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Ganz ohne geht es nicht

09.04.2009 | 19:16 Uhr
Ganz ohne geht es nicht

Ob mit Gott oder ohne: Glaube, Sinn und sogar Skepsis helfen dem Menschen zu leben. Fünf Bekenntnisse

Etwas, das durchs Leben trägt

Volker Gundlach. Foto: Andreas Mangen

Hochzeiten und Trauerfälle liegen nah beieinander für Volker Gundlach, dessen Beruf es ist, zu solchen Anlässen die Reden zu halten. Dem somit auch die Aufgabe zukommt, jene Menschen auf dem letzten Weg zu begleiten, die ohne Bekenntnis sind. Und die konsequenterweise auch den Gedanken an ein Leben nach dem Tod über Bord geworfen haben müssten. „Das glauben aber nur Sie!”, entgegnet er. „Ganz viele Leute, die sich von der Institution Kirche verabschiedet haben, besitzen zumindest einen rudimentären christlichen Glauben. Und die Erinnerung daran, was das ausmacht für ein Leben nach dem Tod. Dass sie zu konkreten Aussagen wie der Auferstehung von Jesus an Ostern Fragen haben, ist klar. Dass es aber irgendwie weitergeht, sei es auf einer Wolke oder sonst wie, daran glauben fast alle”, sagt Gundlach.

Es kommt also nicht oft vor, dass er, der Theologie studiert hat und evangelischer Pastor ohne Gemeinde ist, auf eine vollkommen weltliche Sicht der Dinge zurückgreift. „Meist geschieht das bei Menschen, die sehr naturorientiert sind und sich als Bestandteil des Kreislaufs des Lebens begreifen.”

Oft, wenn es sehr weltlich wird, besonders dann, wenn Kinder begreifen müssen, was gerade mit Oma oder Opa passiert ist, zitiert er aus dem „kleinen Prinzen”, jene Stelle mit den Sternen, die lachen.

Gundlach nimmt die Menschen ernst, wenn sie zu ihm kommen, er respektiert die Ansichten der Verstorbenen und begreift dies als Seelsorge vor Ort. Dazu kommt er als Trauerredner mehr, als wenn er eine Pfarrstelle hätte. Der Mensch, das weiß er, drückt sich allzu gern vor Glaubensfragen – bis er dann plötzlich mit dem Tod konfrontiert ist. „Ich habe ja ständig mit Menschen in solchen Krisensituationen zu tun, die sich dann auf den Glauben besinnen, auch um mit der Situation überhaupt umgehen zu können. Aber für mich heißt Glauben: Da ist etwas, das mich durchs Leben trägt.”

Was sich auch niederschlägt in der anderen, doch eher erfreulichen Berufung, der Gundlach nachgeht, dem Reden bei Hochzeiten: „Viele Menschen sehen die Hochzeit ja als schönsten Tag des Lebens, egal ob es die erste, zweite oder dritte ist.” Im Idealfall spricht Gundlach im Anschluss auch noch auf einer Taufe. Georg Howahl

Der Tod ist nicht das Ende

Stefanie Erling Foto: Matthias Graben

Gott kam schleichend in ihr Leben. Er ist ihr nicht erschienen, „ich hatte kein Bekehrungs-Erlebnis”, sagt sie, und sie braucht auch keine Beweise. Er war einfach da, und sie hat mit ihm geredet, abends im Gebet, und über ihn, im Kindergottesdienst schon, dann als Konfirmandin, nun als Theologie-Studentin, und sie hat gemerkt: „Der Glaube ist wichtig für mein Leben, er gibt mir Halt und Kraft und Orientierung.” Stefanie Erling ist erst 23 und weiß, was viele im Alter noch nicht gelernt haben: „Es passt zu mir.” Ein schlichter, ein schöner Satz.

Stefanie Erling kann viele solcher Sätze sagen und klingt dabei nicht künstlich, nicht altklug und erst gar nicht langweilig oder verstaubt, wie manche Leute argwöhnen, die hören, was sie so macht an der Uni: „Oh Gott”, sagen sie (wie seltsam), „wie kommt man nur dazu, sich für Kirche zu interessieren? Ich kann an Gott nicht glauben.” Die Studentin reizt das, nicht zum Unmut, zur Arbeit: Deshalb will sie ja Pfarrerin werden, um weiterzugeben, was Gott ihr gibt.

