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Ungewöhnliches Schulfach

Glück im 45-Minuten-Takt

17.12.2007 | 18:48 Uhr
Glück im 45-Minuten-Takt

Heidelberg. An einer Heidelberger Schule unterrichten Schauspieler, Psychologen und Sportpädagogen, dass Lebensfreude erlernt werden kann. Wie aus der Idee eines Schuldirektors Deutschlands Vorzeigefach wurde...

In jedem anderen Unterricht wäre Mike sich jetzt bestimmt ganz cool vorgekommen. Sitzt in der hinteren Reihe, fingert an seinem MP-3-Player, und schickt feist grinsend ein paar Töne Rap in den Klassenraum. Doch sein Spielchen will hier nicht funktionieren, wird schlicht ignoriert. Denn seine Mitschüler rundherum sind hoch konzentriert, lehnen sich mit geschlossenen Augen zurück: „Stellt Euch Euer Ziel vor! Wie fühlt es sich an, wenn Ihr es erreicht?”

Seit Anfang dieses Schuljahres wagt die Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg ein ungewöhnliches Projekt. Als erste und einzige Schule in Deutschland unterrichtet sie das Fach „Glück”. Die Idee, die ausgetretenen Pfade der klassischen Schulbildung zu verlassen, hatte Schulleiter Ernst Fritz-Schubert. Philopsophie-Lehrer und Triathlet, ein Mann, der sich selbst als glücklichen Menschen bezeichnet. Fritz-Schubert will weg von den „mundgerechten Wissenshäppchen”, die einzig auf den Beruf vorbereiten und herzlich wenig auf das Leben.

Die Zutaten des Glücks

Schulleiter Ernst Fritz-Schubert hatte die Idee zum Fach Glück. 8Foto: WAZ, Matthias Graben)

Monatelang beschäftigte sich der 59-Jährige mit der Frage „Welche Menschen wollen wir eigentlich aus der Schule entlassen?” Seine Antwort, die bis heute vom baden-württembergischen Kultusministerium mit kritischer Distanz beäugt wird, ist ein neues Unterrichtsfach, in dem es um so vermeintlich schulferne Dinge geht wie persönliche Zufriedenheit, Selbstsicherheit und soziale Verantwortung. Und um Liebe, Humor und Optimismus, die Ingredienzien des Glücks. Unterrichtet wird das „Glück” oder vielmehr der Weg dorthin von Schauspielern, Tänzern, Ernährungswissenschaftlern, Psychologen und Sportpädagogen.

Fritz-Schubert ist ein Querdenker, einer, der sich in zig Jahren im Schulbetrieb nicht verbraucht hat. Als sein Konzept für das Fach Glück stand, im Frühjahr war das, lud er Freunde ein, mit ihm zu diskutieren. Schulfremde weitgehend. Ein Journalist des Magazins „Spiegel” war darunter, der frühere Hockey-Nationaltrainer Bernhard Peters („Der hält sonst nicht viel von Schule”, Fritz-Schubert) und der Heidelberger Sportpädagoge Prof. Wolfgang Knörzer, der auch Spitzensportler betreut. Als die sich spontan begeistert zeigten, war Fritz-Schubert nicht mehr zu bremsen.

Glück im Abi

Auch Psychologin Ingrid Nikoleit hat das Unterrichtskonzept mitentworfen. (Foto: WAZ, Matthias Graben)

„Ehe ein anderer auf die Idee kommt” trieb der Rektor das Pilotprojekt derart an, dass es tatsächlich mit dem Beginn dieses Schuljahres umgesetzt wurde. Glück im 45-Minuten-Takt. Für Neunt- und Zehnt-klässler, die an Fritz-Schuberts Berufsfachschule die Mittlere Reife erwerben und für Gymnasiasten, die das Fach sogar im Abitur belegen können. Und so lernen sie unter Anleitung von Schauspielern und Tänzern ihren Körper zu erfahren, beschäftigen sich mit gesunder Ernährung, besuchen einen Öko-Bauernhof, kochen und decken den Tisch für ein schönes Essen. Sie sprechen über so existentielle Gefühle wie Angst, Mut, Frustration, Freude und absolvieren Praktika in Altersheimen und Kindergärten, um zu sehen, wie das wahre Leben ist.

