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Harte Kämpfer rücken an

24.06.2009 | 14:35 Uhr

Kundus. Heftige Gefechte im Norden, aber die Bundeswehr will sich nicht vollends in den Krieg am Hindukusch ziehen lassen

Der Hilferuf der ungarischen Soldaten an US-Streitkräfte klang dramatisch. In der Umgebung des Ortes Baghlan, 60 Kilometer von Kundus entfernt im Nordosten Afghanistans, waren die Soldaten des Wiederaufbauteams (PRT) aus dem Ort Pul-i-Khumri in einen Hinterhalt der radikalislamischen Talibanmilizen geraten. Das Gefecht war so heftig, dass ihnen die Munition auszugehen drohte. In Kundus stationierte Bundeswehrsoldaten konnten nicht zu Hilfe eilen. Sie waren an jenem 15. Juni vollauf damit beschäftigt, Soldaten der afghanischen Armee aus einem Talibanhinterhalt zu befreien.

Vor einem Jahr hatte die Talibanführung beschlossen, einen neuen Schwerpunkt ihrer Aktionen im Norden Afghanistans zu setzen. Zwischen der Grenze zu Tadjikistan, rund um Kundus und in Baghlan ist dieser Plan nun Wirklichkeit. „Junge, entschlossene Kämpfer” haben laut Bewohnern der Region weitgehend die lokalen Freischärler ersetzt, die in den vergangenen Jahren mit „Zuschlagen-und-flüchten-Aktionen agierten. Unter den „Gotteskriegern” sollen sich jetzt kampferprobte Tschetschenen und Usbeken befinden, auch wenn die Bundeswehr dafür bislang keinen Beweis gefunden hat.

Versorgungskonvois zerstört

Das Ziel der Taliban ist unklar. Möglicherweise wollen sie Afghanistans Nordosten destabilisieren, für den das deutsche Regionalkommando der Internationalen Sicherheitstruppen ISAF in Mazar-i-Sharif zuständig ist. Afghanische Sicherheitsvertreter vermuten, das Ziel der „Gotteskrieger” sei die Straße, die aus dem Norden des Landes in langen Serpentinen über den Salang-Pass nach Kabul führt. Diese Straße wurde zu einer Art Nabelschnur des Nachschubs für Nato-Truppen und amerikanische Streitkräfte, seit es den Aufständischen in der Grenzregion des benachbarten Pakistan allzu oft gelungen ist, Versorgungskonvois zu zerstören.

Dank dieser Entwicklung steckt die Bundeswehr plötzlich in einem neuen Schwerpunkt des Kriegs am Hindukusch, nachdem sie sich jahrelang im Norden Afghanistans weitgehend sicher fühlen durfte. Doch die Befehlslage hat sich laut Major Markus Beck, dem Sprecher des PRT in Kundus, gegenüber den Vorjahren nicht geändert.

Man sei nicht so verrückt, so begründen Berliner Vertreter die Haltung, sich jetzt noch in einen Krieg hineinziehen zu lassen. Die deutsche Militärführung glaubt offenbar, dass die USA entschlossen sind, nach der geplanten, großen militärischen Kraftanstrengung während der kommenden 18 Monate in spätestens in zwei Jahren mit einem langsamen Truppenabzug aus Afghanistan zu beginnen. Dann wird auch die Nato ihre Flaggen am Hindukusch einrollen.

Warten auf den Abzug

In spätestens zwei Jahren, mit dieser Einschätzung hat Berlin Recht, wird Washington der Welt gesichtswahrend einen Erfolg am Hindukusch suggerieren. Die afghanische Armee soll laut Plan bis dahin auf 120 000 bis 140 000 Soldaten wachsen und es soll eine Polizeistreitmacht von rund 80 000 Mann aufgebaut werden. Von Demokratie oder Wiederaufbau ist in diesen Plänen kaum mehr die Rede, wohl aber wird eine politische Beteiligung der Talibanmilizen an der Regierung in Kabul in Betracht gezogen.

Ob diese Hinterlassenschaft belastbar sein wird, hängt allerdings davon ab, ob die Talibanmilizen in den kommenden 18 Monaten entscheidend geschwächt werden können. Diese Aufgabe werden viele Nato-Länder, das zeigt auch die deutsche Haltung im Norden Afghanistans, in erster Linie den USA überlassen, während sie gleichzeitig risikoscheu auf den Beginn des noch nicht angekündigten Abzugs warten. Doch auch die Talibanmilizen wollen mitspielen. Sie warten nicht ab, sie greifen an.

Willi GERMUND

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