"Randale für alle"
01.05.2009 | 19:41 Uhr 2009-05-01T19:41:00+0200
Dortmund. 300 Neonazis attackierten friedliche DGB-Kundgebung in Dortmund. Polizei hatte Gefahr offenbar unterschätzt.
Schöner kann sich ein Gewerkschaftler den 1. Mai nicht malen. Der Himmel blau, die Sonne lachend, die Temperaturen so angenehm, wie sie nur sein können – und dazu eine gesamtwirtschaftliche Allwetterlage, die den unter Mitgliederschwund leidenden Arbeitnehmerorganisationen wieder neue Wertschätzung verschafft. „Arbeit für alle bei fairem Lohn” lautete das Motto des DGB für den Tag der Arbeit. In Dortmund haben braune Horden es offenbar gründlich missverstanden: Randale für alle. Und der Himmel verdüsterte sich nicht nur durch die plötzlich bedrohlich über der City kreisenden Polizeihubschrauber.
Scheinbar wie aus dem Nichts waren kurz vor 11 Uhr rund 300 Rechtsradikale in der Dortmunder Innenstadt aufgetaucht. Schwarzgekleidet, teils vermummt und augenscheinlich äußerst gewaltbereit. Bewaffnet mit Holzstangen und Steinen attackierten sie die friedliche Mai-Kundgebung, griffen den Zug der mehreren tausend Gewerkschaftler und ihrer Freunde von hinten an. In Höhe des Theatervorplatzes, wo einst Dortmunds Synagoge stand, schlugen die Neonazis am Ende des Gewerkschaftszuges blitzartig zu. Steine flogen. Es kam zu Handgreiflichkeiten zwischen den Randalieren und den Kundgebungsteilnehmern.
Polizeibeamte verletzt
Ein Spielmannszug aus Iserlohn wurde derart attackiert, dass er sein Programm abrechen musste. Dann griff die Polizei ein. Nur unter Einsatz des Schlagstockes und zunächst in Unterzahl konnten die Einsatzkräfte die Rechtsradikalen abdrängen. Fünf Beamten trugen dabei Verletzungen davon. Wahrscheinlich konnte sogar Schlimmeres verhindert werden. Polizeibeamte hatte Dortmunds DGB-Chef Eberhard Weber wenige Minuten zuvor gewarnt, er möge „ganz schnell” in Richtung Westfalenpark aufbrechen – dorthin, wo die Maikundgebung traditionell mit einem großen Familienfest ihren Abschluss findet.
Von der Heftigkeit des braunen Ansturms waren aber nicht nur die Veranstalter völlig überrascht, sondern offenbar auch die Dortmunder Polizei. Zwar hatte Eberhard Weber, seit langem ein Mahner gegen die rechte Gefahr, die Polizei im Vorfeld vor möglichen Attacken gewarnt. Doch nach eigenen Aussagen fand Dortmunds mächtiger Gewerkschaftsboss bei den Ordnungshütern in der Stadt, kein Gehör. „Man teilte mir mit, es lägen keine Erkenntnisse über eine drohende Störung unserer Veranstaltung durch Rechtsradikale vor”, sagte Weber der WAZ. Auf der Pressekonferenz am Abend erklärte Dortmunds Polizeipräsident, es sei „bundesweit einmalig”, dass Rechtsradikale gegen eine friedliche Demonstration vorgegangen seien.
Demo in Siegen als Finte genutzt
Augenscheinlich hatte die Polizei die Gefahr schlichtweg unterschätzt. Am Hauptbahnhof, wo sich die braune Horde zusammenrottete, waren nur ein paar Streifenwagen postiert. „Mit dieser Attacke hat niemand gerechnet”, sagte später ein Polizist zur WAZ. Wie sich herausstellte, wollten die Neonazis vom Hauptbahnhof ursprünglich zu einer genehmigten Demonstration nach Siegen aufbrechen. Doch dies war offenbar nur eine Finte. Erst im Laufe des Vormittags zog die Polizei immer mehr Einsatzkräfte in der Innenstadt zusammen, darunter Beamte aus Bochum und Kollegen von der Bundespolizei, die gegen 15 Uhr recht spektakulär mit gleich mehreren Hubschraubern auf dem nördlichen Bahnhofsvorplatz landeten. Zu diesem Zeitpunkt freilich waren die meisten Randalierer schon lange festgesetzt. Einsatzkommandos hatten sie in der Innenstadt an mehreren Stellen eingekesselt. Die zumeist jungen Neonazis wurden später mit Bussen in Gewahrsam gebracht.