Das aktuelle Wetter NRW 6°C
50. Geburtstag

Katastrophenschutz - Das Amt für die Sintflut

01.12.2008 | 14:31 Uhr
Funktionen
Katastrophenschutz - Das Amt für die Sintflut

Bonn. Manch einer wusste vielleicht gar nicht, das es diese Behörde überhaupt noch gibt. Vielleicht auch deshalb hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe anlässlich des 50. Geburtstags einmal seine Türen geöffnet.

Wer sich nicht anmeldet für nächsten Freitag in Bonn, der kommt erst gar nicht rein; und auch allen andern Gästen werden „umfangreiche Sicherheitskontrollen” angekündigt, „auch an elektronischen Geräten”. Das ist eher ungewöhnlich für einen freudigen Festakt zum 50-jährigen Bestehen, erklärt sich aber sofort aus der bangen Natur des Amtes, das da feiert: das „Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK)”, welches nämlich von Haus aus immer mit dem Schlimmsten rechnet. Als Höhepunkt des Festaktes im alten Bundestag wird allgemein der Vortrag „Nach uns die Sintflut?” eingeschätzt, und man muss sich doch ein wenig wundern, dass sie ein Fragezeichen dahintersetzten.

Die Risiken der Gegenwart und Zukunft

Denn „die Risiken heute und morgen sind vielfältig”, sagt vorab und öffentlich Wolfgang Geier, Leiter der Abteilung „Notfallvorsorge und Schutz kritischer Infrastruktur”: Es gebe etwa das „große Problem tagtäglicher Naturkatastrophen, die immer gefährlicher für unsere Gesellschaft werden”. Das ist eine, sagen wir mal, sehr zugespitzte Sicht der Dinge, passt aber ganz gut zu einem nervösen und überempfindlichen Land wie Deutschland, das drei Staus und 50 Blechschäden schon als „Schneechaos” einschätzt. Und so räumt Geier später im Gespräch auch ein, man müsse sich, so als BBK, „pointiert ausdrücken in Zeiten, in denen nichts (!) passiert”.

Präsident Christoph Unger vor seinem Amt mit einem handbetriebenem Notfallradio. (Fotos: WAZ, Jakob Studnar)

Eine Gruppe gut gesicherter Bürohäuser im Süden von Bonn. 300 Mitarbeiter darin, die sich acht Stunden täglich ausschließlich mit Risiko, Gefahr und Bedrohung befassen: Mediziner, Biologen, Politologen, Leute aus Feuerwehren und aus Hilfsorganisationen. Früher war dies das „Bundesamt für Zivilschutz”, das in den Anekdotenschatz der Bundesrepublik einging mit der Empfehlung, bei einem Atomangriff die Aktentasche über den Kopf zu ziehen. „Das mit der Aktentasche werden wir nicht mehr los”, sagt Präsident Christoph Unger über 40 Jahre später.

Katastrophen-Szenarien aller Art

Heute ist sein BBK zuständig für Unheil aller Art: Orkane, Seuchenzüge, große Stromausfälle, Chemieunfälle . . . Indes bekämpft das BBK sie nicht, das machen ja schon Polizei, Feuerwehr und Hilfsorganisationen; nein, das BBK schult und koordiniert, beschafft Material und Wissen, stimmt ab und ist auch vorbeugend tätig mit broschierten Tipps aller Art: „Schon bei starken Regenschauern sollten sie . . . Türen und Fenster geschlossen halten.”

So spielten sie im letzten Jahr in einer Großübung durch, was mit der „Milchversorgungskette” passieren würde, wenn 30 Prozent der Deutschen Grippe hätten: Und das Ergebnis war wirklich SCHLIMM. Auch verdanken wir dem BBK eine Liste von 45 Punkten dazu, was zwei Menschen im Hause haben sollten, um 14 Tage zu überleben. Nämlich unter anderm „Bohnen 800 g, Erbsen 900 g, Spargel 400 g . . . Tunfisch 150 g, Ölsardinen 100 g, Hering in Soße 100 g, 6 Eier, 3 l H-Milch, 0,25 kg Kartoffeltrockenprodukte (z.B. Kartoffelbrei) . . .” Daran wirkten Ernährungsphysiologen mit. In Lebensgefahr zu sein, kann ja wohl nicht heißen, sich ungesund ernähren zu müssen.

Es ist eine sehr deutsche Liste.

Eigentlich kann das BBK ja nur hoffen, das all seine Arbeit völlig überflüssig ist. Allerdings wird sie auch nicht einfacher, und Präsident Christoph Unger würde sich wünschen, dass „das Risikobewusstsein geschärft wird” – aber leider wolle sich die Bevölkerung im Alltag „nicht mit dem Thema Katastrophe befassen”. Ähnlich sieht das Abteilungsleiter Geier: „Die Nachkriegsgeneration hatte noch Vorratshaltung im Kopf, Batterieradios waren noch eher vorhanden”, sagt der 48-Jährige: „Unsere Generation hat wenig Erfahrung mit Langzeit-Lagen.”

Das mag man bedauern. Aber ein hohes Risikobewusstsein um den Preis täglicher Bombenangriffe wäre wohl auch keine Alternative.

Hubert Wolf

Kommentare
01.12.2008
08:51
Katastrophenschutz - Das Amt für die Sintflut
von Detlef_von_Seggern | #1

Wen wundert es, das die Menschen heutzutage, ohne Sorge einer evtl. eintretenden Katastrophe. in den Tag hineinleben.
Bisher war es ja so,das Natur-oder sonstige Katastrophen, wenn man diese so bezeichnen will, innerhalb von Stunden wieder in Ordnung waren.
Auch an die Vorratshaltung von Lebensmitteln, wie Getränken (wie bereits erwähnt) denkt heutzutage,
kaum noch jemand.
Warum sollte man auch? Man kann ja am nächsten Tag, wieder Einkaufen gehen. All dieses Gedankengut, kann eines Tages fatale Auswirkungen, mit sich führen, mit zur Zeit noch nicht vorstellbaren Szenarien!
Und das in einer Zeit, wo der Katastrophenschutz, der Länder und des Bundes, immer mehr ausgedünnt wird !

Lesen Sie auch
Aus dem Ressort
Hilfsbedarf steigt akut
WAZ-Info
In immer mehr Familien wird Hilfe benötigt, um den alltäglichen Anforderungen gerecht zu werden. Für die Allgemeinheit wird das teuer.
Mit King Kong in der Warteschlange
Kino im Bild
Zwei Wochen lang konnte man die „Kinohelden“ des gleichnamigen Jugendwettbewerbs der Kunst- und Musikschule in der Hauptstelle in Velbert-Mitte sehen....
Theater zwischen Einkaufswagen
Schauspiel im...
Zwischen Waschmitteln, Zahnbürsten und Kosmetikartikeln geht ein Theaterprojekt auf Stimmenfang. Die Wittener Schauspielerin Beate Albrecht...
Viel Energie im Wissenschaftspark
Jobmesse
Wind, Wasser, Wärme - die drei „Ws“ der erneuerbaren Energien. Welche Chancen diese Branche, trotz Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken, birgt,...
Neue Räume für den Kinderhospizdienst
Gesundheit
Die bunten Luftballons im Garten vor dem neuen Haus des Kinderhospizdienstes Ruhr e.V. waren schon von Weitem zu sehen.
Fotos und Videos
18. Tengelmann-Lauf
Bildgalerie
Fotostrecke
11. Retro-Börse im Zentrum Altenberg
Bildgalerie
Fotostrecke