Gaza erwartet wieder Krieg
26.12.2008 | 20:14 Uhr 2008-12-26T20:14:00+0100
Vermummte Kadetten werden in den Straßen gezeigt. In der geheimen Raketenfabrik geben sich die „Kämpfer” siegesgewiss.
Jerusalem. Dicke, schwarze Rauchschwaden steigen auf, Bewaffnete krabbeln unter Stacheldraht hindurch, während in Gazas Vorort Schadschaiyah scharfe Munition den staubigen Sandboden aufwirbelt. Es ist kein Krieg, schließlich herrscht seit zwei Monaten Waffenruhe mit Israel. Nein, im Gazastreifen der islamistischen Hamas, wo es weder Kinos noch Vergnügungsparks gibt, schaut der beliebteste Zeitvertreib der Bevölkerung einfach ein wenig anders aus.
Schon Stunden vorher kommen die Großfamilien zu den unbebauten Sandplätzen zwischen den heruntergekommenen Häusern, um einen der schmutzig-weißen Plastikstühle zu ergattern. Bald kann man für umgerechnet zehn Cent eine Limonade schlürfen oder für 20 Cent ein paar Nüsse knabbern, während man sich am Spektakel ergötzt.
Mehrmals in der Woche richtet eine der zwölf bewaffneten palästinensischen Organisationen in Gaza eine „Abschlusszeremonie” aus, auf denen vermummte Kadetten ihre kriegerischen Fähigkeiten zur Schau stellen. Anhängern, politischen Rivalen, Bewohnern und vor allem Israelis sollen Macht und Wehrhaftigkeit demonstriert werden.
Gaza traut der Ruhe nicht, hier erwartet man den nächsten Schlagabtausch mit Israel – und bereitet sich aktiv darauf vor. Stolz paradieren Jugendliche und sogar Kinder mit Waffen vor den manchmal stolzen, manchmal besorgten Blicken ihrer Eltern durch die Straßen.
Doch die meisten Vorbereitungen finden aber im Geheimen statt. Abu Jussef ist der Sprecher der Saladinbrigaden, des bewaffneten Arms der Volkswiderstandskomittees. Er hat seine streng geheime Raketenfabrik für uns geöffnet. Eine Irrfahrt mit verbundenen Augen auf dem Rücksitz eines Geländewagens führt in ein kleines Haus in irgend einem armen Vorort Gazas. Fünf vermummte Kämpfer rühren hier gerade ein weißes Pulver über einer Gasflamme. Später wird hieraus der Treibstoff der selbst gemachten Raketen werden, den sie in Metallrohre schütten.
Überall liegen Landminen und Raketen in verschiedenen Stadien der Herstellung. „Das ist die Nasser IV”, sagt Abu Jussef stolz. Er zeigt auf ein mannshohes Rohr mit rotem Sprengkopf und erklärt: „Damit können wir die Stadt Aschkelon erreichen.” Mehr als 250 000 Israelis befinden sich inzwischen in der Reichweite palästinensischer Raketen. Trotz der Waffenruhe haben Palästinenser im vergangenen Monat 36 Mal auf israelisches Staatsgebiet geschossen.
Abu Khaled, Kommandant des bewaffneten Armes des islamischen Dschihad, und Abu Jussef sind trotz der militärischen Übermacht Israels siegessicher: „Dank unserer glorreichen arabischen Geschichte sind wir stärker. Mit Hilfe des Koran und Gottes werden wir siegen”, sagt Abu Khaled. „Dieser Krieg ist nicht bloß eine Sache der Palästinenser, sondern Teil eines weltweiten Kampfes zwischen den Zionisten, den USA, und dem Islam.”
Dabei sind beide blind für die Schäden, die ihre Raketenangriffe anrichten. In Gaza kritisieren inzwischen viele Menschen den sinnlosen Beschuss Israels – nicht, weil sie auf israelische Zivilisten gerichtet sind, sondern vor allem, weil rund die Hälfte der Raketen in Gaza niedergehen und Palästinenser töten, oder harte israelische Vergeltung herausfordern, die schon hunderten das Leben oder ihr Haus gekostet hat.
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