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Interview

„Kriegszustand in Tibet”

18.03.2008 | 11:03 Uhr
„Kriegszustand in Tibet”

Kelsang Gyaltsen ist der Europabotschafter des Dalai Lama. Zu Gast bei der WAZ sprach der tibetische Sondergesandte über die Krise in seiner Heimat und ihre Unvereinbarkeit mit dem olympischen Geist.

Essen. Die Lage in Tibet explosiv. Und es ist nur noch ein halbes Jahr bis zu den Olympischen Spielen in Peking. Auch für Kelsang Gyaltsen, den Sondergesandten des Dalai Lama, tickt die Uhr. Der exiltibetische Spitzendiplomat mit Sitz in Genf ist für 21 Länder in Mittel- und Südeuropa zuständig und wird dabei von nur drei Kollegen unterstützt.

Wie stehen Sie nach den jüngsten Unruhen in Tibet zu einem Boykott der Olympischen Spiele in Peking?

Gyaltsen: Die Position des Dalai Lama ist nach wie vor dieselbe. Er unterstützt weiterhin die Spiele. Aber man muss berücksichtigen, dass nun faktisch Kriegsrecht in Tibet herrscht. Und wenn die chinesische Regierung keine entscheidenden Veränderungen ihrer Politik in Bezug auf Tibet vornimmt, ist es natürlich schwer vorstellbar, dass die Olympischen Spiele in einem Land abgehalten werden können, in dem Kriegszustände herrschen. Das stünde in totalem Widerspruch zum olympischen Geist.

Das heißt, Sie wünschen sich schon, dass die Internationale Gemeinschaft sagt: So geht's nicht?

Gyaltsen: Ich glaube, es kommt darauf an, was sich in den nächsten Wochen ergeben wird. Wie die chinesische Regierung die Situation handhabt. Meine Aussage ist: Wenn keine grundlegende Verbesserung eintritt in Tibet, dann kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass in Peking fröhlich Olympische Spiele abgehalten werden, während in Tibet faktisch Kriegsrecht herrscht.

Was erwarten Sie nun von der Internationalen Gemeinschaft?

Gyaltsen: Unsere größte Sorge gilt den Menschen in Tibet. Und die brauchen den Schutz der internationalen Gemeinschaft. Deswegen ist unser Appell an die Weltgemeinschaft, der chinesischen Regierung nicht zu erlauben, das Tibet abgeriegelt wird. So dass die chinesischen Sicherheitskräfte freie Hand haben. Eine internationale Präsenz in Tibet ist unbedingt nötig, um vor Ort die Situation zu begutachten. Und sie hat einen mäßigenden Einfluss auf China.

Haben Sie nähere Angaben zur Zahl der Opfer bei den jüngsten Unruhen?

Gyaltsen: Aus verschiedenen Quellen wurde uns bestätigt, dass es achtzig Tote gegeben hat. Aber unsere Befürchtung ist, dass es weit über hundert Opfer gibt.

Was befürchten Sie, würde geschehen, wenn keine Beobachter mehr in Tibet sind?

Gyaltsen: 1989, als es die letzte größere Demonstration in Tibet gab, hat die chinesische Regierung eine Position der gnadenlosen Unterdrückung jegelichen politischen Dissenzes angewendet. Das ist nun wieder zu befürchten, wenn die Internationale Gemeinschaft nicht reagiert.

Was heißt gnadenlose Unterdrückung?

Gyaltsen: Schon jetzt gehen die chinesischen Sicherheitskräfte von Haus zu Haus, von Tür zu Tür, um nach Demonstranten zu suchen und Menschen zu verhaften.

Ist dieser Aufstand denn ein politisch gesteuerter? Der Zeitpunkt so kurz vor den Spielen deutet darauf hin.

