Merkels zweiter Sprecher wird Berater von Steinmeier
16.07.2009 | 17:22 Uhr 2009-07-16T17:22:00+0200
Berlin. Als zweiter Regierungssprecher hat Thomas Steg die Anerkunnung und das Vertrauen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) gewonnen. Jetzt wechselt er zu den Sozialdemokraten - der 49-Jährige soll Merkels Herausfordere Frank-Walter Steinmeier im Wahlkampf beraten.
Auf einem schmalen Grat zu wandern, erfordert besonders viel Geschick, wenn man sich zwischen zwei Parteigräben bewegt und politischen Wurfgeschossen von beiden Seiten ausgesetzt ist. Thomas Steg hat fast vier Jahre lang als Sozialdemokrat und zweiter Regierungssprecher die Positionen von Angela Merkel vertreten. Auch die im Bundestagswahljahr härter werdenden Auseinandersetzungen zwischen den Koalitionspartnern hat er überlebt. Unversehrt, mindestens äußerlich.
Manchmal fiel das Wort „Verräter”
Seine Erfahrungen im Gratwandern wird Steg mutmaßlich gebrauchen können, wenn er in den Parteigraben der SPD steigt. Eine Woche Urlaub trennt ihn noch von seiner neuen Aufgabe, als Berater von Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier ein oder besser zwei Wunder zu produzieren.
Stegs Aufgabe wird es sein, für den Wahlkampf der SPD einen angemessenen Tonfall zu finden. Grob formuliert sollen in der Krise verunsicherte Menschen, die der Kanzlerin viel zutrauen, nicht durch plumpe Angriffe auf Merkel verstört werden. Gleichzeitig muss Steinmeier sich gegen Merkel, muss die SPD sich gegen die Union profilieren.
Als Steg sich zum Abschied von Merkel für die „menschlich einmalige Behandlung” bedankte, dürften einige Sozialdemokraten noch einmal zusammengezuckt sein. Manchmal hatten sie ihm leise das Wort „Verräter” hinterhergeschnarrt, wenn er seinen Job aus ihrer Sicht zu professionell erfüllt und Merkel zu positiv präsentiert hatte. In der Union wiederum betrachteten einige Steg als Spion der SPD – ein Verdacht, den Merkel ausdrücklich nicht geteilt hat.
Die Kanzlerin, die bekanntermaßen mit Vertrauen äußerst sparsam haushaltet, ließ den 49-Jährigen nur ungern gehen. Sie schätzte Stegs analytischen Verstand, seine rhetorischen Fähigkeiten und seine berufliche Loyalität. Wäre es nach Merkel gegangen, hätte Steg einfach beide Jobs gleichzeitig erledigen dürfen: als ihr zweiter Sprecher und als Berater ihres Herausforderers.
Umso erleichterter ist die SPD, den Strategen fest auf ihrer Seite zu wissen, in ihrem Graben also. In diesem gilt es für Steg zunächst ebenfalls, einen Grat zu bewandern. Franz Münteferings Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel plant natürlich schon lange für die Bundestagswahl. Steg bezieht also in einem fortgeschrittenen Stadium seinen Platz in der Wahlkampfzentrale „Nordkurve”.
Allerdings dürften seine konzilianten Umgangsformen sowie seine unerschütterliche Ruhe mögliche Machtkämpfe rasch überflüssig erscheinen lassen. Auch mit Regierungssprecher Ulrich Wilhelm kam Steg gut zurecht, obwohl Merkel gelegentlich den Eindruck nicht vermied, sie bevorzuge in schwierigen Situationen den zweiten Sprecher an ihrer Seite.
Mit der Begabung zur Harmonie
Das Geheimnis von Stegs Begabung zur Harmonie, für die er in einem Medium mit einem Aal verglichen wurde, ist seine Freiheit von allen Allüren eines Alphatiers. Auch ein paar Semester Psychologie, die der promovierte Soziologe absolviert hat, wird er zu nutzen wissen. Wenn ihm eine komplexe Frage gestellt wird, reagiert Steg gern mit einem neutralen Kopfnicken bei gefalteter Stirn, das ihm eine Sekunde zum Nachdenken verschafft.
Und dann antwortet er präzise und trotz einer erkennbaren Eitelkeit in einer Weise, die erstens nicht überheblich wirkt und zweitens auch andere Deutungen zulässt. Das macht es manchem leichter, sich Stegs Auffassung anzuschließen, oder sie sogar geradewegs für die eigene zu halten.
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