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Interview

Historiker: „Kein Hollywood-Spektakel”

21.01.2009 | 15:14 Uhr

Essen. Prof. Peter Hoffmann war historischer Berater der Produktion „Operation Walküre”. Im Gespräch mit der WAZ äußert er sich über den Film und den Hitler-Attentäter Stauffenberg.

Am Donnerstag läuft der Film „Operation Walküre” an. Was erwartet uns – historische Klarheit oder ein Hollywood-Spektakel?

Prof. Dr. Peter Hoffmann Bild: Random House

Hoffmann: Kein Hollywood-Spektakel, sondern ein historisch fundierter Film. Ein Film, der respektvoll dem deutschen Widerstand gegenübertritt – insbesondere Stauffenberg, aber auch Männern wie Tresckow, Goerdeler, Beck. Ein Film, der die Motive für das Handeln dieser entscheidenden Personen deutlich macht.

Trotzdem weckt die Produktion weiterhin Empörung, weil die Titelrolle mit Tom Cruise besetzt ist, einem bekennenden Anhänger der umstrittenen Scientologen. War das für Sie als Berater des Filmstabs kein Problem?

Hoffmann: Überhaupt nicht. Erstens hatte ich bei meiner Aufgabe nicht direkt mit Tom Cruise zu tun. Den habe ich erst bei der amerikanischen Uraufführung am 15. Dezember kennen gelernt und mit ihm ein nettes, längeres Gespräch geführt. Der Punkt Scientology kam dabei nicht zur Sprache. Im Übrigen war Scientology auch kein Thema während meiner Zusammenarbeit mit den Drehbuchautoren. Unser Thema war dies: Der Film, der Inhalt, der Geist des deutschen Widerstandes.

Blicken wir zurück: Angenommen, das Attentat wäre geglückt. Wie wäre die weitere Entwicklung in Deutschland verlaufen?

Hoffmann: Es wäre nach aller Wahrscheinlichkeit binnen einiger weniger Wochen zur Kapitulation an allen Fronten gekommen. Dieser Schritt wäre ausgehandelt worden, und das hätte seine Zeit gedauert. Man kann eine Armee nicht einfach zurücklaufen lassen, während die Gegenarmee sie verfolgt und beschießt. Der Krieg jedenfalls wäre sehr viel früher beendet worden. Fast die Hälfte der deutschen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg umgekommen sind, wären dann nicht umgekommen – denn fast die Hälfte ist in den letzten neun Kriegsmonaten gefallen.

Dasselbe gilt für die KZ-Insassen; für Juden, die bis zum November 1944 in Auschwitz noch vergast wurden. Und das gilt auch für die Todesmärsche nach der Auflösung der KZ. Das gilt zudem für die Todesmärsche der Vertriebenen und die Opfer des Bombenkriegs. Das alles wäre wahrscheinlich nicht geschehen, wäre den Menschen erspart geblieben.

Stauffenberg entstammt einer konservativen schwäbischen Adelsfamilie mit Militärtradition im Kaiserreich. Er war kein glühender Demokrat. Wäre Deutschland zum Obrigkeitsstaat mit starkem Militäreinfluss geworden?

Info
Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat

Deutscher Kinostart: 22.01.2009

Regie: Bryan Singer

Darsteller: Tom Cruise, Kenneth Brannagh, Bill Nighy, Eddie Izzard, Terence Stamp, Jamie Parker, Carice von Houten, Thomas Kretschmann, Christian Berkel u.a.

Trailer

Bilder zum Film

Bilder von den Dreharbeiten

Hoffmann: Nein. Stauffenberg und seine Mitkämpfer hätten selbst bei einem gelungenen Attentat keine politische Perspektive gehabt. Zwar wäre das Militär kurzfristig an der Macht gewesen, es hätte vorübergehend eine Militärregierung gegeben. Aber die Alliierten wären mit Sicherheit in keiner Weise von ihren Kriegszielen abgerückt: Für die Alliierten kam nur die vollständige Entwaffnung und Besetzung Deutschlands infrage, und damit gab es keine politische Perspektive für eine eventuelle Verschwörerregierung.

Davon abgesehen gilt: der Königsmörder kann nicht König werden. Die Verschwörung war also ein Opfergang, und das wussten die Stauffenbergs und Tresckows genau.

Stauffenberg hat sowohl die Machtübergabe an Hitler als auch die militärischen Erfolge der ersten Kriegsjahre begrüßt. Wo liegt der Wendepunkt seines Lebens?

Hoffmann: Mit Nadelschärfe kann man diesen Wendepunkt nicht festlegen, nicht auf einen Monat oder einen Tag. Es war eine allmähliche Entwicklung, die aber von Ereignissen wie dem Pogrom von 1938 gegen die Juden beschleunigt wurde.

Es trifft zwar zu, dass Stauffenberg anfangs die erklärten Ziele der Nationalsozialisten wie beispielsweise die erhebliche Stärkung des Militärs begrüßt hat – immerhin standen damals ja nur 100 000 Soldaten den fast drei Millionen um Deutschland herum stationierten Soldaten gegenüber. Doch Stauffenberg hatte sich schon vor Kriegsausbruch gegen die Brutalität der Nazis gewandt. In einem Brief, den er 1939 an Generalmajor von Sodenstern geschrieben hat, erklärte er, Heer und Offiziercorps müssten unter Umständen die Macht übernehmen, wenn die Führung falsch führt und die Nation ins Unglück führt. Er hat den Staatsstreich sozusagen vorausgedacht.

Was waren die entscheidende Motive, den letzten Schritt gegen Hitler zu wagen?

Hoffmann: Es waren vor allem die von der SS und Wehrmacht im größten Stil in Russland begangenen Verbrechen. Es war das Massensterben der Kriegsgefangenen, als sie nicht mehr ernährt werden konnten oder als in ihren Lagern Typhus ausbrach. 1942 waren in weniger als nur einem Jahr bereits zwei Millionen russische Kriegsgefangene umgekommen. Entscheidend war ebenso der Massenmord an den Juden. Stauffenbergs erste Äußerungen, Hitler müsse beseitigt beziehungsweise getötet werden, stehen im Zusammenhang mit dem Massenmord an den Juden. Diese Äußerungen sind vom April, Mai und August 1942 dokumentiert.

Prof. Peter Hoffmann

Der Historiker (78) zählt zu den besten Kennern des militärischen Widerstandes gegen das NS-Regime. Zum Standardwerk wurde sein Buch „Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Biographie” (Pantheon, 720 S.; 14,95 Euro), in dem er den Weg des Wehrmachtoffiziers zum Widerstandskämpfer und Hitler-Attentäter beschreibt. Der Ordinarius für deutsche Geschichte an der McGill-Universität Montreal war fachlicher Berater bei der Produktion des Films „Operation Walküre”.

Mehr zum Thema:

Rolf Potthoff

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Kommentare
22.01.2009
15:40
Historiker: „Kein Hollywood-Spektakel”
von webleser | #1

„Operation Scientology“?

Die Praktiken von Scientology gehen über Betrug, Wucher und Ruinierung von Kunden, bis zur Zerstörung persönlicher und familiärer Bindungen und letztlich der Persönlichkeit selbst, bis hin zur Unterwanderung des Staates und der Wirtschaft.

Der Film „Operation Walküre“ mag so gut sein wie er will, aber indirekt mit den Eintrittsgeldern Tom Cruise und die Organisation Scientology zu unterstützen kommt für mich nicht in Frage

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