Mario Gomez: Alles versucht, alles verfehlt
29.03.2009 | 19:23 Uhr 2009-03-29T19:23:00+0200
Leipzig. Der Stürmer aus Stuttgart wird zur tragischen Figur, obwohl die deutsche Nationalelf problemlos mit 4:0 gegen Liechtenstein gewinnt. Die Zuschauer pfeifen ihn gnadenlos aus, die Mitspieler und der Bundestrainer unterstützen ihn.
Vielleicht sollte sich Mario Gomez diesmal nicht mit Hans-Dieter Hermann unterhalten, vielleicht ist er bei dem Sportpsychologen der Nationalmannschaft momentan an der falschen Adresse. Möglicherweise könnte Wolfgang Schäuble dem blockierten Stürmer die besseren Tipps geben, denn der Grund, den der Stuttgarter für seine Verkrampfung erkannt zu haben glaubt, fällt exakt ins Ressort des Bundesinnenministers. „Wenn du die innere Sicherheit nicht hast, ist es schwer”, gab Gomez zu verstehen.
Seine Mitspieler hatten vergeblich versucht, ihm zu helfen. Sie hatten ihn aus allen Lagen bedient – mit jeder weiteren Anstrengung aber wuchs in ihm die Verunsicherung. Gut gemeint ist bekanntlich das Gegenteil von gut.
Zwei schnelle Tore in jeder Halbzeit
4:0 gegen Liechtenstein in Leipzig, die deutsche Nationalmannschaft bleibt in der WM-Qualifikation für 2010 auf Kurs. Zwei schnelle Tore durch Michael Ballack und Marcell Jansen zu Beginn der ersten Halbzeit, zwei weitere durch Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski zu Beginn der zweiten: Dieses Spiel war ein recht unspektakuläres Ereignis, die deutsche Mannschaft hatte nach korrekter Einschätzung von Bundestrainer Joachim Löw ihre „Pflichtaufgabe erfüllt”. Es kommt allerdings nicht oft vor, dass bei einem derart klaren Sieg ein Spieler der erfolgreichen Mannschaft eine tragische Hauptrolle übernimmt.
Gleich beim ersten Angriff in der ersten Minute versemmelte Mario Gomez die erste Chance. Als sein Kopfball neben dem Tor landete, dachten alle noch: Nun gut, ein Fehlversuch, aber gegen Liechtenstein wird es schon klappen.
Eine Fehleinschätzung. Mario Gomez quälte sich weiter. Er rutschte beim Drehschuss aus. Er geriet ins Stolpern, als er von Michael Ballack per Kopfballvorlage perfekt eingesetzt wurde. Er hob verzweifelt zum Fallrückzieher ab, als die Kugel schon vorbeigeflogen war. Er verpasste um Zentimeter den Ball, den Lukas Podolski für ihn scharf nach innen schlug.
An einem solchen Tag geht alles schief
Als er in der 68. Minute weit über das Tor schoss, pfiffen die Leipziger Zuschauer laut. Spätestens von diesem Moment an konnte einem Mario Gomez leid tun. Das war so ein Tag, an dem er froh darüber sein musste, dass er einmal wegen Abseitsstellung zurückgepfiffen wurde: Auf dem Weg zum leeren Tor hätte er noch über einen offenen Schnürsenkel fallen können.
Vier Minuten vor Schluss zog Mario Gomez an zwei Gegenspielern vorbei, das Tor aber verfehlte er erneut. Er ließ ließ sich auf den Rücken fallen und schlug die Hände vor das Gesicht. Der Junge war fertig.
Es spricht für den 23-Jährigen, dass er hinterher nicht flüchtete, sondern seine Selbstzweifel zugab. „Ich weiß nicht, woran es liegt,”, sagte er. Seit nunmehr 13 Länderspielen hat er nicht getroffen, und diese Nationaltrikotallergie ist umso verblüffender, weil Mario Gomez parallel dazu ein Zweitleben als treffsicherer Angreifer seines Vereins führt. In 34 Pflichtspielen dieser Saison hat er dem VfB Stuttgart bereits 23 Tore besorgt.
Die Pfiffe der Fans schmerzen
Die Pfiffe der Fans taten ihm weh. „Sie wollen mich hier gut spielen sehen, weil sie mich auch in der Bundesliga gut spielen sehen, deshalb verstehe ich sie sogar”, meinte Mario Gomez, der intern auch nach dem Spiel unterstützt wurde. „Wir sollten froh sein, einen wie ihn zu haben”, meinte Bastian Schweinsteiger. „Ich finde es schade, dass er ausgepfiffen wird. Ich habe ihm gesagt, dass er noch entscheidende Tore für uns machen wird. Und zwar schon bald.”
Löw überlegt noch
Bald – das könnte bereits am Mittwoch sein. Joachim Löw schließt nicht aus, Gomez in Wales erneut aufzustellen. „Das ist durchaus denkbar”, sagte der Bundestrainer. „Er hat ja um sein Tor gekämpft, er war nur im Abschluss etwas unglücklich.”
In diesem Fall gilt der Rat des Besten von allen, des unerreichten Gerd Müller. „Wenn du vor dem gegnerischen Tor denkst, ist es schon zu spät”, hat der Rekordtorjäger einst gesagt, und damit dürfte das derzeitige Problem von Mario Gomez weitreichend erklärt sein. Allenfalls eine unerschütterliche Weisheit des großen Fußballphilosophen Andreas Brehme lässt sich noch tröstend für Mario Gomez hinzufügen: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß!”
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