Das aktuelle Wetter NRW 4°C
Haushaltsloch

Intrigantenstadl in der Dortmunder SPD

03.09.2009 | 15:44 Uhr

Dortmund. Ein scheidender Oberbürgermeister, der seinen Nachfolger zum Abschied massiv in Bedrängnis bringt; ein gewählter Rathauschef, der von wichtigen Interna nichts gewusst haben will. Beides zusammen stürzt die Dortmunder SPD in eine tiefe Glaubwürdigkeits-Krise. Die Landespartei ist entsetzt.

Der Polit-Krimi um das 100-Millionen-Euro-Loch im Stadt-Etat und die Haushaltssperre, die Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer einen Tag nach der Kommunalwahl verkündete, reiht sich ein in eine Kette von Affären, Intrigen und Skandalen, die die Dortmunder Sozialdemokraten und die SPD-dominierte Verwaltung der Stadt immer wieder in die Schlagzeilen brachte. Es galt die bewährte Steigerungsformel: Feind, Todfeind, Parteifreund.

So erinnert die aktuelle Situation fatal an den „heißen Herbst" 2008. Oberbürgermeister Langemeyer, obwohl damals schon 64 und wegen seiner beratungsresistenten Amtsführung ungeliebt, klammerte sich verbissen an eine dritte Kandidatur. Damit stellte er nicht nur seine Partei, sondern dazu noch die gesamte Stadtverwaltung vor eine Zerreißprobe.

OB verprellte seine eigene Belegschaft

In einer Pressekonferenz am Mittwoch legte der gerade gewählte Oberbürgermeister Ullrich Sierau seine Sicht der "missverständlichen" Aussagen von Kämmerin Christiane Uthemann zum Haushalt und zum Haushaltsloch dar. Der Vorsitzende des SPD-Unterbezirk Franz-Josef Drabig und der SPD-Fraktionvorsitzende Ernst Prüsse unterstützten ihn dabei. Foto: Franz Luthe

Denn im Zuge der Ermittlungen gegen eine Mitarbeiterin des OB-Büros - sie hatte eine sechsstellige Summe aus der Stadtkasse abgehoben und damit ihre Kokainsucht finanziert - verprellte der OB die eigene Belegschaft. Am Ende zogen über tausend Stadtbedienstete vors Rathaus, um gegen die von Langemeyer gebilligte Kündigung zweier Kolleginnen zu protesierten. Unter dem Druck der Straße nahm Langemeyer die Kündigungen zähneknirschend zurück.

Angesichts der wachsenden Gefahr, mit dem angeschlagenen Langemeyer an der Spitze erstmals die Macht im Dortmunder Rathaus zu verlieren, putschte die SPD-Führung im September 2008 gegen ihren eigenen Oberbürgermeister und stellte mit Kulturdezernent Jörg Stüdemann einen Gegenkandidaten auf.

Der Machtkampf eskalierte. Das rief sogar Landeschefin Hannelore Kraft auf den Plan. Gemeinsam mit der Dortmunder Parteispitze präsentierte sie einen dritten OB-Kandidaten: Dortmunds Stadtdirektor Ullrich Sierau. Er setzte sich später in einem parteinternen Verfahren durch. Zuvor hatte Langemeyer seinen Verzicht auf die Kandidatur bekanntgegeben und dabei die Parteispitze scharf angegriffen. Zur Überraschung vieler in Dortmund stabilisierte sich die SPD und fuhr bei der Europawahl am 7. Juni gegen den Bundestrend ein respektables Ergebnis ein. Siegessicher zogen die Genossen in die Kommunalwahl, reklamierten die Erfolge im Strukturwandel der Stadt ebenso für sich wie die angeblich soliden Stadtfinanzen. Ausgerechnet OB-Kandidat Sierau sprach noch vor zwei Monaten von einer „überschaubaren Schuldensituation". Inwieweit der inzwischen gewählte künftige OB von der tatsächlichen Finanzmisere der Stadt wusste, die Langemeyer am Tag nach der Wahl offenlegte, gehört nun zu den heiß diskutierten Fragen - nicht nur in Dortmund.

Info
Forum

Diskutieren Sie mit anderen DerWesten-Lesern

Denn auch in der Landtags-SPD sorgen die Dortmunder Vorgänge für reichlich Diskussionsstoff. Der Abgeordnete Günter Garbecht sprach gestern offen aus, was Fraktionskollegen nur hinter vorgehaltener Hand sagten. „Der Langemeyer ist ja nicht mehr als Kandidat aufgestellt worden", so Garbrecht zur WAZ, „und wenn man seinem Nachfolger ein Ei ins Nest legen will, muss man es so machen wie er." Und weiter: „Wenn ich Sierau wäre, würde ich das als unfreundlichen Akt meines Vorgängers werten."

Abgeordnete sprechen von "Racheakt" Langemeyers

Während SPD-Landeschefin Kraft keinen Kommentar abgeben wollte, sprach eine Abgeordnete von einem „Racheakt" Langemeyers. Gerätselt wurde aber auch, ob Sierau von dem Haushaltsloch gewusst habe.

