Das aktuelle Wetter NRW 12°C
WAZ-Info

Geht uns das Öl aus ?

06.06.2008 | 12:36 Uhr

"Peak Oil" - Die Menge des weltweit geförderten Rohöls könnte ab 2020 sinken.Hilmar Rempel im Interview. ...

... Der Geologe wertete sämtliche Daten zu den globalen Energiereserven aus"Peak Oil" bezeichnet den Höhepunkt der Menge des weltweit geförderten Öls, also das Ölfördermaximum. Ab diesem Zeitpunkt vermindert sich die jährliche Fördermenge. Dass "Peak Oil" eines Tages kommen wird, ist sicher. Die Frage ist nur: wann? Pessimistische Schätzungen sagen, dass der Peak bereits 2006 überschritten wurde. Optimisten verweisen auf vermutete Ölfelder unter dem polaren Meeresgrund.Bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hat der Geologe Hilmar Rempel sämtliche weltweit verfügbaren Daten zu den Energiereserven bilanziert. Nach seiner Schätzung ist die Ölförderung nur noch bis 2020 steigerbar.

Die BGR prognostiziert Peak Oil für 2020. Kann die derzeitige Tagesfördermenge von 85 Millionen Tagesbarrel bis dahin ausgeweitet werden?

Rempel: Neben Ländern wie Russland, Kasachstan, Aserbaidschan und Brasilien, sind es insbesondere die OPEC-Länder, die ihre Fördermenge noch ausbauen können. Allen voran Saudi Arabien, das ein bis zwei Millionen Tagesbarrel mehr fördern könnte. Alle anderen Länder sind unbedeutend oder schon über den Peak hinaus.

Der ehemaliger Vizepräsident der saudischen Ölgesellschaft Aramco, Sadad al-Husseini, sagt, die technische Obergrenze der Förderung sei schon jetzt erreicht.

Rempel: Die Frage ist, wie viel Geld Saudi Arabien in die Ölsuche investiert. Sicher ist, dass das weltgrößte Ölfeld Ghawar mehr oder weniger an der Grenze produziert. Hier wird demnächst ein Rückgang erwartet. Andererseits haben wir in Saudi Arabien, Iran und Irak eine Reihe von Feldern, die noch nicht entwickelt sind. Man muss dabei allerdings bedenken, dass die Erschließung neuer Felder die Förderrückgänge alter Felder erst einmal kompensieren muss.

Insofern ist eine Ausweitung noch möglich: Wird sie mit dem steigenden Ölbedarf Schritt halten können?

Rempel: Es ist nicht auszuschließen, dass Deckungslücken auftreten. Das hängt von der Entwicklung der Angebots- und Nachfrageseite ab: Wie entwickelt sich die Nachfrage in China und Indien? Wird in den alten Industrieländern der Ölverbrauch weiter zurück gefahren? Hier sind insbesondere die USA angesprochen, die ein Viertel des weltweit geförderten Erdöls verbrauchen. Dort sehe ich bedeutende Einsparpotenziale.

Aber haben wir nicht schon jetzt eine Situation, in der die Nachfrage das Angebot übersteigt?

Rempel: Nein, Angebot und Nachfrage sind ungefähr ausgeglichen. Allerdings beobachten wir in den letzten vier Jahren, dass sich der Ölmarkt zu einem Verkäufermarkt gewandelt hat (auf einem Verkäufermarkt ist der Verkäufer im Vorteil, weil er sich den Käufer aussuchen kann, Anm.). Der Markt ist dadurch sehr anfällig für Störungen wie Streiks, Stürme, eine Zuspitzung der politischen Lage im Nahen Osten. All dies ruft Befürchtungen hervor, das Öl werde knapp.

Wie bewerten Sie das Argument, die aktuellen Preissteigerungen seien auch durch die zu geringe Raffineriekapazität in den USA verursacht?

Rempel: Die Raffineriekapazität ist eine wichtige Frage, denn wir nutzen nicht das Rohöl sondern Heizöl, Diesel und Benzin. Die USA sind nicht in der Lage, ihren Inlandsbedarf mit eigenen Raffinerien zu decken, so dass sie in Rotterdam einkaufen, was sich auf den europäischen Markt auswirkt. Die Amerikaner planen geringe Erweiterungen, die aber nicht ausreichen, ihren Bedarf zu decken.

Einige Beobachter rechnen auf dem arktischen Meeresgrund mit großen Vorkommen. Wie bewerten Sie die Hoffnungen?

Rempel: Bezüglich Erdöl bin ich skeptisch. Die Muttergesteine sind im Wesentlichen gasgenerierend, weniger ölgenerierend. Andererseits haben wir Sedimentbecken mit entsprechender Mächtigkeit, die noch nicht sehr intensiv untersucht sind. Überraschungen sind nicht auszuschließen.

Derzeit kann nur rund ein Drittel des Öls eines Ölfeldes gefördert werden. Ist mit neuen Technologien zu rechnen, um das zu verbessern?

Rempel: Es gibt verschiedene Flutungsverfahren, um das zu erhöhen: Wasserfluten, thermisches Fluten, chemisches Fluten, mikrobielles Fluten. Aber diese Verfahren sind mit hohen Kosten verbunden und werden nur angewendet, wenn der Preis hoch ist. Dass es hier zu Quantensprüngen kommt, halte ich für unwahrscheinlich.

Die BGR sagt, die großen Ölsandvorkommen in Kanada können den Förderrückgang in anderen Regionen nicht ausgleichen. Warum?

Rempel: Wir haben große Mengen an nichtkonventionellen Ölen. Das sind einerseits Sande, die relativ oberflächennah liegen und im Tagebau abgebaut werden können und andererseits solche, die tiefer liegen und unter Einsatz von erhitztem Wasserdampf fließfähig gemacht werden. Ein Viertel der geförderten Energie geht in den Förderprozess, denn das Öl ist nicht so fließfähig, wie beim konventionellen Öl, wo wir im Prinzip den Hahn aufdrehen. Es ist vorgesehen, dass bis 2020 etwa 100 bis 200 Millionen Tonnen Ölsande gewonnen werden können. Das sind fünf Prozent des Weltbedarfs, möglicherweise weniger.

Rechnen Sie bis zum Peak 2020 mit weiterhin deutlich steigenden Preisen?

Rempel: Da spielen so viele Faktoren rein, das kann man nicht prognostizieren. Die Frage ist, inwiefern eine Erhöhung des Benzinpreises auf eine Reduzierung des Verbrauchs wirkt. Und: Haben wir in dem Zeitraum möglicherweise Alternativen für Erdöl und Erdgas, die kostengünstiger sind?

Das Interview führte Nils Michaelis

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/1804686/create

Umfrage

Hat Schweden zurecht den ESC gewonnen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Bottrop - Movie Park in Luftbildern
Bildgalerie
Fotostrecke
Essen aus der Luft
Bildgalerie
Fotostrecke
Aus dem Ressort
Hilfsbedarf steigt akut
WAZ-Info
In immer mehr Familien wird Hilfe benötigt, um den alltäglichen Anforderungen gerecht zu werden. Für die Allgemeinheit wird das teuer.
Mit King Kong in der Warteschlange
Kino im Bild
Zwei Wochen lang konnte man die „Kinohelden“ des gleichnamigen Jugendwettbewerbs der Kunst- und Musikschule in der Hauptstelle in Velbert-Mitte sehen. Die Ausstellung ging jetzt mit der Prämierung der Gewinner zu Ende.