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Barack Obama in Straßburg

Mit Charme, Witz und gebotenem Ernst

03.04.2009 | 16:51 Uhr
Mit Charme, Witz und gebotenem Ernst

Straßburg.So einen Gast hat man nicht alle Tage. Dass er den langersehnten Freund aus Übersee endlich auf eigenem Boden begrüßen kann, versetzt Frankreichs ohnehin stets agilen Präsidenten sichtlich in einen Euphorierausch.

Wie ein Irrwisch wieselt Nicolas Sarkozy um  US-Präsident Barack Obama herum, schubst und dirigiert ihn nach  links, nach rechts, zupft und zieht ihn am Ärmel, um Obama und sich  selbst ein Bad in der - vorab sorgsam gefilterten - Menge vor dem  Straßburger Stadtschloss am Ufer der Ill zu gönnen. Wie Popstars  werden Obama, aber auch seine strahlende Gattin Michelle, gefeiert,  als sich die dicken Türen ihrer Panzer-Limousine öffnen. 

Dutzende  Hände strecken sich ihm voller Begeisterung entgegen, während Carla  und Michelle, die beiden First Ladys, Wangenküsse wie alte  Freundinnen tauschen, die sich ewig nicht gesehen haben. Selbst  Modemuffel müssen dabei anerkennen: In Sachen Chic sticht die  Amerikanerin in ihrem eleganten schwarz-roten Seidenmantel Madame  Sarkozy in einem grauen Etwas mit übergroßer Schleife an diesem Tag  locker aus. Später, beim Treffen mit etwa 3000 jungen Franzosen und Deutschen in  der Straßburger Rhenus-Halle, wo sonst Basketball-Profis ihre Körbe  werfen, steigert sich die Obama-Begeisterung noch zur Euphorie.

Michelle Obama sind die Strapazen anzusehen

Vor  allem Michelle, der die Strapazen der letzten Tage und die Folgen  der Zeitverschiebung durchaus anzusehen sind, wird enthusiastisch  umjubelt. Einige Mädchen umarmen die Präsidentengattin, die ihren  jungen Fans sichtlich gerührt wiederum den mütterlichen und  ur-amerikanischen Rat gibt, das Beste aus ihrem Leben zu machen -  "egal, ob ihr aus einer Sozialbausiedlung oder von einem Landgut  kommt".

Auf der eigens gezimmerten Bühne in der Hallenmitte zeigt  Gatte Barack derweil, warum ihm daheim während des Wahlkampfes die  Herzen nur so zuflogen. Mit Charme, mit Witz, mit faszinierender  amerikanischer Lässigkeit, aber auch gebotener Ernsthaftigkeit  stellt sich Obama den kritischen Fragen der Schüler, erneuert sein  Credo, dass die Welt nur gemeinsam die drängendsten Probleme lösen  kann. "Alle müssen mehr tun", sagt er mit Blick auf den Klimaschutz  und bezieht dabei sein eigenes Land an vorderster Stille mit ein.  Unter Vorgänger Bush klang das noch anders, vor allem hochnäsig und  arrogant.

Stadion-ähnliche Begeisterung

"Ich verstehe die Zweifel in Europa am Krieg in  Afghanistan", versichert Obama ebenfalls in aller Deutlichkeit. Aber  der Terrorismus "bedroht uns alle". Atomwaffen wiederum, das  verspricht er den Schülern aus beiden gastgebenden Ländern, will er  möglichst schnell verschrottet sehen. Dass er seine Fans auch noch  auf deutsch und auf französisch mit "Guten Tag" und "bon après-midi"  begrüßt, steigert nur noch die stadion-ähnliche Begeisterung in der  Halle. Schüler fragen, mitunter recht keck und ohne falschen Respekt  vor dem immerhin mächtigsten Mann der Welt, aber stets in gutem  Englisch. Obama antwortet, ohne Floskeln, freimütig und entwaffnend  direkt - eine Lehrstunde wird das in Sachen direkter Demokratie, die  sich auch andere Politgrößen, "Sarko" eingeschlossen, durchaus  einmal zumuten könnten.

