammer Braunschweig eine Studie, wie die aus den drei großen Städten Braunschweig, Salzgitter und Wolfsburg bestehende Region besser kooperieren könne. „Deren Situation ist ähnlich gelagert wie die des Ruhrgebiets. Aber erst jetzt, da man wirtschaftlich ziemlich am Ende ist, hat man erkannt, dass alle Städte nur profitieren, wenn sie gemeinsam handeln”, so Bogumil. Dem Ruhrgebiet empfiehlt der Politologe, bestimmte Aufgaben gemeinsam zu erledigen. So etwa den Öffentlichen Personen-Nahverkehr oder die Abfallentsorgung.

Am Montag jedenfalls passierte etwas, was Britzens Politikvorstellung – Alles nach Essen! – komplett konterkariert: Die „Ruhr Tourismus GmbH (RTG)” kündigte für Freitag eine Pressekonferenz an, jene zentrale Organisation also, in der das Ruhrgebiet zusammenarbeitet, um als Urlaubsregion voranzukommen. Inhalt der Pressekonferenz ist unter anderm: Warum die RTG aus Essen fort zog (!) und jetzt in Oberhausen ist. Übrigens residiert sie dort am Centro, dem Einkaufszentrum also, und das nennt sich ja bekanntlich auch: Neue Mitte!

Mehr zum Thema:

Hayke Lanwert u. Hubert Wolf

Facebook
 
Kommentare
04.02.2009
11:05
Ruhr-Hauptstadt - ein Revier, viele Könige
von Verheyen | #38

Bemühungen um ein einheitliches Ruhrgebiet zum Scheitern verurteilt. Einen riesigen Kirchturm in Essen, von dem die Städte Wesel, Bochum, Hagen, Unna und Fröndenberg verwaltet werden, benötigen wir auch nicht.

Außerdem, was machen wir mir dem Rheinland und dem Westfalenland?
Wollen wir und dort ausgliedern?
Wollen wir ein separates Ruhrgebiet, das nicht Rheinland und Westfalen ist?
Und benötigen wir eine zweite Hauptstadt in NRW?

Übrigens:
Die schönste Großstadt des Ruhrgebiet ist eindeutig Mülheim a. d. Ruhr
Die schönste Stadt des Ruhrgebiet ist eindeutig Hattingen.
Die Größte ist Dortmund

03.02.2009
21:40
Ruhr-Hauptstadt - ein Revier, viele Könige
von M. Medchen | #37

Die Diskussion um die Frage: Wer ist die größte, beste, schönste (Stadt) im Ruhrgebiet? kann nur traurig stimmen, zeigt sie doch, dass die Bemühungen um ein einheitliches Ruhrgebiet zum Scheitern verurteilt sind, solange solche kleinkarierten Kirchtumsdenker sich um Führungsämter bemühen: Wenn sie dann von engstirnigen Mitbürgerinnen und MItbürgern ihrer großartigen Kommune auch noch Beifall ernten, dann wird sich nichts ändern - auch nicht durch die doch wohl immer noch von 53 Kommunen repräsentierte Kulturhauptstadt 2010. Diese gewinnt an Fahrt - auch oder gerade - außerhalb der Möchtegern-Metropole Essen. Ich wünsche mir sehr, dass bei der Kommunalwahl in Essen der das Rennen macht, der nicht nur auf das Geschehen vor der eigenen Haustür blickt - in Essen-Steele, Essen- Rüttenscheid oder wo auch immer. Das Ruhrgebiet hat Besseres - und da meine ich jede einzelne Gemeinde wie auch das große Ganze - hat Besseres verdient.

03.02.2009
19:02
Ruhr-Hauptstadt - ein Revier, viele Könige
von martinff | #36

Der Anspruch von Essen kann gar kein anderer sein, da hier die Wirtschaftsmacht des Ruhrgebietes am geballtesten verteten ist ( u.a. : Hauptverwaltung von RWE, Thyssen Krupp, E-on Ruhrgas, MAN Ferrostahl, Hochtief, Aldi, Deichmann, Arcandor, Medion). Dies kombiniert mit Zentralität und vielfältigem Kulturangebot auf höchstem Niveau. Nichts gegen Dortmund oder Duisburg aber hier existiert halt nicht mal annähernd so eine geballte (Konzern)struktur. Und insofern ist Essen das natürliche Oberzentrum. Im übrigen gibt es für jeden Ballungsraum ein Oberzentrum, sei es nun Frankfurt für Rhein/Main oder Köln für die Rheinschiene. Das Problem ist immer nur der Neidreflex der Ruhrgebietsnachbarn: so wird bei politischen Entscheidungen immer penibel darauf geachtet, auch ja alle möglichst gleich zu berücksichtigen, so entsteht überall nur grauer Durchschnitt.
Akuelles Besipiel: Vergabe des Gesundheitcampus im Ruhrgebiet. Essen ist positioniert als Cluster der Exellenz im Bereich der medizinischen Forschung und führend im Ruhrgebiet (gefolgt von Bochum), dies ist unbestritten. Jetzt hat aber Bochum durch die Schließung von Nokia gelitten und Opel ist auch gefährdet. Wetten der Standort des Gesundheitscampus geht aus politischen Gründen nach Bochum? Ergebnis: wieder eine Chance vertan, einer Stadt die Möglichkeit zur Schärfung eines Wettbewerbsprofils zu geben. Alles bleibt in der Außenwahrnehmung grau und Durchschnitt, aber Hauptsache alle sind gleich arm und die Konkurrenz lacht.

