Rettung verschoben
12.06.2008 | 16:24 Uhr 2008-06-12T16:24:00+0200
Essen. Im Kampf gegen den Klimawandel wollen Konzerne und Politiker das schädliche CO2 auffangen und entsorgen. Eine neue Studie beurteilt die Markteinführung der Technik bis 2020 allerdings als fraglich.
Wir müssen die Kohlekraftwerke abschalten, wenn wir den Kohlendioxid-Ausstoß nicht in den Griff bekommen. Damit schockte der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber kürzlich beim Essener Energiekongress seine Zuhörer aus Wirtschaft und Politik. Anders seien die EU-Klimaziele, nach denen bis 2020 die CO2-Emissionen um 20 Prozent sinken sollen, nicht zu schaffen. Die Bundesregierung visiert sogar eine Einsparung von knapp 40 Prozent an. Es eilt also.
Für NRW ist das CO2-Problem besonders drängend. 75 Prozent des in NRW erzeugten Stroms stammen aus der Verbrennung von Braun- und Steinkohle.
Das macht Dreck: Nach Angaben des Europäischen Schadstoffregisters EPER entfällt fast die Hälfte des bundesweiten CO2-Ausstoßes (467 Mio Tonnen) industrieller Großbetriebe auf NRW (230 Mio Tonnen).
Die Energiewirtschaft arbeitet an der CO2-Abscheidung. So plant RWE eine 450-Megawatt-Anlage, die 2014 in Betrieb gehen soll. Vattenfall baut derzeit in Schwarze Pumpe (Brandenburg) eine Pilotanlage.
Als Königsweg im Kampf gegen den Klimawandel gilt das CO2-arme Kraftwerk. Die Idee ist simpel: Das Klimagas soll an den Kraftwerken abgefangen, eingesammelt und in unterirdischen Speichern für alle Zeiten versenkt werden, statt die Atmosphäre aufzuheizen. CCS wird das Verfahren international genannt, es steht für Carbon Capture and Storage.
"Kritische Wissenslücken"
In den politischen Klimakonzepten ist CCS fest eingeplant, doch die Technik ist von der Marktreife weit entfernt. Dies bestätigt auch eine aktuelle Untersuchung im Auftrag der Bundesregierung. Danach beurteilen die Experten die Einführung von CCS bis 2020 als „sehr ambitioniert”. Zahlreiche „kritische Wissenslücken” müssten zuvor geschlossen werden. Problematisch seien vor allem die hohen Kosten. Daher zeichnet sich ab, dass CCS für die anstehenden Erneuerungen zahlreicher deutscher Kraftwerke zu spät kommen wird.
Auch das Problem der unterirdischen CO2-Lagerung ist ungelöst. Geeignete Lagerstätten müssen noch gesucht und getestet werden. Und der Transport vom Kraftwerk zu einer Lagerstätte über Pipelines wirft weitere Probleme auf.
Gigantische Aufgabe
Aus all' diesen Gründen wird CCS bis 2020 keinen spürbaren Beitrag zur Erreichung der EU-Klimaziele leisten können, meinen Fachleute wie Hans Fahlenkamp. Der Professor für Umwelttechnik an der TU Dortmund und Experte für Verbrennungsprozesse in Kraftwerken weist auf ein grundsätzliches Problem der CO2-Abtrennung hin: Sie verschlechtert den Wirkungsgrad der Verbrennung deutlich um gut zehn Prozent. Würde man ältere Anlagen mit Filtern nachrüsten, wären diese Kraftwerke im Prinzip „Energievernichtungsmaschinen”, so Fahlenkamp.
Notwendig ist es also, zuvor den Wirkungsgrad so hoch wie möglich zu schrauben. Moderne Kraftwerke liegen heute bei etwa 45 Prozent, mit CO2-Technik wären es nur noch 35. Egon Erich, Experte für Gasaufbereitung am Institut für Energie- und Umwelttechnik (IUTA) der Universität Duisburg-Essen, weist auf die gigantische Dimension der Aufgabe hin: 1,5 Millionen Kubikmeter Abgas produziert ein mittleres Kraftwerk pro Stunde. Darin enthalten sind 16 Prozent CO2. Erich tippt in seinen Rechner und kommt auf knapp 300 Tonnen Kohlendioxid, die ein Kraftwerk stündlich herauspustet. „Das muss nicht nur abgetrennt, sondern auch noch entsorgt werden”, sagt er.
Wie weit ist die Technik tatsächlich? Drei Lösungswege zeichnen sich ab:
Rauchgaswäsche:Dabei wird das Kohlendioxid nach der Verbrennung chemisch aus der Abluft herausgefiltert. Den Entwicklungsbedarf schätzt Professor Fahlenkamp auf „mindestens 15 Jahre”. Auch Egon Erich wird bei der Marktreife vorsichtig: „Man weiß, wie es geht. Doch kann man nicht von einer Versuchsanlage an ein großes Kraftwerk gehen.”
Kohlevergasung: Dabei wird Kohle nicht verbrannt, sondern vergast. Durch Zugabe von Wasserdampf verwandelt sich Kohlenmonoxid in Kohlendioxid, das leicht abgeschieden werden kann. Fahlenkamp: „Das funktioniert im Prinzip gut, wenn die Kosten keine Rolle spielen.” Entwicklungszeit: mindestens zehn Jahre.
Oxyfuel: Dabei wird die Kohle in einer Atmosphäre aus Sauerstoff und Rauchgas verbrannt. Als Reaktionsprodukt entsteht fast nur Kohlendioxid, was die Abscheidung erleichtert. Vor 2020 sei diese Technik indes kaum einsatzfähig.
Fazit: „Alle drei Verfahren müssen noch entwickelt werden, bevor man große Anlagen bauen kann”, meint Fahlenkamp – um von CO2-Transport und Speicherung gar nicht zu reden. Nur eines ist schon klar: Strom wird teurer.

20:26
Und wie ist es mit der Idee, die von allen Industriestaaten der Welt verwirklicht werden, nur nicht von Deutschland, nämlich mehr in Kernkraftwerke zu investieren. Dazu müßten aber einige goldene Kälber der Roten und der Grünen geschlachtet werden.