Kochen im Untergrund
12.03.2009 | 12:57 Uhr 2009-03-12T12:57:00+0100
London. Illegale Privat-Restaurants sind der neueste Trend in London. Die Fremden melden sich an und speisen dann im Wohnzimmer der Köchin. Sie müssen essen, was auf den Tisch kommt und mit den Tischpartnern leben, die ihnen zugeteilt werden.
Heiß, schrill und illegal, so kommt der neueste Gourmet-Trend aus der britischen Hauptstadt daher: In geheimen „Underground-Restaurants” servieren Hobbyköche fremden Gästen Drei-Gänge-Menüs am Wohnzimmertisch – inklusive Versteckspiel und Überraschungen. Ein Besuch mit Tricks, Tücken und Tortillas.
Leicht zu finden sind sie nicht, das liegt in ihrer versteckten Natur. Die Untergrundköche brechen gleich mehrere Gesetze, weshalb sie ohne offizielle Werbung oder Türschild vor sich hin schnibbeln und brutzeln. Nur Londons Szene-Cliquen kennen ihre Adresse, andere knüpfen über Twitter, Facebook oder Google einen ersten, anonymen Kontakt.
Miss Marmitelover öffnet samstags ihr Wohnzimmer
Miss Marmitelover, die ihren wahren Namen lieber nicht verrät, kocht zum Beispiel gern exotisch und öffnet seit einem Monat jeden Samstag ihr Wohnzimmer nordwestlich der Themse für 20 Fremde. „Einen Ehemann zum Bekochen habe ich ja nicht”, spottet sie, „und meine Tochter isst nichts.” Neben ihrem Aga-Herd, einem riesigen kohlebefeuerten Landhausofen, steht ein schwarz geschminkter Teenager und verdreht genervt die Augen.
Bezahlt werden muss das Essen online im Voraus, erst dann rückt Miss Marmitelover ihre Privatadresse samt Tür-Code raus. Das Geheimvergnügen kostet 25 Pfund pro hungrigem Magen – angefangen hat sie mit 15 Pfund und dabei schnell festgestellt, dass sie die Zutaten so nicht finanzieren kann. Verschreckt hat die Preiserhöhung offenbar niemanden – ein Besuch im Untergrund ist immer noch billiger als im legalen London, das unter der Kreditkrise ächzt. „Die Leute reservieren schon Tische für Juni”, sagt sie.
Heute lautet die Parole am Eingang „Hasta la victoria siempre”, eine kleine Hommage an alle Anarchisten-Köche Kubas, die Touristen am System vorbei in ihren Stuben bewirten. Hinter der Haustür wartet dann ein Mix aus fremder Party und charmantem Bistro. „Kellner” Johnny, der viel Schwarz und Piercings trägt, empfängt die Untergrund-Dinner-Gäste mit einer Margarita.
Hungrige Reporter
Miss Marmitelover hat zum Essen ihre schönen Eisentische aus dem Garten hereingetragen, Leinentischtücher ausgebreitet und lässt Musik aus ihrer privaten Sammlung auf dem iPod laufen. Jetzt erfährt man auch, was es gibt: mexikanisch-vegetarisch.
Der Fotograf zieht ein Gesicht („Was, kein Fleisch?”), doch die Grundregel im Underground-Restaurant lautet: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Regel Nummer zwei: Locker bleiben bei Tischmanieren anderer Gäste, denn Miss Marmitelover setzt die Fremden nach eigenem Gusto zusammen. Wir teilen uns den Tisch mit zwei sehr, sehr hungrigen englischen Reportern, die sich allein über die gemeinsame Vorspeise hermachen, aber immerhin freimütig ihren Rotwein teilen wollen.
Alkohol dürfte überhaupt Miss Marmitelovers größter Gesetzesbruch sein: Eine Schanklizenz hat sie natürlich nicht. Kellner Johnny, dessen Beschäftigung zudem nicht steuerpflichtig angemeldet sein dürfte, kaschiert das Problem gewieft: „Sie können sich mit drei Pfund an einer Tombola beteiligen”, sagt er, „und ich bin mir ziemlich sicher, Ihre Chancen auf ein Glas Wein stehen gut. Wenn Sie gewinnen würden, welchen Wein dürfte ich Ihnen bringen?”
Fürs Dessert hat die Köchin eine Frau engagiert, die mit einem Bus durchs Land fährt und Schoko-Pudding verkauft. Am späten Abend öffnet sie die Schiebetür ihres Bullis auch vor Miss Marmitelovers Haustür. Die hüpft mittlerweile vor dem Aga-Herd hin und her. Wie bei jeder guten Party stehen alle Gäste irgendwann bei ihr in der Küche. Dort fällt der Stress langsam von der Gastgeberin ab: „Es gibt keinen größeren Druck, als 20 Fremde in deinem Wohnzimmer zu bewirten.” Arbeitsreich ist ihr Projekt gewiss: Damit es samstags keine Pannen gibt, beginnt sie meist schon mittwochs die Vorbereitungen.
Cognac selbst holen
Wer zu später Stunde noch einen Cognac will, muss ihn sich selbst holen. Miss Marmitelover hat Feierabend und verbringt ihn auf ihre Weise: plaudernd mit den Gästen. „Das ist ja das Schöne”, sagt sie, „vielleicht auch für Deutsche: Ihr könnt herkommen, spannende Engländer kennen lernen und nebenbei sehen, dass wir doch ganz gut kochen können.” Irgendwann zieht sie die Couch für die Frau mit dem Schokoladen-Bus aus und legt sich selbst schlafen. „Vergesst nicht, das Schloss einzurasten, wenn ihr geht”, sagt sie zu den letzten Gästen, die sich da auf ihren Holzdielen zwischen den Schwarz-Weiß-Urlaubsfotos festgequatscht haben.

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