Im Rausch des RationalenEs ist, wie es ist? Suchen und binden Konsum verführt Marmor, Stein und Eisen Was Leiden schafft Es ist wie - der Bumerang
03.10.2008 | 14:26 Uhr 2008-10-03T14:26:53+0200Wirtschaftsexperten untersuchen die Ökonomie der Liebe - und entzaubern so ein Phänomen, das wir für unerklärlich hielten
Liebe ist: Sätze, die so beginnen, sind heikel, vermessen und können Autoren schnell ins Unglück stürzen. Denn Liebe ist: irrational, einzigartig, unerklärlich. Ist Gefühl und nicht Verstand, ist Sturm im Bauch oder Nebel im Gehirn. Wer verliebt ist, lebt außerhalb der Welt. So dachte ich. So fühlte ich.
Nun aber schlug mir eine Freundin vor: Lass uns doch ausgehen - unseren Marktwert testen. Im Café belauschten wir den Nachbartisch: Eine Trennung käme nicht infrage, erzählte eine Frau, zu viele Gefühle hätte sie investiert. Auf dem Nachhauseweg (unsere Marktchancen standen offenbar schlecht, die Frau am Nebentisch hatte noch die gemeinsame Eigentumswohnung ins Feld geführt und war dann in Tränen ausgebrochen) kamen wir an einem Plakat vorbei. Eine Partnerbörse warb: Herzklopfen - oder Geld zurück.
Marktwert, Investition? Geld? Ist Liebe zum Wirtschaftsgut geworden? Muss heute die Bilanz stimmen - und nicht mehr die Chemie?
Neuerdings fühlen sich auffällig viele Wirtschaftsexperten bemüßigt, den Dreiklang aus Partnersuche, Ehe und Trennung unter ökonomischen Aspekten zu beleuchten. Sie verdrängen damit die bisher so beliebten Biologisten (alles Evolution, alles Hormone) vom - ja: Markt.
"Menschen verhalten sich rational", meint etwa Ökonom Tim Harford, dessen Buch "Die Logik des Lebens" in dieser Woche erscheint: "Natürlich kann man Liebe, Partnerwahl und Ehe nicht allein mit der Theorie der rationalen Entscheidung erklären", führt er weiter aus, doch lässt er die Romantiker unter uns nur kurz aufatmen. Denn: "Rationale Entscheidung spielen eine nicht ganz unerhebliche Rolle."
Seit gut zwei Jahrhunderten dürfen wir frei und ohne Blick auf Stand, Schicht oder Einkommen unsere Partner wählen; die Idee einer Ehe, die auf Liebe basiert, ist ja so alt nicht. Aber was tun wir? Schielen auf Stand, Schicht und Einkommen. Bleiben jedenfalls in unserer Welt - die Akademikerin mit dem zehn Jahre jüngeren Maurer kommt immer noch überraschend. Gleich und gleich addiert sich gern. Mit einer anerkannten Ausnahme: Der ältere Herr mit dickem Konto und die junge Dame mit, sagen wir, hübschem Gesicht haben quasi einen Werteausgleich vorgenommen.
Kalkulieren wir, bevor wir einen Partner in Betracht ziehen? Ja. Ich habe nie beim Speed Dating teilgenommen, dank der Wirtschaftswissenschaft aber weiß ich: Ich hätte jeden zehnten Mann um ein weiteres Treffen gebeten. Und wenn gerade kein blonder Golfspieler mit Ferrari da gewesen wäre, hätte ich den dunkelhaarigen Sofasportler mit Ford gewählt. (Männer fragen jede fünfte Frau, übrigens.) Fazit der Studie: Unsere Vorstellungen von einem potenziellen Partner passen wir an den Markt an.
Von der Idee der Seelenverwandtschaft verabschiedete sich auch Wirtschaftswissenschaftler Hanno Beck, der in seinem Ratgeber "Der Liebesökonom" vorrechnet: "Testen Sie mindestens zehn, maximal 30 Partner, merken Sie sich den besten unter diesen getesteten Partnern und nehmen Sie nach Ablauf der Testphase den nächsten Partner, der besser ist als der beste aus Ihrer Stichprobe." Mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent fände man so "die Richtige oder den Richtigen". Zarte Gemüter mögen erschrecken ob dieser kühlen Kalkulation. Der Homo Oeconomicus aber rechnet: zehn bis 30 Testpartner? Was das kostet!
Die Werbung nämlich, die nicht umsonst so heißt, hat ihren Preis. 85 Millionen Euro gaben Deutschlands Singles im vergangenen Jahr für die Partnersuche aus. Im Schnitt investierten sie 243 Euro - weniger als die Iren mit 572 Euro, mehr als die Holländer mit 66 Euro. (Sind die Iren nun so verzweifelt oder die Holländer so geizig?) Womöglich teilt man sich heute bei Single-Dates die Kosten für das feine Essen, ein feines Essen aber muss. Mindestens.