03.02.2009
17:04
Ruhr-Hauptstadt - ein Revier, viele Könige
von Terjung | #35

Was soll der Separatismus.

Das Ruhrgebiet ist doch jetzt schon ein Teil des Rhein-Ruhr-Gebiets. Wir benötigen auch neben der NRW Hauptstadt Düsseldorf keine weitere Hauptstadt.

03.02.2009
16:30
Ruhr-Hauptstadt - ein Revier, viele Könige
von Elvira Neumann | #34

Was soll dieses Theater, die NRW Hauptstadt ist Düsseldorf, es gibt wichtigere Themen wo man sich auslassen kann.

03.02.2009
15:47
Ruhr-Hauptstadt - ein Revier, viele Könige
von Karba | #33

Ruhrhauptstadt Essen?

Franz-Josef Britz hat noch nicht gemerkt, das er weder das Rheinland, noch Westfalen erlegt hat. Welches Fell möchte er den verteilen? Franz-Josef Britz wird auch noch feststellen, das der gesamte Niederrhein gegen eine Teilung ist, und das der Kreis Wesel gegen eine Ruhrhauptstadt Essen ist.

03.02.2009
14:52
Ruhr-Hauptstadt - ein Revier, viele Könige
von Thomas Reutther | #32

Die Diskussion zeigt wirklich mal wieder, dass das Ruhrgebiet keine echte Metropole sondern eine Anballung kleiner Provinznester ist, die zusammen 5 Millionen Einwohner haben. Aber nur zusammen kann man etwas erreichen! Wenn es eine echte Metropole sein soll, dann kann nur eine der großen Städte Hauptstadt sein, und kulturell und überregional ist das nun mal das recht mittig gelegene Essen - auch wenn Recklinghausen oder Hattingen sicherlich schöner sind. Die beiden anderen Großstädte Duisburg und Dortmund liegen etwas am Rand. Und zu 7: Herne schnitt beim Focus-Ranking mal als hässlichste Stadt Deutschlands ab ;-).

03.02.2009
14:52
Ruhr-Hauptstadt - ein Revier, viele Könige
von ge | #31

Britz hat doch teilweise Recht. Er ist halt Lokalpolitiker für die Stadt Essen. Und dass er sich für seine Heimatgemeinde stark macht ist völlig in Ordnung.
Außerdem belebt Konkurrenz das Geschäft, und das Revier als Ganzes zu sehen ist doch nur ein unbeliebtes Märchen.
Und das Essen Kulturhauptstadt ist kann ja wohl niemand bezweifeln.

03.02.2009
14:44
Ruhr-Hauptstadt - ein Revier, viele Könige
von Ettaler | #30

@M.M.:
Dagegen spricht:
Arrogant, unsympatisch, selbstherrlich...

03.02.2009
14:28
Ruhr-Hauptstadt - ein Revier, viele Könige
von M.M. | #29

Was zum Teufel spricht eigentlich dagegen, Essen als Zentrale Großstadt des Ruhrgebietes mit der Bedeutung eines Verwaltungszentrums anzudenken und, bei Vereinheitlichung der Pottverwaltung dann auch so zu handhaben ??
Essen ist nun mal die größte Zentralstadt und der Rest siind die Außenbezirke !!

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/720596/create

Umfrage
Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Bottrop - Movie Park in Luftbildern
Bildgalerie
Fotostrecke
Essen aus der Luft
Bildgalerie
Fotostrecke
Aus dem Ressort
Hilfsbedarf steigt akut
WAZ-Info
In immer mehr Familien wird Hilfe benötigt, um den alltäglichen Anforderungen gerecht zu werden. Für die Allgemeinheit wird das teuer.
Mit King Kong in der Warteschlange
Kino im Bild
Zwei Wochen lang konnte man die „Kinohelden“ des gleichnamigen Jugendwettbewerbs der Kunst- und Musikschule in der Hauptstelle in Velbert-Mitte sehen. Die Ausstellung ging jetzt mit der Prämierung der Gewinner zu Ende.