"Mehr Netto vom Brutto ist leeres Versprechen"
15.11.2009 | 18:16 Uhr 2009-11-15T18:16:00+0100Essen. Haben wir mehr Geld im Portemonnaie, wenn die Steuern sinken? Nicht unbedingt, findet Professor Gerhard Bosch in diesem Gastbeitrag. Er lehrt als Wirtschaftssoziologe an der Uni Duisburg-Essen und leitet dort das Institut Arbeit und Qualifikation.
Der Anteil der Abgaben für Sozialversicherungen und Steuern am Bruttosozialprodukt liegt in Deutschland bei rund 36 Prozent. Damit liegen wir unter dem Durchschnitt der EU. Die skandinavischen Wohlfahrtsstaaten mit Spitzenwerten in der Lebensqualität haben Abgabenquoten von etwa 50 Prozent.
Die neue Bundesregierung will nun die Abgabenquote senken. Den Bürgern wird mehr Netto vom Brutto versprochen. Natürlich wäre es schön, mehr Geld in der Tasche zu haben. Bekanntlich ist aber nichts im Leben umsonst.
Auf der Suche nach versteckten Kosten hilft da die Frage weiter: „Was ist eigentlich mit Netto gemeint?” Denn wenn sich die direkten Abgaben um 100 Euro verringern, dafür aber im Gegenzug 100 Euro zusätzlich für Rezeptgebühren, Studiengebühren oder eine erhöhte Mehrwertsteuer aufgebracht werden müssen, bleibt die Kaufkraft des verfügbaren Einkommens gleich.
Mehr Eigenvorsorge
Der Staat nimmt aber nicht nur Geld von uns. Den Abgaben stehen auch erhebliche Gegenwerte für den Bürger gegenüber. Die öffentliche Infrastruktur und das Bildungswesen werden aus Steuern finanziert. Mit Sozialbeiträgen erwirbt man Anrechte auf Rente, Krankenbehandlung oder Arbeitslosengeld. Wenn die Abgaben gesenkt werden, kommt es zwangsläufig zu Kürzungen dieser Gegenleistungen. Es bleibt dann jedem einzelnen überlassen, für die zusätzlichen Ausgaben zu sparen oder sich – etwa fürs Alter – privat zu versichern.
Wenn man diese zusätzliche Eigenvorsorge berücksichtigt, bleibt vom Netto wieder nicht mehr übrig. In den USA liegt die Abgabenquote zwar rund acht Prozent niedriger als bei uns. Für die Amerikaner ist dies trotzdem ziemlich teuer. Sie zahlen horrende Beiträge für private Versicherungen. Vor allem die Ärmeren können sich eine Krankenversicherung nicht leisten.
Das Versprechen vom höheren Nettogehalt könnte allerdings erfüllt werden, wenn die Eigenvorsorge effizienter als die staatliche ist. Davon ist nicht auszugehen. Die gesetzliche Rentenversicherung hat einen Verwaltungsanteil von weniger als einem Prozent der Beiträge. Bei privaten Versicherungen müssen Werbung, Vertreter und Gewinne mitfinanziert werden, die unter Umständen über 20 Prozent der Beiträge auffressen. In diesem Fall bleibt langfristig vom Netto sogar weniger übrig als zuvor.
"Nur Reiche können sich armen Staat leisten"
Noch ungünstiger sieht die Bilanz aus, wenn umverteilt wird. Durch Steuersenkungen werden vor allem die oberen Einkommen entlastet. Ausgabenkürzungen im Sozial- und Bildungsbereich treffen aber vor allem die mittleren und unteren Einkommen. Nur Reiche können sich einen armen Staat leisten, bemerkte hierzu der amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith.
Man kann ökonomische Gesetze also nicht überlisten. Mehr Netto vom Brutto ist ein leeres Versprechen und voller versteckter oder in die Zukunft verlagerter Kosten vor allem für die unteren und mittleren Einkommen. Wer über diese Kosten nicht genau Buch führt, glaubt vielleicht mehr netto zu haben. Dabei ist es nur eine Netto-Illusion. Mit Illusionen kann man aber trefflich Politik machen.

03:15
haha selbst schuld, dummer deutscher Michel. wer den sprechenden Ex-FDJ-Hosenanzug und den warmen Lügner und Nichtskönner Guidolanti wählt, hat nix anderes verdient.