Doch solche Gipfelmomente, wo hohe Politik und Bürger sich plötzlich  auf Augenhöhe begegnen, bleiben die Ausnahme. Statt dessen wird in  Straßburg alles getan, um neugieriges Volk  auf Distanz zu halten.  Soviel Polizei, soviel Militär hat Straßburg zu Friedenszeiten in  seinen Mauern noch nie gesehen. Jede noch so kleine Gasse wird  bewacht. An strategischen Punkten steht schweres Gerät, sind  Hundertschaften der hochgerüsteten Antiaufruhr-Polizei CRS  stationiert. In der Luft knattern Hubschrauber.

Krawalle in der Nacht zuvor

In der Nacht zuvor  hatte es tatsächlich schon schwer gerummst. Im Neuhof, einem  krawallnotorischen Viertel am Stadtrand, kam es zu heftigen  Ausschreitungen, die fast katastrophal eskaliert wären. Ein Offizier  hatte die Pistole schon entsichert, als Autonome seinen Jeep  angriffen und dabei recht brachial die Frontscheibe mit einer  Eisenstange durchstießen. Nur der schnell eingelegte Rückwärtsgang  und ein beherzter Tritt aufs Gaspedal verhinderten wohl Schlimmeres. 

300 Nato-Gegner, zumeist Jugendliche, nahm die Polizei in dieser  Krawallnacht fest. 105 saßen gestern Mittag noch in den  Arrestzellen. Die Sorge, dass rund um den Straßburger Nato-Gipfel, der offiziell  eigentlich erst am heutigen Samstag mit einem Spaziergang der  inzwischen 28 Nato-Mitglieder über die Rheingrenze beginnt, die  Krawalle eskalieren, hat die Sicherheitsvorkehrungen indes auch ins  fast schon Absurde getrieben.

Ohne Spezialausweis kommen selbst  Anwohner nicht mehr in die Bäckerei an der nächsten Ecke. Und  vollends kommt auch der letzte Verkehr auf Straßburgs Straßen zum  Erliegen, als Obamas Air Force One am Vormittag in den elsässischen  Luftraum einschwebt. Der Stolz, gemeinsam mit den deutschen Nachbarn  in Kehl und Baden-Baden Schauplatz dieses Gipfels zu sein, hält sich  daher bei recht vielen Bürgern der Stadt in überschaubaren Grenzen. 

Wirte sind sauer

Vor allem die Wirte in der "roten Zone", dem Sperrbezirk rund um  Straßburgs Kathedrale, sind mächtig sauer, dass ihnen der Gipfel das  Geschäft verhagelt. Kleinliche Sorgen sind das indes aus Sicht des französischen  Präsidenten, der sich diese Tage gewiss dick im Kalender anstreichen  wird. In London, im Club der 20 wichtigsten Volkswirtschaften der  Erde, hat er sich nach eigener Wahrnehmung mit der klaren Forderung  durchgesetzt, dass die internationalen Finanzmärkte künftig an die  kurze Leine kommen. Und beim Nato-Gipfel will er darauf dringen,  dass Frankreichs Sicht der Dinge die angestrebte strategische  Neuausrichtung des westlichen Militär-Bündnisses entscheidend  mitprägt.

"Frankreich ist der älteste Alliierte Amerikas", lobt  Obama die Energie Sarkozys, der sein Land tatsächlich punktgenau zur  runden Geburtstagsparty und gegen hörbaren Protest im eigenen Lager  auch wieder in die militärische Kommandostruktur des Bündnisses  zurückgeführt hat. "Wir wollen starke Alliierte", fügt Obama hinzu,  was wiederum die freundliche Aufforderung an die europäischen  Partner enthält, bei Rüstung und Verteidigung gefälligst ein  kräftiges Schüppchen draufzulegen. Das wiederum hören die  europäischen Kollegen dann nicht ganz so gern.

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Joachim Rogge

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