Gyaltsen: Nein, die Lage der Tibeter in Tibet ist schwierig und verzweifelt. Sie sidn frustriert. der entscheidende Auslöser für den Beginn dieser Proteste ist die grundlegende Situation in Tibet. Seit China die Herrschaft in Tibet ausübt, ist die ganze Politik darauf ausgerichtet, die tibetische Kultur und Sprache zu unterminieren. Konsistent, stetig. Wenn Sie heute als Tibeter in der Hauptstadt Lhasa einkaufen gehen, müssen Sie chinesisch sprechen, weil über 95 Prozent der Läden Chinesen gehören. Wenn Sie auf die Post gehen, dann müssen Sie den Brief auf Chinesisch beschriften. Sonst wird er nicht geliefert. Ebenso wenn Sie ein Taxi nehmen oder ein Konto eröffnen wollen. Und die Chinesen, die in Tibet leben, machen sich keine Mühe, tibetisch zu lernen, tibetische Werte oder Sitten anzueignen. Deshalb empfinden sich die Tibeter als Bürger zweiter Klasse in ihrer Heimat. Und der 10. März (Anm. der Red.: Tag der Besetzung) ist natürlich für alle Tibeter ein Jahrestag. Dass sie gerade jetzt demonstriert haben, hat mit dieser Gelegenheit zu tun. Und dann hat natürlich das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte und das Verhaften von friedlich demonstrierenden Mönchen dazu geführt, dass es zu Unruhen gekommen ist.

Wie organisiert ist denn der Widerstand in Tibet?

Gyaltsen: In vielen Teilen Tibets gibt es Proteste, und das Bild ist von Ort zu Ort verschieden. In der Hauptstadt Lhasa waren es zuerst die Mönche, später haben sich Zivilisten angeschlossen. Laut unseren Informationen sind es vor allem jüngere Leute, Mittelschüler, Studenten. In anderen Teilen demonstriert vor allem die Zivilbevölkerung, angeführt von Mönchen.

Sie fordern schon lange nicht mehr die Unabhängigkeit Tibets, sondern kulturelle und sprachliche Autonomie. Wie stellen Sie sich das vor?

Gyaltsen: Wir wollen im Rhamen der Volksrepublik China verbleiben. Die Zentralregierung kann zuständig sein für die Außen- und die Sicherheitspolitik. In internen Angelegenheiten sollten die Tibeter die Kompetenz und Verantwortung haben. Wir fordern eigentlich nur das, was die Chinesen selbst in ihre Verfassung und Gesetze geschrieben haben – und was im Weißbuch der chinesischen Regierung zur Autonomie Tibets steht. Das große Problem ist, dass all diese Rechte nur auf dem Papier stehen. Und nicht an Ort und Stelle umgesetzt werden. Viele Tibeter haben wohlklingende Titel und Ämter, aber die wahre Macht liegt bei ihren chinesischen Stellvertretern oder Assistenten. Der mächtigste Mann in Tibet ist der Sekretär der kommunistischen Partei. Und der war nie ein Tibeter.

Jetzt sagt der Sport, er könnte nicht das leisten, was Generationen von Politikern vorher nicht geschafft haben.

Gyaltsen: Es ist die Position des IOC, man sollte Sport und Politik nicht vermischen. Aus unserer Sicht ist dies natürlich eine politische Entscheidung – und zwar zugunsten der Chinesen. Deshalb ist sie nicht glaubwürdig. Meine persönliche Meinung ist: In der heutigen Welt kann sich kein Bereich – ob es der Sport ist oder Wirtschaft oder die Religion – von der Menschenrechtsfrage abtrennen. Wir alle haben Verantwortung. Man kann nicht sagen: Ich bin nur das.

Thomas Mader, Thomas Lelgemann, Thomas Kloß

Kommentare
17.04.2008
20:29
„Kriegszustand in Tibet”
von Uli | #18

KAUFT KEINE PRODUKTE AUS CHINA !!!

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http://www.derwesten.de/waz-info/kriegszustand-in-tibet-id1540951.html
2008-03-18 11:03
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