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Iran

Mussawis Anhänger schreien den Frust von den Dächern

15.06.2009 | 17:17 Uhr
Mussawis Anhänger schreien den Frust von den Dächern

Kairo. Sie suchen Schutz vor Polizeiknüppeln - und sie finden ihn bei Ajatollah Chomeini: In ihrer Wut und Verzweiflung vereinnahmen Irans Oppositionelle die Symbole der Iranischen Revolution.

Für iranische Blogger ist das die beste Nachricht: „Die Rufe ,Allah ist groß' werden lauter und lauter”, jubeln sie in ihren Foren. Zehntausende Menschen versammeln sich inzwischen Abend für Abend auf Balkonen und Dächern in der iranischen Hauptstadt und schreien ihren Frust in die Nacht hinaus. „Tod dem Diktator” und „Allah ist groß” tönt es hinunter in die Straßenschluchten. Genau um 21 Uhr beginne der ungewöhnliche Protestgesang, berichtet ein anderer aus seinem Viertel – „gelegentlich untermalt durch das Krachen von Schüssen und Tränengasgranaten.”

Auch wenn viele Anhänger von Mir Hossein Mussawi so jung sind, dass sie Revolutionsführer Ajatollah Chomeini nicht mehr erlebt haben, lassen sie jetzt ausgerechnet seine Formen des zivilen Widerstands wieder aufleben. Chomeini war es, der vor 30 Jahren die Menschen im Iran aufrief, von den Dächern herunter mit „Allah ist groß” Schah Reza Pahlevi von der Macht zu vertreiben. Und nicht nur damals, auch heute nach dem Wahlbetrug vom Freitag zeigt das Regime Wirkung. Keine 24 Stunden nach dem „großen Siegesfest” mit seinen Anhängern sagte Mahmud Ahmadinedschad am Montag überraschend seine Reise nach Moskau ab. Revolutionsführer Ali Chamenei, der den Sieg seines politischen Zöglings am Samstag noch als „göttliche Fügung” gepriesen hatte, sah sich sogar genötigt, eine „genaue Überprüfung” der Betrugsvorwürfe des offiziell unterlegenen Gegenkandidaten Mussawi anzuordnen. Dieser hatte am Sonntag zusammen mit dem Hardliner Mohsen Rezai offiziell Einspruch beim Wächterrat eingelegt. Für Mussawi ist der fabrizierte Ahmadinedschad-Sieg „Lug und Trug”, für den früheren Chef der Revolutionären Garden eine „Erniedrigung des Volkes”.

Blutige Bilder auf Facebook

Auch haben die Unruhen in Teheran inzwischen auf andere Städte übergegriffen. Im Internet sammeln sich die Demo-Videos grüner Mussawi-Anhänger, die aus allen Ecken des Landes kommen. In Schiras im Süden, in Isfahan im Zentrum, in Tabriz im Norden oder in Rasht am Kaspischen Meer – überall gehen die Menschen auf die Straße und fordern eine Annullierung der Präsidentenwahl. In Teheran stürmten Polizei und Milizionäre in der Nacht den Campus der größten Universität. Fotos auf Facebook und Twitter zeigen blutüberströmte Opfer auf ihren Betten, eingetretene Türen, zertrümmerte Computer und brennende Autos. Sogar mit Äxten seien die Schläger auf sie losgegangen, berichteten schockierte Studenten am nächsten Morgen. „Viele wollen zu ihren Familien flüchten, sie haben große Angst”, sagte der 25-jährige Ali gegenüber Reportern. „Aber andere werden bleiben. Die Polizei und die Milizen haben uns gedroht, sie kommen wieder – und dann verhaften sie jeden, den sie noch antreffen.”

Doch die Unruhen mit Gewalt zu ersticken, das scheint dem Regime immer weniger zu gelingen. Die für Montagnachmittag angemeldete Großdemonstration der Mussawi-Anhänger wurde zwar vom Innenministerium verboten. Doch Mussawi gab nicht nach – und drohte per Internetbotschaft, notfalls einen Sitzstreik auf dem Platz des Chomeini-Mausoleums am südlichen Ende der Stadt zu halten. Damit würde der 67-jährige Ex-Premier sich und seine Anhänger unter den Schutz des obersten Polit-Heiligen und Staatsgründers der Islamischen Republik stellen – jenes Chomeini, der mit „Allah ist groß”-Rufen vor 30 Jahren den Schah vertrieb.

Martin Gehlen

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