Denn für sie ist es „beruhigend zu wissen, das Leben läuft auf ein Ziel zu, und mit dem Tod ist nicht alles vorbei”. Sie mag es, „dass Gott uns zu freien Menschen gemacht hat mit eigenen Entscheidungen”. Und vor allem das: „Ich muss mich vor Gott nicht beweisen. Jeder muss sich doch heutzutage in der Gesellschaft dauernd und überall beweisen, zeigen, wie toll er ist. Gott nimmt mich mit meinen Fehlern.” Sie findet das „entlastend”. (Und wer ihr zuhört, muss unweigerlich nicken.) Wobei auch für Stefanie Erling nicht immer alles so einfach ist: „Es ist nicht so, als wäre das täglich klar.” Auch sie zweifelt. Aber nur manchmal.

Meistens nämlich freut sie sich. In diesen Wochen macht die Westfälin ein Praktikum in einer Dortmunder Gemeinde, sie hat hier Gottesdienst gehalten und alle Gruppen besucht, sogar die für Seniorentanz. Und hat wieder einmal gefunden, was ihr an Kirche so gefällt: „Die Gemeinschaft!” Sonntag werden sie wieder feiern, und bis dahin wird sie in den Andachten Jesu Leidensweg ein wenig mitgehen; sie sagt, das macht die Osterfreude noch größer. „Jeder ist eingeladen”, das ist für sie Gemeinde und der Grund, warum sie kaum glauben kann, dass Glauben allein zuhaus' möglich ist. Es wird ein Fest! Annika Fischer

Die Werte der Aufklärung

Martin Mahner Foto: privat

Die Abkürzung GWUP wird hier jetzt mal nicht erklärt, sie ist zu kompliziert für den Anfang; jedenfalls ist das eine Vereinigung von einigen hundert (Natur)Wissenschaftlern, die gegen Esoterik, Parawissenschaften und sonstigen Humbug fröhlich zu Felde ziehen. Skepsis ist ihr Handwerkszeug. Skepsis, also das Gegenteil von Glaube. Woran glauben Skeptiker, lieber Martin Mahner? Und Mahner sagt: „Müsste man nicht erst ,Glaube' definieren?” Oh, hier weht der kühle Wind der wissenschaftlichen Exaktheit.

Der Mann mit dem sprechenden Namen leitet das Informationszentrum der GWUP, wo sie hinter die Kulissen der Scharlatanerie blicken. „Es gibt Dinge, die muss man letztlich glauben als Voraussetzung wissenschaftlichen Denkens. Zum Beispiel, dass die Welt überhaupt real ist, dass sie Gesetzmäßigkeiten folgt und dass es Kausalität gibt”, sagt der 50-Jährige.

Auf dieser Grundlage vertraue er „berechtigterweise allem, was empirisch nachgewiesen ist: Der Mensch kann ja nicht alles immer wieder selbst überprüfen.” Skeptiker glaubten „ganz altmodisch an die Werte der Aufklärung: Glaubt nichts ohne Belege. Sind die Sachen überprüfbar? Erwägt pro und contra. Haltet nichts schon für wahr, nur weil es schön ist oder wünschenswert.” Das gehe bis zu ethischen Fragen: „Zitiere Deine Quellen. Begehe kein Plagiat. Obwohl der Inhalt ja nicht falsch wird, wenn ich ihn klaue.”

Aus Gesprächen wisse er, dass die Entscheidung in jungen Jahren falle, ob ein Mensch „auf die skeptisch-wissenschaftliche Schiene kommt oder nicht. Ich fand halt Was-ist-Was-Bücher toll, etwa verglichen mit Fußball. Warum, kann ich nicht sagen”, so Mahner: „Ich war noch keine zehn, da habe ich dem Religionslehrer kein Wort mehr geglaubt. Heute haben Sie etwa Kinder von Kreationisten, die glauben dem Biologielehrer kein Wort mehr.” Hubert Wolf 

GWUP ist die „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften”. www.gwup.org. 06154 / 69 50 21

Ein Glaube zum Selberbasteln

Gentleman alias Tilmann Otto. Foto: Four Music/ Werner Kruschke

Ein Reggae-Konzert ist immer auch ein Stück Gottesdienst. Ein Plädoyer für Nächstenliebe, Nachsicht und natürliche Mystik. Und interessanterweise beklagt sich die Reggae-Szene keineswegs über Nachwuchsprobleme. Im Gegenteil: Gerade das Unorganisierte und Diffuse weckt das Interesse an Rastafari, diesem zusammengebastelten Glauben aus der Karibik – und die Musik belegt die Spiritualität dieses zusammengebastelten Glaubens.