In der Klasse von Mike, dem Deutsch-Türken mit dem MP-3-Player, probiert Robert Rupp gerade die Übung „der unbeugsame Arm”. Der junge Dozent der Heidelberger Pädagogischen Hochschule hat ihnen erklärt, wie sie Haltung einnehmen, innerliche Spannung aufbauen und sich konzentrieren können. Zarte Mädchen treten da gegen breitschultrige Klassenkameraden an und stellen erstaunt fest, wieviel man mit innerer Stärke erreichen kann. Ein Arm, der sich eben nicht mir nichts, dir nichts biegen lässt. Rupps Erklärung, Fußballer machten nichts anderes vor einem Elfmeter, motiviert selbst Mike. Was Ballack macht, kann nicht falsch sein.

Ist es schlimm, wenn ich meine Stärken nicht kenne?

Hauptschüler sitzen hier, die Verlierer von Pisa, wie Prof. Knörzer sie nennt, der das Glücks-Projekt wissenschaftlich begleitet. Sie, Migranten-Kinder meist, zu motivieren, sie dazu zu bringen, sich über längere Strecken zu konzentrieren, nicht abzuschweifen, nicht die coole Nummer abzuziehen, verlangt normalerweise Geduld und starke Nerven.

Pädagoge Robert Rupp hat am Unterrichtskonzept mitgewirkt. (Foto: WAZ, Matthias Graben)

Doch als Robert Rupp sie auffordert: „Schreibt doch mal Eure Stärken auf!”, sind sie alle dabei. Grübeln, beurteilen sich gegenseitig, stehen manchmal hilflos, völlig überfordert vor einer eigentlich einfachen Frage, die ihnen so noch niemand gestellt hat. „Schwächen”, sagt Gabriel, „würden mir sofort einfallen!”. „Ist es schlimm, wenn ich meine Stärken nicht kenne?” ruft einer in den Raum. Wie auch sollten Hauptschüler, die Schwachen unserer Gesellschaft, ihre Stärken kennen, wenn Schule nur auf Fehler-Suche konzentriert ist, fragt Prof. Knörzer und fügt an: „Schule muss sich ändern!”

Unterricht von Mensch zu Mensch

Heidelbergs Willy-Hellpach-Schule ist da auf gutem, auf glücklichem Weg. Das offenbaren die Protokolle der Jugendlichen über ihre Erfahrungen. Unterricht „von Mensch zu Mensch!” schreibt eine Schülerin. Auch das motiviert. Eine Fünf in Glück will ohnehin niemand.

Hayke Lanwert

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Kommentare
07.01.2010
11:39
Glück im 45-Minuten-Takt
von Der Schuldirektor | #7

das ist so behindert >.<
was soll das denn bringen?
und außerdem lernt man entweder so was von alleine oder gar nicht, dann bringts auch nicht das in der schule zu lernen. es entwertet andere ABI-fächer!
alle die das positiv finden haben im leben abgrundtief versagt, und da bringt auch kein glück mehr was!!!

01.01.2008
14:43
Glück im 45-Minuten-Takt
von Heidi Gröger | #6

Wo/wie finde ich Mitmenschen für diesen Glücksweg als 76-jährige????
Bin gesund und sportlich, tanze gern und oft (Folklore und meditativ), bin breit-geistig und tief aufgeschlossen.-----Aber mit meinem Gelangweiltsein bei bla-bla ein unbequemer Mitmensch.
So einen Glücksweg in WAIBLINGEN/Stuttgart aufzuziehen, das wärs!!! Heidi Groeger
<goegerheidi2001@web.de

18.12.2007
10:12
Glück im 45-Minuten-Takt
von Wolff Horbach | #5

Ich finde das Schulfach Glück wunderbar. Das einzige was mich an den Meldungen über die Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg stört, dass da immer steht, der Direktor wäre auf die Idee gekommen.

