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Homo psychologicus - über Freud und Psychoanalyse

10.06.2009 | 10:56 Uhr

Essen. Wie Freud und die Psychoanalyse unser Denken und Fühlen verändert haben: Die Thesen der Kultursoziologin Eva Illouz.

Der Mensch ist des Menschen Therapeut. Wir verdrängen, projizieren, spiegeln; wir lassen keine Beziehung ohne Diskussion und keinen Traum ohne Deutung. Im Fernsehen macht jeder Promi auf Seelenpein, im Internet helfen sich alle selbst und im Buchhandel die Experten.

Schuld hat Freud.

Nun ist die Kritik der Psychoanalyse so alt wie die Psychoanalyse selbst. Feministinnen unterstellten ihr ob des steten Hysterie-Verdachts Frauenfeindlichkeit, Soziologen prangerten einen Individualismus an, der die Bedürfnisse des Einzelnen über die Gemeinschaft stelle. Doch nichts hat den Siegeszug der Selbstbespiegelung aufhalten können. Wer verstehen will, warum wir uns ständig selbst verstehen wollen, sollte das neue Buch der Kultursoziologin Eva Illouz lesen. Obwohl es schwer zu verstehen ist. Illouz' Sprache sperrt sich, als gehöre dies zum Programm, der leichten Konsumierbarkeit; die Gedanken dahinter aber bestechen.

Wieso breitete sich Freuds „kulturelle Matrix” so rasant aus? Sein persönliches Charisma mag eine Erklärung sein, ebenso die Organisationsfähigkeit der Therapeuten, die flott in „Psychoanalytischen Gesellschaften” den Globus umsponnen. Illouz fügt ein drittes Argument an: Sex. „Freud hatte etwas zu bieten, womit kein anderer Sexualforscher seiner Zeit aufwarten konnte: eine umfassende Erzählung über das Selbst, in der die sexuelle Lust legitimiert war und zum wichtigsten Schauplatz der Ausbildung der Seele in ihrer Ganzheit avancierte.”

Gleichzeitig konzentrierte er seine Theorien auf den Schauplatz Familie – in einer Moderne, die die alten Rollen von Frauen und Männern infrage stellte. Allerdings brachten diese Theorien, so Illouz, neue Probleme: „Es mag eine gewisse Ironie darin liegen, dass nichts die Ehe so kompliziert machte wie die Idee und das Ideal der emotionalen und sexuellen Übereinstimmung.” Emotionale und sexuelle Übereinstimmung? Was die frühen Psychoanalytiker verlangten, nämlich die Suche nach eigenen Bedürfnissen und Wünschen – das wurde später zur Kernforderung der Emanzipation. Und so besuchen heute Feministinnen besten Gewissens Traumdeutungs-Workshops. „Hysterisch” allerdings bleibt für sie ein Schimpfwort.

Auch in der Arbeitswelt feierte Freud Erfolge, weil er die richtigen Worte fand. „Die Psychologen schienen zu versprechen, dass sie für eine Steigerung der Gewinne sorgen, Arbeitsunruhen bekämpfen, das Verhältnis von Managern und Arbeitern auf friedliche Weise organisieren und Klassenkämpfen die Spitze nehmen würden, indem sie die freundliche Sprache der Gefühle und der Persönlichkeit kleideten”, so Illouz.

Die Emotionalität hielt Einzug in die rationale Arbeitswelt. Andererseits wurde das Gefühlsleben des Einzelnen diszipliniert und rationalisiert. Die Psychoanalytiker verlangten eine Selbstbeobachtung und eine Selbsterkenntnis, die auf Vernunft gründete. Sie forderten stete Verbesserung unserer Beziehungen durch „Beziehungsarbeit”, sprich Kommunikation: Deshalb glauben wir heute, jedes Problem durch Reden lösen zu können.

Aber können wir das? Eva Illouz kritisiert einen „verbalen Überlagerungseffekt” – dies ist ein Prozess, in dem das Sprechen über ein Problem eine intuitive, nicht-sprachliche Lösung verhindert. Kurz: Wir reden, wir grübeln viel zu viel über uns. Schluss damit.

Britta Heidemann



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