Bereits vor 100 Jahren stöhnten die jungen Männer über die Ausgaben für Restaurant, Kino und Tanz, schreibt Eva Illouz in ihrer Studie "Konsum der Romantik": Vorbei die Zeiten, in denen man bei der Dame daheim "vorsprechen" konnte. Zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Luxusgüter "Produkte zur Selbstwertsteigerung" und somit "Verführungsinstrumente". Die Einladung in das teure französische Restaurant demonstriert soziale und kulturelle Macht. Und die macht an.
Nicht nur die hohen Werbungskosten aber sollten Alleinstehende zur Eile treiben, die Partnersuche rasch zur Unterschriftsreife zu bringen. Denjenigen, die zu lange stöbern, droht der "Zeitwertverfall".
Auch bieten Exklusiv-Verträge, die wir hier Ehen nennen wollen, wirtschaftlichen Gewinn. Zum einen durch Fixkostendegression: Wohnung, Spülmaschine und Fernseher gemeinsam nutzen, das spart. Zudem können Ehepartner Spezialisierungsvorteile nutzen: Wenn einer flott bügeln kann und der andere fix Auto waschen, haben unterm Strich beide mehr Zeit.
Andererseits steht die Ehe der Idee des Wettbewerbs entgegen. Potenzielle Partner, die mehr bieten, kommen nicht mehr zum Zuge. Warum also, fragt sich Wirtschaftsexperte Beck, lassen wir uns darauf ein? Zum einen diene die Ehe der Herstellung von exklusiven Gütern: Wärme und Zuneigung. Zum zweiten mache sie es leichter, "beziehungsspezifische Investitionen vorzunehmen" - zum Beispiel die Zeit, den Partner kennen zu lernen. Wir wissen ja, dass er so schnell nicht weglaufen kann.
Im Amerika der 1930er-Jahre hatte eine Verlobung den Status eines justiziablen Eheversprechens. Als die Gesetzgebung es Frauen schwerer machte, dies einzuklagen, ließen sie sich gewisse Vorausleistungen bezahlen. Nicht wirklich, natürlich. Doch zeigt eine Studie, dass die Idee des diamantenen Verlobungsrings just in jenen Jahren aufkam.
Ähnlich funktioniert die Ehe. Mögliche Abfindungen bestreitet in 90 Prozent der Fälle der Mann. Die in den 70er-Jahren so rasant gestiegenen Scheidungsraten werden oft mit gesellschaftlichem Klimawandel begründet. Ökonom Harford aber meint, der Trend sei "rational": Frauen stiegen in anspruchsvollere Berufe ein, wurden finanziell unabhängig und ließen sich deshalb öfter scheiden. Und weil es immer mehr Scheidungen gab, drängten Frauen in anspruchsvolle Berufe, um sich abzusichern. Ein Teufelinnenkreis! Der beschleunigt wurde durch eine kleine Tablette. "Mit Einführung der Pille schnellte die Anzahl von Jura- und Medizinstudentinnen in die Höhe", so Harfod: Weil frau nun die Ehe vertagen konnte, "ohne wie eine Nonne leben zu müssen".
Was trägt am meisten dazu bei, dass eine Ehe scheitert? 41 Prozent aller Deutschen glauben, dass es der Streit ums Geld ist, nur 37 Prozent nennen den Seitensprung. Dabei ist dieser ein gravierender Wirtschaftsfaktor. Wer fremdgeht, erhöht das Angebot der verfügbaren Männer (oder, etwas seltener: Frauen) am Markt. Wenn man sich mal überlegt, dass bis zu 70 Prozent aller Menschen in festen Beziehungen ans Fremdgehen denken, kommt man schnell darauf: dass hier eine riesige Schattenwirtschaft entsteht.
Es ist, wie es ist, sagt die Liebe. Doch die Zeiten Erich Frieds sind wohl vorbei, der Ökonom steht längst in unserem Schlafzimmer (und grinst). Ein Trost: Die Liebe findet auch den umgekehrten Weg, und wir reden jetzt nicht davon, dass sich über die Hälfte aller Paare im Büro fanden. Sondern von einem neuen Produktivitätsfaktor. Das Wirtschaftsmagazin "Brand Eins" zeigte jüngst Herz: Liebe war das Titelthema, Liebe zum Beruf oder überhaupt, weil sie "stark", "einfallsreich", "klug" mache - und somit herzlich willkommen sei im Arbeitsleben. Denn: "Wirtschaft braucht Leidenschaft." Wie romantisch.

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