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"Mein härtester Winter"

08.01.2009 | 19:24 Uhr

Essen. Seit Montag liegen bis zu 20 Zentimeter Schnee. Verkehrswege sind verstopft, Heizungen fallen aus. Doch es war schon mal schlimmer – wir fragten die Leser nach Ihren Erlebnissen.

Helga Wagner, Foto: WAZ, Armin Thiemer

„Der kälteste Winter, an den ich mich erinnere, war der von 1946 auf 47. Eine Cousine meiner Mutter hatte mir aus einem alten Militärmantel eine Hose genäht, die ich immer trug. Dazu Holz-Klotschen und die dicken, selbstgestrickten Socken meiner Oma. In unserer Gegend gab es nur zwei Schulen, eine war komplett ausgebombt, in der anderen saßen wir mit drei bis vier Jahrgängen im Raum und fünf Kindern pro Bank.

Mittags gab es immer die Schwedenspeise, das war eine heiße Suppe, die von Müttern gekocht wurde. Lebensmittel wurden damals getauscht, auch auf dem Schwarzmarkt. Mein Vater war Bergmann, für Kohle hat er Kartoffeln und Kappes bekommen.” Helga Wagner, Essen

Ellen Ringleb, Foto: WAZ, Franz Naskrent

„Ich habe schon viele heftige Winter erlebt. Aber der letzte Kriegswinter 1945, der war der schlimmste. Alles war kaputt, wir lebten wie in einem Loch. Aus Mehl, Gries und Bittermandelöl haben wir einen Brei gemacht, der etwas nach Marzipan schmeckte.

Nie vergessen werde ich den Silvestertag. Mein Vater und ich brachten meinen Freund zum Bahnhof nach Dellwig. Er musste zurück an die Front. Wir waren beide 19, und wir wussten nicht, ob wir uns jemals wiedersehen. Doch er kehrte zurück, nach drei Monaten Kriegsgefangenschaft. Wir waren 55 glückliche Jahre verheiratet und jeden Silvester haben wir an damals zurück gedacht.” Ellen Ringleb, Bottrop-Kirchhellen

Hilde und Bernd Huckebrinker aus Oberhausen Foto: WAZ, Tom Thöne

„Es war 1979, im Februar. Mein Freund hatte mich spontan gefragt, ob ich ihn heiraten möchte. Ich habe Ja gesagt, er studierte damals noch in Münster, ich wohnte in Duisburg. Dann kam der 16., ich stand im Kostüm am Bahnhof. Es lag viel Schnee, dann die Durchsage: Kein Zug fährt mehr. Ich sagte zum Bahnmitarbeiter: Aber ich muss doch zu meiner Hochzeit!

In den letzten Zug stieg ich ein. In Münster wartete keiner mehr am Bahnhof, kein Taxi kam, dann holten mich die Trauzeugen im Auto ab – der Reifen platzte. Auf Zehn-Zentimeter-Absätzen musste ich quer durch die Stadt und kam nass am Standesamt an. Wir feiern bald unseren 30. Hochzeitstag.” Hilde Huckebrinker, Oberhausen

Reinhold Degner, Foto: WAZ, Armin Thiemer

„Nur für zehn Tage müssten wir unser Dorf in Oberschlesien verlassen, hieß es damals, daraus sind 64 Jahre geworden. Januar 1945 war das, die Front rückte näher, und wir mussten schnell einige Sachen zusammenpacken und machten uns dann zu Fuß auf den Weg.

Über Gleiwitz ging's nach Ratibor, 50 Kilometer lang. Wir haben vier Tage dafür gebraucht. Der Boden war hart gefroren. Ich war 16 und meine jüngste Schwester wurde auf der Flucht sechs Jahre alt. Am 13. Februar erreichten wir Dresden, zogen aber noch am Nachmittag des selben Tages nach Halle weiter. Es war der Abend, an dem der schwere Bombenangriff auf Dresden verübt wurde.” Reinhold Degner, Essen

Anna Federigo, Foto: WAZ, Armin Thiemer

„Im Jahr 1929 sollte meine Kommunion sein, doch der Weiße Sonntag wurde wegen des strengen Winters verschoben. Es war so kalt, dass wir über die gefrorene Ruhr von Überruhr nach Steele gehen konnten. Mein Vater konnte nicht im Steinbruch arbeiten, weil das Gestein zu kalt war.

Und dann kam der Weiße Sonntag endlich, ich war neun Jahre alt, und es war der 9. Mai. Endlich sollte meine Kommunion sein. Doch es war immer noch eisig. Mein Kommunionkleid war aus Wolle, auch die anderen trugen Kleider. Mäntel oder Jacken gab es damals nicht. Ich erinnere mich, wie einige Regenschirme aufspannten, gegen Schneeflocken.” Anna Fedrigo, Essen

Protokolle: Insa Moog

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Insa Moog



Kommentare
09.01.2009
14:51
Mein härtester Winter
von Marion Fedrdigo | #3

Ichhabe mich gefreut meuìine mutter in der zeitung zu sehen, schreibe aus italien meine mutter ist anna fedrigo 88 jahre alt sie hat den winter von1929 erlebt wie in der zeitung beschrieben

09.01.2009
00:23
Mein härtester Winter
von computerprinzessin | #2

Es muß irgendwann in den 50er Jahren gewesen sein. Ich war noch nicht in der Schule. Meine Mutter ging mit mir zum Einkaufen. wir mußten durch hohen Schnee stapfen. Meine Füße fühlten sich wie Eisklumpen an. Dann fühlte ich sie gar nicht mehr. Zuhause machte meine Mutter Feuer im Ofen. Wir setzten uns vor den Ofen, eine Klappe wurde geöffnet, sodaß die Wärme herausströmte. Meine Mutter massierte meine Füße. Ich erinnere mich noch heute an die Schmerzen, wenn langsam das Gefühl wieder in die Zehen kam. Meinen Kindern konnte ich zum Glück im Winter warme Schuhe kaufen.

08.01.2009
21:40
Mein härtester Winter
von sprichdichaus | #1

Viele mögen sich noch dran erinnern, es war wohl der Winter 1962/63, fast 11 Wochen Minustemperaturen bis zu -30Grad samt Schnee, Sämtliche Kanäle waren zugefroren und auf dem Rhein trieben Eisschollen die sich zum Teil in den Buhnen zwischen den Kribbenköpfen stapelten. Zur Schule ging es trotzdem , mit einem paar Hausschuhe und trockenen Socken im Ranzen.

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