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Masken der

20.06.2008 | 12:17 Uhr

Sie taucht die Welt in anderes Licht:Die Sonnenbrille schirmt uns ab und offenbart unsere Persönlichkeit

Es ist taghell, ich setze sie auf und blicke durch. Es ist Sommer, ich klappe sie runter und werde unsichtbar. Es ist Sonne, ich schiebe sie vor die Augen und ziehe mein Gesicht an. Meine Sonnenbrille hält UV-Strahlen in Schach. Meine Sonnenbrille überschattet den Augenblick. Meine Sonnenbrille macht mich zu jemand anderem. Maske der Moderne: Mein Reich komme, meine Sonnenbrille geschehe.

"Die Sonnenbrille ist mein mobiler Lidschatten. Durch sie sieht alles ein bisschen jünger und schöner aus."

Karl Lagerfeld Die Sonnenbrille ist längst nicht mehr nur funktionales Gerät, das die empfindliche Netzhaut vor zu starkem Lichteinfall bewahrt. Die Sonnenbrille gibt der Welt eine andere Farbe, der Blickwinkel ändert sich - und zwar beidseitig. Man selbst nimmt die Umgebung anders wahr, und wird von ihr als jemand anders wahrgenommen. Das mag daran liegen, dass die Sonnenbrille im Gegensatz zu normalen Brillen in der Regel mindestens die Augen desjenigen verbirgt, der sie trägt. "Ich mag deine Sonnenbrille nicht, weil ich deine Augen nicht sehe", sagte mir kürzlich ein Freund. Scharade des 21. Jahrhunderts, doppeltes Verwirrspiel, das von anderen Kulturen durchaus nicht so nonchalant interpretiert wird, wie von hiesigen Hochglanzmagazinen. In Afghanistan etwa reagierten die Einheimischen jüngst höchst misstrauisch auf die fremden Soldaten mit den Fliegenaugen: Die Situation zwang das Oberkommando der internationalen Schutztruppen schließlich zu einer höchst seltsamen Dienstanweisung. Die europäischen und amerikanischen Truppen, hieß es in dieser, dürften ab sofort keine Sonnenbrillen mit Verspiegelung mehr tragen. Warum? Die undurchschaubaren Nasenfahrräder hatten in den Straßen Kabuls den Unmut der Einheimischen erregt. Sie vermuteten, wenn diese verspiegelten Wesen aus dem Westen auf den Mond fliegen können, dann können sie auch Brillen fabrizieren, mit denen man angezogene Männer, womöglich sogar Frauen, nackt sieht.

"Pessimisten sind Leute, die mit der Sonnenbrille in die Zukunft schauen."

Heinz Erhardt Ich bin nicht ich. Ich trage meine Brille: In den 60er Jahren gewinnt diese Rolle der Sonnenbrille als moderne Maske an Bedeutung. Und obwohl hier zunächst die Zweckmäßigkeit im Vordergrund stand, ein Großteil der Modelle in Handarbeit und aus zum Teil sehr schweren und unhandlichen Materialien wie Mineralglas gefertigt wurde: Hersteller wie Neostyle, Persol oder Ray Ban legten das Fundament für ihren heute noch ungebrochenen Kultstatus. Die Geschichte der Sonnenbrille ist auch immer Modegeschichte und umgekehrt, Kleider machen Leute, Sonnenbrillen machen Gesichter: "Die Brille zum Kleid" lautete das Credo in den Siebzigern. Praktisch sollte es sein, aber bitte auch chic. Zeig mir deine Brille, und ich sage dir, wer du bist. Leichtigeit, Farbigkeit, Formvollendung: Kunststofflinsen ersetzen die unhandliche Mineralverglasung. Die Sonnenbrillen werden riesig. Die optische Revolution: Die Erfindung des "Optyl". Dieser Kunststoff war zugleich leicht und beständig. Dior, Dunhill, Playboy, Picasso oder Carrera ließen ihre Sonnenbrillen in dem Optyl-Werk von Wilhelm Anger in Österreich produzieren. Jetzt, Mitte der Achtziger, erkannten auch andere renommierte Marken, dass mit Sonnenbrillen ein gutes Geschäft zu machen war. Masken in Serie, teuer, teurer, am teuersten: Zeig mir deine Brille, und ich sage dir, wer du bist. Bugatti, Cartier, Colani, Jaguar, Lacoste und Porsche stiegen groß ins Geschäft mit ein. Porsche revolutionierte den Markt mit auswechselbaren Gläsern, Colani entwickelte Titan für seine Fassungen, Dior produzierte randlose Brillen . . . Meine Brille, mein Status: Was kostet ein überschatteter Augenblick? Die oberen Zehntausend nicht mehr als einen Wimpernschlag.

Was bleibt: Die große Freiheit, das Alles-Geht, die permanente Scharade via gefärbter Kunststofflinsen. Sonnenbrillen sind heute Teil der Inszenierung. Und nicht zuletzt die Stars haben das neue Credo längst verinnerlicht, das da lautet: Absetzen zwecklos. Tina Bucek



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