Mafia-Boss Strangio im Wohnzimmer festgenommen
13.03.2009 | 16:23 Uhr 2009-03-13T16:23:00+0100
Duisburg. Es ist die Geschichte einer langen und komplizierten Mission. Aber jetzt hat die Polizei den mutmaßlichen Mörder Giovanni Strangio geschnappt. Gestolpert ist der Mafioso über eine deutsche Feinstaubplakette.
Über dem Schreibtisch von Heinz Sprenger im Polizeipräsidium Duisburg hängt ein Schaubild, das Außenstehende zunächst angemessen verwirrt. Dabei zeigt es nur die etwa 100 nächsten Verwandten des Mordverdächtigen Giovanni Strangio aus dem Mafia-Nest San Luca, und wenn Sie das für unübersichtlich halten – das ist noch gar nichts: „Es gibt in San Luca allein 46 Antonio Pelles”, sagt Sprenger, der Leiter der Mordkommission „Mülheimer Straße”.
"Gelungene internationale Kooperation"
Am Freitag treten Polizisten und Staatsanwälte im Präsidium vor die Medien, um eine Erfolgsgeschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte einer langen und komplizierten Observation, Polizei aus Deutschland, Holland und Italien war beteiligt, Sondereinsatzkommandos, Kriminaltechniker und andere Spezialisten; und wenn die Beteiligten am Freitag große Worte finden über diese „gelungene internationale Kooperation”, muss man am Ende wohl doch auch dies schreiben: Der mutmaßliche italienische Mörder Giovanni Strangio ist gestolpert über eine deutsche Feinstaubplakette.
Strangio soll in der Nacht des 15. August 2007 geschossen haben, als sechs Italiener wenige hundert Meter hinter dem Duisburger Hauptbahnhof regelrecht exekutiert wurden. Es war seit Jahrzehnten das spektakulärste Gewaltverbrechen im Ruhrgebiet, es war nach allem, was man weiß, die Fortsetzung einer Familienfehde innerhalb der kalabresischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta. Danach jedenfalls war Strangio verschwunden. „Es gab seit Ende 2007 Anhaltspunkte, dass er in Amsterdam ist, aber Versuche, ihn zu lokalisieren, schlugen zunächst fehl”, sagt Kriminaldirektor Holger Haufmann.
Doch das Ende naht, spätestens seit November 2008. Da nimmt die Polizei, auch schon in Amsterdam, Strangios Schwager Giuseppe Nirta (35) fest – auch er soll in das Duisburg-Massaker verwickelt sein, vielleicht als zweiter Schütze.
Romeo und die Spur nach Amsterdam
Von hier an muss man sich ein bisschen konzentrieren: In Nirtas Wohnung findet die Polizei jene Feinstaubplakette, auf der fein säuberlich eine Frankfurter Autonummer eingetragen ist. Sie gehört zu einem 48-jährigen Italiener, der von nun als Bekannter Nirtas überwacht wird. Der 48-jährige fährt am 2. März nach Amsterdam und trifft dort Francesco Romeo (43), einen anderen Schwager Strangios; auch Romeo ist untergetaucht, auch Romeo wird gesucht und könnte in Duisburg dabei gewesen sein.
Romeo, Nirta, Strangio, das sind seit Jahren richtig dicke Kumpel, sie haben drei Schwestern geheiratet, weiß die Polizei. Sie entschließt sich jetzt, Romeo zu observieren, und tatsächlich führt er sie eine Woche später unabsichtlich zu einem Mietshaus in Amsterdam. Dort trifft er sich mit einem Paar mit einem kleinen Kind, der Mann ist nicht zu identifizieren, hat langes, blondiertes Haar – aber die Frau ist Frau Strangio!
"Da klopft man nicht an und fragt, ob sie mitkommen wollen"
Zehn nach elf in der Nacht zu Freitag stürmt ein holländisches SEK die Wohnung, Haufmann beschreibt das so: „Bei Leuten, die für sechsfachen Mord in Frage kommen, da klopft man nicht an und fragt, ob sie mitkommen wollen.” Romeo schläft, Strangio sitzt im Wohnzimmer, beide werden festgenommen. In der Wohnung finden sich: Gefälschte Papiere und Pässe, Fälscherwerkzeug, eine geladene Schusswaffe und mehr als eine Million Euro.
Ende einer monatelangen Observierung. Einer, die von San Luca in Süditalien bis Amsterdam reichte. Denn bei allem konspirativen Verhalten („Die Gesuchten verhielten sich sogar beim Einkaufen konspirativ”): Dass die drei Schwestern Angela, Aurelia und Teresa gelegentlich ihre untergetauchten Männer in Amsterdam besuchten, war eine Torheit. Sie wechselten die Autos unterwegs, ja die Verkehrsmittel, sie nahmen Umwege, und doch waren sie es, die die Polizei schließlich zur Festnahme von Nirta führten – der Anfang vom Ende für die ganze Gruppe.
Der Staat wird gehasst
DNA-Proben sollen nun klären, ob vielleicht Nirta oder Romeo der zweite Schütze von Duisburg sein könnte. Ob sie San Luca jemals wiedersehen, wird sich zeigen. Für die Duisburger Polizisten indes gilt: eher nicht. „Nach zwei Stunden in San Luca hat man einen Eindruck, woran das alles so liegt”, sagt Sprenger. Der Staat werde gehasst dort unten, und die Polizeiwache habe wohl „vor allem den Sinn, sich selbst zu schützen”.
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20:02
Da kann man mal sehen, wozu Feinstaubplaketten sonst noch alles so gut sind.