Keine harmlose Folklore
02.05.2009 | 00:01 Uhr 2009-05-02T00:01:00+0200
Essen. Die Journalistin Petra Reski und der Filmemacher Matteo Garrone behandeln das Thema Mafia. Zwei jahre nach dem Mafia-Mord von Duisburg, zeichnen sie auch die Verbindungen zu Deutschland nach.
„Die Mafia hat mehr Morde auf dem Gewissen als die Islamisten”, sagt Petra Reski, „aber das interessiert keinen, solange es in Italien geschieht.” Die aus Kamen stammende Journalstin lebt seit zwei Jahrzehnten in Italien und schreibt fast ebenso lange über Cosa Nostra (Sizilien), 'Ndrangheta (Kalabrien), Camorra (Kampanien) und Sacra Corona Unita (Apulien).
Im März wurde in Amsterdam der vermutliche Haupttäter beim sechsfachen Mafia-Mord 2007 in Duisburg, Giovanni Strangio aus San Luca, verhaftet. Matteo Garrones preisgekrönte Verfilmung von Roberto Savianos Camorra-Enthüllungsbuch „Gomorra” liegt als Sonderedition auf DVD vor. Eigentlich müsste das Bewusstsein für die Aktivitäten der Mafia geschärft sein.
Ist es aber nicht, meint die Autorin des Buches „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern” (Droemer), mit der ich über ihren Report, über den Film und über Duisburg spreche. Aber hat denn nicht Dagobert Lindlau schon vor 20 Jahren eindringlich vor dem „Mob” gewarnt? Ja, schon, aber ohne Wirkung. Die Mafia sei für die meisten Deutschen nach wie vor ein auf rückständige süditalienische Dörfer beschränktes Phänomen. Der Sinn für mafiose Vorgänge sei erschreckend gering ausgeprägt – ausgenommen bei der Polizei, der aber wegen der Gesetzeslage oft die Hände gebunden seien.
"Aber es passiert nichts"
Wer in Italien in Immobilien investieren will, muss beim kleinsten Verdacht auf Mafia-Zugehörigkeit den Beweis sauberen Geldes erbringen. „Bei uns ahnt die Polizei, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht, wenn ein mittelloser Vertreter für Speiseeis aus Kalabrien nach Deutschland zieht und nur wenige Jahre später über ein Millionenvermögen verfügt und Immobilien in bester Lage bis hin zu ganzen Einkaufszentren kauft. Aber es passiert nichts.”
Allein die 'Ndrangheta, schreibt Petra Reski, „kontrolliert in Deutschland ein Netz von dreihundert Pizzerien und schafft es wie al-Quaida, das Mittelalter mit der globalisierten Zukunft zu verbinden, per E-Mail mit Kokainbrokern in Kolumbien, Venezuela, Peru zu verhandeln, eine Bank in St. Petersburg und ganze Straßenzüge in Brüssel zu kaufen.”
Eine 'Ndrangheta-Hochburg liegt im Revier. In Duisburg, Bochum, Dortmund. Hier herrschen ihre mächtigsten Clans, jene von San Luca, die für das Massaker von Duisburg verantwortlich sind.
Mafiazugehörigkeit ist kein Straftatbestand
Petra Reski beklagt das fehlende Interesse der Politik. „Es ist eben einfacher, einen bärtigen Terroristen als Feindbild zu haben als den netten Pizzabäcker von nebenan.” Geldwäsche stinkt nicht – „dabei macht Geldwäsche die Wirtschaftsdemokratie kaputt.” In Italien reicht der Verdacht der Mafia-Mitgliedschaft, um Überwachungs- und Abhörmaßnahmen einzuleiten, Vermögen zu beschlagnahmen. In Deutschland bleiben aktenkundige Mafiosi ungestört, sofern sie kein „richtiges” Verbrechen begehen. Mafiazugehörigkeit allein ist kein Straftatbestand. Die italienische Polizei war (GPS, Wanzen im Auto) über die Anreise der Duisburger Killer informiert – deutsche Strafverfolgungsbehörden hätten die nach unserem Recht illegal erlangten Erkenntnisse nie nutzen dürfen.
Deutschland ist nicht Italien. Garrones Film – von dem Petra Reski angenehm überrascht war, weil er authentisch das „kleine miese Mafia-Leben zeigt” – war Monate vor dem Start in Neapel auf DVD zu haben: Attackierte Clans nutzten Raubpressungen als willkommene Einnahmequelle. Dass seither ein Haupt- und zwei Nebendarsteller wegen Camorra-Mitgliedschaft verurteilt worden sind, hat Petra Reski auch nicht überrascht. Selbst ein Antimafia-Film ist ohne die Mafia nicht möglich.
Unmissverständliche Drohungen
Italien ist nicht Deutschland. Wer hier Geld waschen, Logistik betreiben will, hält sich tunlichst bedeckt. So gesehen war das Duisburger Massaker ein böser Fehler. Jedes Aufsehen muss vermieden werden, weshalb die seit Veröffentlichung Ende 2008 dritte Auflage des Buches nur mit gerichtlich erwirkten Schwärzungen erscheinen kann.
Die Autorin (die bereits unmissverständlich bedroht wurde) hatte Verbindungen des Erfurter Groß-Gastronomen und Ex-Besitzers der Duisburger Pizzeria Da Bruno, Spartaco Pitani, nach San Luca aufgezeigt, hatte beim Landhaus Milser die Geschäfte des früheren Gewichthebers Rolf Milser und des Italieners Antonio Pelle hinterfragt. Was in Italien keine Maus hinter dem Ofen hervorgelockt hätte, führte hier zu fünf Zivilprozessen und einem Strafverfahren.
Beim Versuch, das Mafia-Bewusstsein so niedrig wie möglich zu halten, bescheinigt Petra Reski den Clans kluge Strategien der Selbstdarstellung. Dazu gehört, die Realität wieder auf die Ebene des bloß Folkloristischen zu heben – mit Büchern, mit „Mafiamusik”. Als sei die Mafia ein unterdrücktes Völkchen, das nichts anderes will, als seine archaischen Rituale zu pflegen: „in seinen Verstecken zu singen, zu tanzen und dann und wann einen Mord zu begehen – der uns aber nicht berührt, weil er Teil einer unverständlichen Blutrache ist”.
Immer häufiger zeige sich auch in Deutschland das, was in Italien schon seit langem geschehe: Bei manchen Antimafia-Veranstaltungen treten Experten auf, die keine sind. Petra Reski: „Selbst die Antimafia wird von der Mafia unterwandert.”
Literatur und Film
Petra Reski: „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern”. Droemer. 19,95 €: Der literarische Report ist spannender als jeder Thriller.
Matteo Garrones preisgekrönter Film „Gomorrha” entstand in Zusammenarbeit mit dem Antimafia-Autor Roberto Saviano. Bei Prokino ist eine Sonderedition (17,95 €) mit Savianos Enthüllungsbuch, dem Film und einer zweiten DVD mit 100 Minuten Hintergrund-Material erschienen.
Als Taschenbuch liegt Roberto Savianos Buch „Gomorrha” bei DTV vor (9,90 €).
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