Politiker im Fokus der Medien
01.02.2009 | 16:56 Uhr 2009-02-01T16:56:00+0100Essen. "Im Zweifel zählt Sympathie mehr als Kompetenz": Der Mainzer Publizistikwissenschaftler Prof. Hans Mathias Kepplinger spricht im WAZ-Interview über Presse, Politik und das Wahlverhalten der Bürger. Die Medien hätten beim Niedergang von Kurt Beck eine große Rolle gespielt, sagt Kepplinger.
Die SPD befindet sich in einem Umfrage-Dauertief. Sorgen nicht ständige Meinungsforschungen dafür, dass sie sich am Ende auch erfüllen?
Kepplinger: Darüber gibt es zahlreiche Untersuchungen. Die überwiegende Mehrheit sagt: Normalerweise ist das nicht der Fall. Aber es ist dann der Fall, wenn in Deutschland eine Partei so um die fünf Prozent steht. Das kann dazu führen, dass deren Anhänger entmutigt werden. Sie gehen nicht zur Wahl. Und damit ist die Partei draußen. Viel wichtiger ist aber: Die Umfrageergebnisse haben einen Einfluss auf die Partei-Oberen, auf die Wahl von Themen und Personen. Das hat sich in jüngster Zeit ja massiv am Verhalten der SPD gegenüber Kurt Beck gezeigt. Er ist ja letzten Endes vor allem wegen der schlechten Umfragewerte gescheitert. Die Mehrheit wollte ihn nicht als Kanzlerkandidaten sehen. Das war für ihn der Todesstoß als Parteivorsitzender.
Haben die Medien beim Niedergang von Kurt Beck nicht eine große Rolle gespielt?
Kepplinger: Kurt Beck behauptet das, und ich finde, er hat Recht. Ein Teil der Medien hat relativ schnell, nachdem er Parteivorsitzender war, jede Chance genutzt, um Beck ins Unrecht zu setzen. Das hat sich natürlich auf die Umfrageergebnisse ausgewirkt.
Soziale Herkunft beeinflusst die Wahlentscheidung
Wenn nicht durch die Umfragen, werden dann die Wahlen wirklich im Fernsehen entschieden?
Kepplinger: Die stärkste Wirkung auf eine Wahlentscheidung geht von der sozialen Herkunft aus. Nur, die Herkunft ändert sich ja im Wahlkampf nicht. Wahlen werden aber nicht dadurch entschieden, dass etwas gleich bleibt, sondern dadurch, dass sich etwas ändert. Nämlich das Wahlverhalten. Deshalb lautet die Frage, wie kann man den ungebundenen Teil der Wahlentscheidung am ehesten beeinflussen? Die Antwort darauf lautet: Am ehesten geht das über die Massenmedien und darunter wieder durch das Medium, das die meisten Menschen erreicht, das Fernsehen.
Zweifelsohne spielt das Fernsehen eine wichtige Rolle. Wie groß ist denn der Einfluss der Zeitungen auf die Wahlentscheidung?
Kepplinger: Rein quantitativ gesehen, haben die Zeitungen einen geringeren Einfluss als das Fernsehen. Und das liegt genau daran, dass die Zeitungen vor allem Leser erreichen, die politisch interessiert sind. Und die politisch Interessierten wissen in der Regel, was sie wählen wollen. Sie sind weniger beinflussbar.
Sympathisches Auftreten wirkt meist
Viele politische Fernsehsendungen dienen eher der Unterhaltung, sie haben mehr Unterhaltungs- als Informationswert.
Prof. Hans Mathias Kepplinger ist am Mittwoch, 4. Februar, Gast des Politischen Forums Rhein-Ruhr in der Messe Essen.
Die Veranstaltung unter der Moderation von Stephan Holthoff-Pförnter ist bereits völlig ausgebucht. Der Politik- und Publizistikwissenschaftler Kepplinger ist Professor für Empirische Kommunikationsforschung an der Universität Mainz. Thema des Abends: Warum werden Wahlen im Fernsehen entschieden? Der 65-Jährige klärt Fragen wie zum Beispiel: Wie bedeutsam ist das, was man vor dem Fernseher hört im Vergleich zu dem, was man sieht?
Kepplinger: Wir müssen uns frei machen von der Meinung, dass für die Masse der Bevölkerung die Entscheidung, eine Partei zu wählen, auf einer fundierten Information beruht. Für sie beruht die Entscheidung sehr stark auf emotionalen Faktoren.
Also ist die positive Ausstrahlung eines Politikers im Fernsehen wichtiger als seine Sachkompetenz?
Kepplinger: Im Zweifelsfall schlägt sich die Tatsache, dass jemand sympathisch wirkt, stärker in der Wahlentscheidung nieder als seine Sachkompetenz. Schlagendes Beispiel war der Vergleich Schröder gegen Stoiber. Die Mehrheit hat erklärt, Stoiber ist in der Sache kompetenter. Aber wenn es um die Frage ging, wen wollen Sie als Kanzler haben, hat die Mehrheit geantwortet: Schröder. Auch bei den amerikanischen Primaries hat man Hillary Clinton weitaus kompetenter als Obama eingeschätzt. Gewählt wurde letztendlich aber Obama, weil er der bei weitem sympathischere Mensch ist. Das wurde wiederum durch den Eindruck entschieden, den Politiker im Fernsehen machen. Das ist die einzige Möglichkeit für die Masse der Bevölkerung, sich ein Bild von diesem Menschen zu machen.
Nutzt das Fernsehen mehr den großen Parteien, oder profitieren eher die Kleinen?
Kepplinger: In unserer Situation profitieren die Kleinen mehr als die Großen vom Fernsehen. Besonders die Linkspartei, die ja ohne die enorme Fernsehpräsenz von Oskar Lafontaine und Gregor Gysi in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung treten würde. Diese beiden fernsehwirksamen Figuren rücken die Partei permanent in den Mittelpunkt. In diesem Fall profitiert eine kleine Partei mehr als die großen, und das könnte auch für die FDP gelten.
Und die Grünen?
Kepplinger: Die Grünen haben so lange enorm profitiert, wie Joschka Fischer im Mittelpunkt stand. Weil er jemand ist, der im Fernsehen glänzend rüber kommt. Seitdem Fischer nicht mehr die erkennbare Führungsfigur der Grünen ist, tun sie sich im Fernsehen sehr viel schwieriger.
Diskussion: Politiker und Medien - wie sehr brauchen sie einander?
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