In den letzten zehn Jahren hat allen voran Tilmann Otto aus Köln für die Verbreitung dieser Musik und Message in Deutschland gesorgt. Man könnte sagen, dass er eine Familientradition fortführt, wenn er als Gentleman auf der Bühne steht. Sein Vater ist evangelischer Pastor, sein Großvater war es, sein Urgroßvater. Doch seine Spiritualität hört bei und in der organisierten Kirche auf. „Hier ist es kalt, hier kann ich Gott nicht spüren”, sagt er.

Gentleman begreift Religion in ihrer ursprünglichen Bedeutung: Das lateinische „religio”, sagt er, bedeute Zurückführung – und sich auf den Ursprung zu besinnen, das ist genau sein Anliegen. Besinnung und Bewusstmachung, das sind die Themen, die er in Musik verpackt; folglich sieht der Pastorensohn sich auch nicht als Missionar. „Ich bin zu sehr Sucher, um anderen etwas zu sagen . . . Mein Gott ist der Spirit.” Wie soll man das nun erklären? Soll man vielleicht auch nicht, damit der Spirit im Ungefähren bleibt. Eine kollektive Energie, meint Gentleman, die Liebe, vielleicht das „Gute im Menschen”, wenn er von „Jah” singt, dem Gott der Rastas. Denn natürlich hat der Freigeist auch hier seine eigene Interpretation: Die Vergötterung des äthiopischen Diktators Haile Selassie in der Rastafari-Religion sieht er kritisch.

Warum wurde er heimisch in der fremden Kultur? „Ich spürte hohen Wahrheitsgehalt in der Musik.” Die Botschaft von Toleranz und Spiritualität. So kann sein Vater, der Pastor, wohl zu Recht stolz behaupten: „Du machst fast das Gleiche wie ich, nur dass du mehr Leute erreichst.” Thomas Mader

Das Prinzip Hoffnung

Volker Naujok. Foto: Arnold Rennemeyer

Mit Glauben hat die Arbeit von Volker Naujok nur indirekt zu tun. Eher mit Hoffnung. Der Hoffnung, dass die nächste Kreditrate aufgebracht werden kann, die Wohnung bezahlbar bleibt, dass die eigene Existenz nicht gefährdet ist. Volker Naujok vermittelt Hoffnung auf eine Perspektive. Er arbeitet als Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberater in der Essener Verbraucherzentrale.

„Unser Thema ist ein Tabuthema. Für manche ist es eine große Überwindung, zu uns zu kommen”, so Naujok. Mehrere tausend Kontakte hat der Schuldnerberater jedes Jahr. Vielen dieser Menschen sei angesichts ihrer finanziellen Situation schlicht der Glaube an die Zukunft abhanden gekommen, sagt er.

So wie dem Facharbeiter, der Ende März in die Sprechstunde kam. Angestellter eines Essener Autozulieferers, dessen Betrieb wegen der Finanzkrise Kurzarbeit angemeldet hat. Binnen weniger Tage sei das Nettogehalt des 43-Jährigen von 1900 Euro auf 1300 gesunken, sagt Naujok. Die finanziellen Verpflichtungen indes sind geblieben: Lebenshaltungskosten, Unterhaltszahlungen für ein Kind, 550 Euro Kreditrückzahlung. Monat für Monat. Im Hinterkopf die Angst um den Arbeitsplatz. „Noch vor Monaten dachte er, er würde sein Leben bei dieser Firma verbringen, jetzt droht ihm die Privatinsolvenz. Das Leben dieses Mannes ist massiv aus der Balance geraten.”

Glaube, Perspektive, Hoffnung – große Worte in diesem Zusammenhang. Wie kann ein Schuldnerberater das vermitteln? „Der erste Schritt ist, dass meine Gesprächspartner merken, dass ich ihnen ernsthaft helfen will”, erklärt Naujok. Und welche Rolle spielt der Glaube für ihn selbst? „Ich glaube an Gott, bin römisch-katholisch.” Einen religiösen Ansatz gebe es bei seiner Arbeit jedoch nicht. Viel mehr treibe ihn ein grundsätzlicher Optimismus an, sagt Volker Naujok. „Die Leute, die ihren Glauben komplett verloren haben, kommen ohnehin nicht mehr zu uns. Die meinen, alles ist schon vorbei.” Thomas Dressel

Georg HOWAHL

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