16:22
Sehr treffende Analyse. Ein Punkt allerdings fehlt. Zwar bleibt in der Rechnung am Nede plus/minus Null, aber die 10 €, die der Staat den Bürgern in die eine Tasche steckt, zieht er nicht aus der anderen Tasche des geichen Bürgers, sondern eines anderen wieder heraus. Da es Menschen gibt, die von dieser Entlastung überproportional profitieren werden, gibt es logischerweise auch welche, die entsprechend belastet werden. Und die Frage, wer das ist, kann man sich leicht beantworten. Es werden weder die Hartz IVer sein noch die Besserverdienenden..................
14:27
Unfairness kann man der Regierung nicht vorwerfen. Vor der Wahl hat sie angekündigt, den Mittelstand zu entlasten. Das bedeutet, dass diese Wählerklientel (Beispiel Hoteliers) plötzlich als Dankeschön einen Haufen Geld mehr in der Tasche haben. Der nächste Tiefschlag erfolgt dann, wenn weitere Steuergeschenke wie angekündigt realisiert werden. Diese können nur durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer ausgeglichen. Wer zahlt die Rechnung? Der gebeutelte Idiot, der diesen Misthaufen gewählt hat.
11:42
und noch was....
an alle, die die geplatzten wahlversprechungen bemängeln.....
ich habe mir für die zukunft vorgenommen, meine stimme nicht nach den versprechungen für die zukunft zu vergeben, sondern für das in der vergangenheit geleistete.
mfg
11:37
na was sind das denn für neue erkenntnisse? also wenn man mit einem prof-titel mehr nicht zusammenbekommt, na dann prost mahlzeit.
13:07
Die Steuerentlastungen für die sogenannte Mittelschicht sollen angeblich Wachstum vorantreiben. Wachstum wäre z. B. eine Zunahme der Aufträge und der daraus resultierende Rückgang der Arbeitslosigkeit. Doch was passiert wirklich?
Ein Szenario zum nachdenken:
Ein Metzger arbeitete mit zwei Gesellen. Teile seiner Kundschaft wurden von der Arbeitslosigkeit nicht verschont und sie mussten ihren Konsum drastisch reduzieren. Natürlich wurde auch beim Metzger gespart. Keine teure Lende, kein unerschwingliches Filet und wenn Schnitzel, dann nur noch einmal in der Woche.
Der Metzgermeister musste sich wohl oder übel von einem Gesellen trennen, denn die Arbeit reichte gerade noch für zwei.
Nun profitiert er von den Steuergeschenken der neuen Regierung. Er hat nun einen kleinen Ausgleich zu den Umsatzausfällen, doch es wird trotzdem immer weniger bei ihm gekauft. Nicht weil seine Wahre schlecht wäre, sondern weil seine Kundschaft - viele Hartz VI-Bezieher - immer weniger im Geldbeutel haben. Seine Steuerminderungen helfen weder ihm so richtig und seiner Kundschaft schon gar nicht.
Wann merken so verbohrte Klientelpolitiker wie Westerwelle und Merkel, dass ihre neoliberale Wirtschafts-und Finanzpolitik falsch ist?
Jeder halbwegs intelligente Hauptschüler kann sich ausrechnen, dass dem Metzgermeister nur geholfen wäre, wenn der Konsum wieder ansteigt und seine Kunden wieder mehr Geld im Geldbeutel hätten.
Auch dem arbeitslosen Gesellen wäre geholfen, denn es würde nicht lange dauern, bis ihn der Meister wieder gebrauchen und einstellen würde.
Der Konsum und die Auftragslage muss verbessert werden, dann klappt´s auch wieder mit dem Wachstum.
09:58
Das ist doch schon seit Kohl eine beliebte Strategie. Mit der einen Hand ein wenig geben und mit der anderen mehr nehmen.
Da diese Strategie seit Kohl funktioniert, wird diese auch nicht geändert. Insofern sollte die momentane Politik nicht wirklich überraschen.....ausser natürlich den naiven Gemütern, die - ohne Millionäre zu sein - die FDP/CDU gewählt haben.
12:37
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07:37
Das wir mehr Geld haben wenn die Steuern gesenkt werden bezweifele ich. Die Regierun holt es sich an anderer Stelle wieder herein.
Egal welche Partei, sie lügen für der Wahl das blaue vom Himmel und hinterher geht es uns Steuerzahlern an den Kragen.
00:49
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