In Großbritannien gibt es das Schulfach Glück schon länger. Und jetzt plant man, es an allen Schulen einzuführen. Siehe: http://blog.gluecksnetz.de/2007/09/07/schulfach-glucklich-sein/

Der Blick über die Landesgrenzen hilft manchmal.

18.12.2007
09:27
Glück im 45-Minuten-Takt
von -Doc- | #4

Endlich hat mal jemand verstanden das es nichts nüzt wenn man versucht krampfhaft den Schülern das PSE in den Kopf zu hämmern, wenn diese hinterher nur im Lager arbeiten dürfen... es ist ein Klischee, aber es hat leider wahre Fakten.... Wenn den Schülern endlich wieder LEBEN beigebracht wird, dann gehts aufwärts.

Waldorfschulen sind ein Beispiel, das zwar verpöhnt aber funktional ist... schon seit Generationen...

Weiter so und bitte liebe Kultusminister, gebt diesen Projekten eine Chance, euch wurde auch eine gegeben...

18.12.2007
08:48
Glück im 45-Minuten-Takt
von Gabriele Kolmer | #3

Wie meist (z.B. in der ganzen Bildungsdebatte) gilt auch hier: Was von menschlichem Standpunkt absolut Sinn macht, nämlich jungen, noch (halbwegs) aufgeschlossenen Menschen beizugringen, mit Selbstvertrauen und Optimismus einer nicht immer einfachen Welt zu begegnen, ist nicht nur ungeheuer sozial, sondern auch noch ökonomisch sinnvoll.

Menschen, die eine positive Grundhaltung und Selbstvertrauen haben, haben nicht nur eine größere Chance auf persönliches Glück, was absolut wünschenswert ist, sondern sind auch bestens gerüstet für das Berufsleben. Was da vom Bildungsministerium so kritisch beäugt wird, ist wertvoll für alle Lebenslagen. Meine 20-jährige Berufserfahrung in den verschiedensten Aufgabenbereichen und in verantwortungsvollen Positionen sagt mir jedenfalls, das es am wenigsten auf Fachwissen ankommt, sondern vor allem darauf, sich persönlich zu engagieren, dabei die Ruhe zu bewahren und sich mit Selbstvertrauen behaupten zu können.

18.12.2007
00:21
Glück im 45-Minuten-Takt
von mausefritzchen | #2

Ein Silberstreif am düsteren Kopfnoten-Horizont!

17.12.2007
19:55
Glück im 45-Minuten-Takt
von badchefin | #1

Wunderbar, diese Idee. Unser Schulsystem in Deutschland fördert leider nur die negative Auslese und kaum ein Schulleiter hat den Mut, sich aus diesem System zu verabschieden und mal wirklich die Schüler individuell zu fördern. Dazu gehört erst einmal tatsächlich die Stärkung der Stärken, damit genügend Selbstbewusstsein vorhanden ist, um sich auch mit seinen Schwächen konstruktiv auseinander setzen zu können.
Glücklichsein hat viel damit zu tun, selbstbewusst und zielorientiert zu sein, dann sind auch schwere Hürden zu meistern.
Leider ist unser Schulsystem auf Auslese aus, die Schüler werden ewig geprüft, die Lehrer sind immer mehr gezwungen, ihre Schüler für diese Prüfungen fit zu machen. Auf der Strecke bleiben die Kreativität, die Stärkung des Selbstbewusstsein und die Zielorientierung. Alles wichtige Voraussetzungen für ein glückliches Leben, für die Schüler aber auch für ihre Lehrer.

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