Fluggesellschaft im Aufwind
01.04.2008 | 09:38 Uhr 2008-04-01T09:38:00+0200Essen. Die Bocholter Airline Blue Wings wurde mitten in der Krise der Branche 2001 mit nur einer Maschine gegründet. Seitdem feierte Inhaber Jörn Hellwig viele Erfolge. Doch Vorsicht, die Konkurrenz ist an einer Übernahme interessiert.
Jörn Hellwig hat ein Gespür für die Wirkung von vermeintlichen Nebensächlichkeiten. So stehen in seinem Büro am Düsseldorfer Flughafen hinter dem Schreibtisch an Fahnenstangen aufgehängt drei Nationalflaggen. Links die deutsche, rechts die der Schweiz und in der Mitte die der Vereinigten Arabischen Emirate. Je nachdem, wer zu Besuch kommt, wird er mit Nationalflagge empfangen.
"Wir müssen in einem Jahr noch da sein"
„Gestern war ein Scheich aus den Emiraten zu Gast”, erzählt Hellwig. Es ging ums Geschäft. Das geht viel einfacher von der Hand, wenn der Gast sozusagen mit staatlichen Ehren empfangen wird. Ehrensache für Hellwig, den Gründer und Vorstandschef der aufstrebenden Fluggesellschaft Blue Wings. Rund 150 Fahnen liegen bei Blue Wings bereit, was einiges aussagt über die Umtriebigkeit des 40-jährigen studierten Juristen, dem Worte wie Stillstand fremd zu sein scheinen.
Im Frühjahr 2002 hatte er Blue Wings gegründet, wenige Monate also nach den Terroranschlägen von New York, in einer Zeit, als die Luftfahrtbranche eine schwierige Phase durchmachte. „Damals habe ich gesagt, wir müssen in einem Jahr noch da sein und wir waren nach einem Jahr noch da”, sagt Hellwig.
Eine Million Passagiere im Jahr
Ums berufliche Überleben geht es heute schon lange nicht mehr. Blue Wings befindet sich auf einem massiven Wachstumskurs. Bestand die Flotte anfangs nur aus einem Airbus A 320 mit 156 Plätzen, wuchs sie in den Folgejahren immer weiter. 2006 gab Hellwig den Kauf von 25 Airbus-Maschinen des Typs A 320 bekannt. Bis 2011 werden sie ausgeliefert für insgesamt 1,5 Milliarden Dollar. Rund eine Million Passagiere flogen im vergangenen Jahr mit den insgesamt sieben Airbus A 320 von Blue Wings. 2011 sollen es nach Hellwigs Vorstellungen zwischen 2,5 und drei Millionen Fluggäste sein.
Hellwig wirkt glaubwürdig in dem, was er ankündigt. Anderes zu vermuten wäre auch nicht zulässig angesichts der Entwicklung der Gesellschaft. Zur Hilfe nahm er dabei ausländische Geldgeber. Die Züricher Alpstream AG ist mittlerweile mit 48 Prozent beteiligt. Alpstream wiederum ist eine Tochter der NRC-Holding mit Sitz in Moskau, die geführt wird von dem Russen Alexander Lebedew. Der ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt in der russischen Wirtschaft und in der Politik.
Russland und Iran im Visier
Lebedew ist zum einen Mitglied des russischen Parlaments, außerdem besitzt er 30 Prozent an der russischen Fluggesellschaft Aeroflot. Jeweils 26 Prozent besitzen die Investmentgesellschaft NIL (Zypern) und Hellwig selbst. „Wir nutzen unsere politischen Kontakte nicht aus”, sagt Hellwig. Doch gewiss kann es nicht schaden, solche Verbindungen überhaupt zu haben. Zumal vor dem Hintergrund der weiteren Expansionspläne.
Agierte Blue Wings als Charter-Flieger bis Ende vergangenen Jahres eher im Verborgenen, ist künftig mehr und mehr der Aufbau von Linienflügen geplant. „Wir haben jetzt eine Botschaft”, sagt Hellwig. So geht es auf Linie bereits nach Moskau und nach St. Petersburg. Geplant ist, weitere russische Ziele anzusteuern in Rostow am Don, Jekaterinburg, Omsk oder Sotschi. Auch den Iran hat Hellwig als Flugziel im Visier.
Annäherungsversuche der Konkurrenten
Doch damit nicht genug. Mittelfristig will er mit Blue Wings auch Langstreckenflüge anbieten. „Wir haben uns unterschiedliche Kontinente angesehen”, sagt er. Kuba wird wohl kommen, Südamerika ist denkbar und auch Ziele im ferneren Asien. Dazu müssten allerdings weitere größere Flugzeuge gekauft werden. Hellwig hält sich zurück mit großen Ankündigungen in der Hinsicht. Mit dieser Strategie ist er in der Vergangenheit stets gut gefahren.
Die Konkurrenz ist ohnehin auf ihn aufmerksam geworden. Es soll sogar „Annäherungsversuche” anderer Fluggesellschaften gegeben haben. Doch Hellwig ist zu sehr Unternehmer, als dass er seine Airline einfach so zu einem guten Preis verkaufen würde. Das wird allein schon durch dessen Liebe zur Detailarbeit deutlich. Kurz nachdem der Scheich aus den Emiraten sich nämlich verabschiedet hatte, tauschte Hellwig die Fahnen hinter seinem Schreibtisch aus. In der Mitte glänzte anschließend die russische Nationalflagge für den nächsten Besucher.

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