Nicht jede Deutschlandreise ist ein Wintermärchen

Winklers Wanderziel Regensburg.
Winklers Wanderziel Regensburg.
Foto: ddp WP
Was wir bereits wissen
Der Publizist Willi Winkler wird mit Hape Kerkeling verwechselt und wandert trotzdem weiter, von Hamburg nach Altötting.

Essen.. Bücher über Wallfahrten gehören nicht unbedingt zu den erwarteten Bestsellern. Die Ausnahme ist Hape Kerkeling, mit dem Willi Winkler auch prompt auf seinem Weg von Hamburg nach Altötting verwechselt wird. Wobei dies noch einer der freundlichen Vergleiche ist. In den Augen der meisten Zeitgenossen, denen der Wanderer auf seiner 855 Kilometer langen Strecke begegnet, handelt es sich um einen bedauernswerten Frührentner, armen Wahnsinnigen oder befremdlichen Alien.

Bisweilen beschleichen auch Winkler diese Selbstzweifel an seiner Mission. Aber da er 1993 das Gelübde abgelegt hatte, für den Fall, dass die FDP aus dem Deutschen Bundestag ausscheiden sollte, diese Wallfahrt auf sich zu nehmen, musste es so geschehen. Das hat den Vorteil, dass wir nun als Leser in den 35 Kapiteln an jedem einzelnen Tag der Wanderung teilhaben können, an den körperlichen Strapazen, sonderbaren Erlebnissen, präzisen Beobachtungen und feinsinnigen Reflexionen des Autors – und das mit dem minimalen Aufwand, das Buch zu halten und die Seiten umzublättern.

Winkler ist nicht der erste Publizist, der über seine Wanderungen vom Norden in den Süden und zwischen West und Ost schreibt: Goethe, Heine und Karl Philipp Moritz haben es schon lange vor ihm getan.

„Zaungast“ an den Stammtischen

Wir folgen dem Autor durch historisch bedeutsame, ländliche Gegenden, gehen mit ihm aber auch in die durch Krieg, Wiederaufbau oder Tatenlosigkeit zerstörten Städte mit ihrem Einerlei aus Geschäftsketten und Weihnachtsmärkten, in die durch Autobahnen, Landstraßen und Gewerbegebiete zerschnittenen Vorstädte und ländlichen Regionen, in das immer noch trostlose „Zonenrandgebiet“ entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, in die bescheidenen Absteigen für die Nächte, in die Wirtshäuser mit ihren schwadronierenden Stammtischen, denen der „Zaungast“ unfreiwillig beiwohnt, und wir nehmen Anteil an den von Schweinefleisch in allen Variationen geprägten Speisekarten als Sättigungsgrundlage oder am Angebot von „Erotikbier“ der Brauerei Lang aus Wunsiedel.

Als Willi Winkler bei seiner Wanderung schließlich die Stiftspfarrkirche in Altötting erreicht, in der seit 1652 der Leichnam Graf Tillys bestattet liegt, und damit das „Winterabenteuer“ zu Ende geht, ist man selbst als Leser erleichtert. Denn Deutschland ist nicht nur „riesengroß und erklärungsbedürftig“, sondern auch in seiner Geschichte und Gegenwart sehr anstrengend. Vor weiteren politischen Gelübden wird daher vorsorglich gewarnt.