„Menschenbilder” in Gefahr
15.04.2009 | 18:57 Uhr 2009-04-15T18:57:00+0200Essen. Die Öffnungszeiten stehen schon im Internet. Doch ob die Ausstellung stattfindet, ist zurzeit nicht mehr sicher. „Menschenbilder in der deutschen Kunst 1450 - 1550” werden nächstes Jahr – im Kulturhauptstadtjahr 2010 – möglicherweise nicht wie geplant in der Essener Villa Hügel zu sehen sein.
Karl Schütz, Leiter der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien, bestätigte auf Nachfrage, er habe Ende letzter Woche von einer Absage telefonisch erfahren. Der Anruf sei aus dem Büro des Vorstandes der Kulturstiftung Ruhr Essen, Professor Paul Vogt, gekommen.
Die Kulturstiftung ist Teil der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung (AKBH), kurz Krupp-Stiftung genannt, das Kunsthistorische Museum in Wien sollte einer der großen Leihgeber für die Essener Schau sein.
Begründet wird die Absage unbestätigten Presseberichten zufolge mit der schlechten wirtschaftlichen Situation des Thyssen-Krupp-Konzerns, den die Wirtschaftskrise schmerzlich getroffen und der Stellenstreichungen angekündigt hat. Er gehört zu einem Viertel der Krupp-Stiftung.
Erheblicher Imageschaden
Da die Ausstellung „Menschenbilder” ausschließlich als Veranstaltung der Kulturstiftung Ruhr konzipiert wurde, wären die Kulturhauptstadt 2010 formal nicht von diesem Rückzug betroffen. Wenn allerdings die Villa Hügel, der wohl prominenteste Platz für Ausstellungen in Essen, im Kulturhauptstadtjahr mehr oder weniger leerstehen sollte, wäre das natürlich ein erheblicher Imageschaden.
In der Vergangenheit präsentierte das Haus immer wieder Kulturereignisse, die Aufmerksamkeit weit über die Grenzen des Reviers erlangten. „Tibet” im Jahr 2006 lockte rund 195 000 Menschen auf Essens grünen Hügel, auch die im Mai zu Ende gehende Präsentation von Spitzenwerken aus dem Folkwang-Museum ist ein überzeugendes Projekt geworden.
Von weiteren Absetzbewegungen der Kulturstiftung als Sponsor war bislang nichts zu hören. Doch weder die Kulturhauptstadt-Gesellschaft Ruhr 2010 noch das Folkwang-Museum, dessen Neubau zu einem erheblichen Teil mit Krupp-Geld bezahlt wird, können unbesorgt in die Zukunft blicken.
Anders als angekündigt, war von der Essener Kulturstiftung gestern keine Stellungnahme zu bekommen.

11:41
Vielleicht sollten die Medien ihre untertänig-unkritische Haltung gegenüber der allmächtigen und gönnerhaften Krupp-Stiftung einmal überdenken.
Der Imageschade für Essen durch das Nichtzustandekommen der Menschenbilder-Ausstellung wäre nicht der erste, der auf das Konto dieser Stiftung ginge.
Schon beim Kaufmann-Rausschmiss, der eine unpopuläre, aber sicher nicht unbegründete Entscheidung war, hat es die Stadt Essen der maßlosen politischen Einflussnahme der Krupp-Stiftung zu verdanken, nun auf einer millionenschweren Entschädigung für Herrn Kaufmann sitzenzubleiben, worunter der komplette Kulturbetrieb an Philharmonie, Grillo und Aalto schwer leidet.
Auf die Unterstützung eine potenten Kulturstiftung kann man sicher nicht verzichten, wohl aber auf politischen Filz und der allgegenwärtigen Furcht, dem guten Herrn Beitz ja nicht auf die Füße zu treten.
Kulturpolitische Entscheidungen sollten immer noch im Rathaus stattfinden und nicht an den Mahagoni-Schreibtischen von Stiftungsvorsitzenden mit entsprechenden Freunden in der Stadt...
Hier wünschte ich mir auch von den Gazetten der WAZ-Gruppe mehr Mut und Kritik.