Grünen-Landeschefin Daniela Schneckenburger, selbst Dortmunderin, sprach von „Täuschung" und einem Verstoß gegen die politische Kultur. Auch sie forderte Aufklärung, wie Sierau in die Vorgänge eingebunden war. Grünen-Fraktionschefin Sylvia Löhrmann sprach von einem „Skandal". Es müsse geklärt werden, „wer wann was gewusst hat", sagte sie der WAZ.

Michael Kohlstadt, Theo Schumacher, Walter Bau

Facebook
 
Kommentare
05.09.2009
10:58
Intrigantenstadl in der Dortmunder SPD
von Olga Wachowa | #29

Prüsse könnte in diesem Aufzug auch Vorsitzender eines Kaninchenzüchtervereins sein. Unglaublich, welch ein Bild. Dieser Mann vertritt Dortmund vor versammelter Presse. Was muss noch alles passieren, damit das Stimmvieh aufwacht?

04.09.2009
11:43
Intrigantenstadl in der Dortmunder SPD
von lebowski2 | #28

..sprach eine Abgeordnete von einem „Racheakt Langemeyers...

Klaro, der hat eben noch auf die Schnelle hundert Millionen Schulden gemacht.

04.09.2009
09:59
Intrigantenstadl in der Dortmunder SPD
von Rübennase | #27

Wann endlich gehen die Strippenzieher Drabig und Prüsse? Ihnen scheinen die Fäden bei ihrem parteipolitischen Marionettenspiel völlig aus der Hand geeraten zu sein.
Es hilft jetzt nichts, nach alter SPD-Manier Kreise eckig zu diskutieren. Wir brauchen einen Neuanfang!

04.09.2009
07:48
Intrigantenstadl in der Dortmunder SPD
von fte | #26

Sehr schön, dass die hohen Herren der SPD schmerzunempfindlich sind. Mit anderen Worten, die Herren Politiker sind mal wieder was besseres und der Bürger nur Wahlvieh.

Ich will MEINE Stimme zurück!

Die Dortmunder Politiker sollten soviel Moral und Anstand besitzen, dass Neuwahlen in Dortmund angesetzt werden und den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt die Möglichkeit gegeben wird Ihr demokratisches Wahlrecht auszuüben ohne wissentlich Betrogen und Hintergangen zu werden. Wenn Politik dies nicht leisten kann, verliert sie den letzten Rest an Glaubwürdigkeit. Dann werden Wahlen zu Farce und wir sind schlimmer als jede korrupte Bananenrepublik.

03.09.2009
19:53
Intrigantenstadl in der Dortmunder SPD
von zweibürger | #25

mannomann, Soppe, musst du denn überall deinen unsinn verbreiten?

03.09.2009
16:08
Intrigantenstadl in der Dortmunder SPD
von Pit01 | #24

Für diese Partei - Schädlinge darf es nur eins geben: Den Rausschmiss.

03.09.2009
13:44
Intrigantenstadl in der Dortmunder SPD
von Alternativ | #23

Können wir nun aus dem Phönixsee nen Baggersee, machen; aus dem U-Turm nen Parkhaus und aus dem Privatgymnasium ne Freilandschule??????
SChade, dass die meisten Dortmunder gar nicht wissen, was mit ihnen gemacht wird.
Es fehlt einfach die Erleuchtung.

03.09.2009
13:02
Intrigantenstadl in der Dortmunder SPD
von Expressman | #22

@21 Junge Du hast so recht. Es ist immer das gleiche. Herbert Frahm, Helmut Schmidt und Schröder waren die erbärmlichsten Kanzler der BRD. Rau der widerlichste Bundspräsident (parteiisch). Die Lügen und betrügen, aber der einfache Mann glaubt noch immer es wär ne Arbeiterpartei.
Wer Hirn im Schädel hat wählt die nicht!!!

03.09.2009
12:47
Intrigantenstadl in der Dortmunder SPD
von Selberdenker | #21

Das habt ihr fein gemacht liebe SPD Wähler. Alle Jahre wieder faul Eier bei den Roten. Aber ihr merkt nix - SPD wählen weil schon mein Opa SPD gewählt hat. Wie blöd muss man sein um rot zu wählen?!

03.09.2009
12:32
Intrigantenstadl in der Dortmunder SPD
von niewiederspdlerin | #20

Unabhängige müssen in den Kommunen und Städten das Sagen haben. Hoffentlich werden die Wahlbürger nun schlauer.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/159672/create

Umfrage
Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Bottrop - Movie Park in Luftbildern
Bildgalerie
Fotostrecke
Essen aus der Luft
Bildgalerie
Fotostrecke
Aus dem Ressort
Hilfsbedarf steigt akut
WAZ-Info
In immer mehr Familien wird Hilfe benötigt, um den alltäglichen Anforderungen gerecht zu werden. Für die Allgemeinheit wird das teuer.
Mit King Kong in der Warteschlange
Kino im Bild
Zwei Wochen lang konnte man die „Kinohelden“ des gleichnamigen Jugendwettbewerbs der Kunst- und Musikschule in der Hauptstelle in Velbert-Mitte sehen. Die Ausstellung ging jetzt mit der Prämierung der Gewinner zu Ende.