Erleichterung mit Fragezeichen
25.11.2009 | 19:57 Uhr 2009-11-25T19:57:00+0100Bochum. Die grobe Richtung des Sanierungsplans von General Motors für Opel steht fest. Das Bochumer Werk bleibt erhalten, es schwankt aber noch die endgültige Höhe des Jobverlusts.
Der Parkplatz vor Tor 4 an der Wittener Straße ist an diesem Mittwochmittag überraschend gut gefüllt. Dabei stehen in dieser Woche im Opel-Werk Bochum die Bänder still, es herrscht Kurzarbeit. Trotzdem müssen viele hundert Opelaner ran. Es laufen Vorbereitungen, die Bänder ab der kommenden Woche langsamer laufen zu lassen. „Wir müssen das Produktionsvolumen an die Nachfrage anpassen”, sagte Opel-Sprecher Norbert Held.
So verteilt sich nach Angaben von Gesamtbetriebsratsvorsitzendem Klaus Franz der Abbau von 9000 Stellen auf die Opel-Standorte (in Klammern: jetzige Gesamtbelegschaft); in Deutschland: Rüsselsheim 2500 (16 000), Bochum 1800 (5300), Kaiserslautern 300 (2300), Eisenach 300 (1800)
In Europa: Ellesmere Port 0 (2400), Luton (beide Großbritannien) 354 (2100)
Antwerpen (Bel.) 750 (2320)
Saragossa (Span.) 900 (6000)
Aspern (Österreich) 0 (1850)
Gleivice (Polen) 0 (3000)
Ganz anders steht es um die Produktion von Nachrichten über das Unternehmen. Hier stieg die Nachfrage am Mittwoch erneut, Opel lieferte Meldungen im Minutentakt.
Am späten Vormittag bestätigte Nick Reilly, der Europachef des Opel-Mutterkonzerns General Motors (GM): Alle vier deutschen Werke sollen erhalten bleiben, auch die Fabrik im thüringischen Eisenach. GM plant seine Zukunft mit dem „Corsa-Werk” in Ostdeutschland. Einen Tag zuvor gab es dieses Signal schon für die Standorte Bochum und Kaiserslautern.
Eine Sonderstellung nimmt der Opel-Stammsitz Rüsselsheim ein. Er wird künftig die Europa-Zentrale von GM beherbergen, hier befindet sich auch das technische Entwicklungszentrum des Autobauers.
Nick Reilly, dem der Ruf des harten Sanierers vorauseilte, ist um positive Signale bemüht. Er sucht Kontakt zu den Regierungschefs der vier Opel-Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und NRW. GM wird schließlich auf Staatshilfen der europäischen Länder mit Opel-Standorten angewiesen sein.
Ausgerechnet in dieser sensiblen Phase machen Spekulationen über das Ausmaß des Stellenabbaus die Runde. Von 5300 Arbeitsplätzen, die in Deutschland wegfallen sollen, ist zeitweise gestern Nachmittag die Rede – davon angeblich 2400 in Rüsselsheim, 2300 in Bochum, je 300 in Eisenach und Kaiserslautern. „Falsch und weit überzogen” seien diese Zahlen, teilt Opel hier noch schriftlich mit.
Am späteren Nachmittag meldet sich Reilly wieder zu Wort. Er liefert neues Zahlenmaterial: Von den insgesamt 50 000 Stellen in Europa wolle GM etwa 9000 streichen, davon 50 bis 60 Prozent in Deutschland. Demnach sollen bundesweit sogar bis zu 5400 Arbeitsplätze wegfallen. Eine Entscheidung sei aber noch nicht getroffen, beteuert Reilly. Zunächst werde es Beratungen mit Belegschaftsvertretern geben. Auch von den Regierungen erwarte GM Beiträge zur Sanierung. Kurzum: Es wird noch einige Zeit dauern, bis die Beschäftigten völlige Sicherheit haben.
Opel-Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz erklärt verärgert, dieser Sanierungsplan gehe zu Lasten der deutschen Standorte. Und wieder gibt es neue Zahlen zum Stellenabbau: In Rüsselsheim sollten laut Franz etwa 2500 Arbeitsplätze wegfallen, in Bochum 1800, in Kaiserslautern und Eisenach je 300. Der Opel-Betriebsratschef Rainer Einenkel bestätigt für Bochum die Zahl 1800. Und: „Das ist deutlich weniger als befürchtet”, sagt er. „Damit reduziert sich die Gefahr betriebsbedingter Kündigungen.” Im Konzept des potenziellen Opel-Investors Magna seien noch 2200 bis 2500 Arbeitsplätze bedroht gewesen. GM sei offensichtlich der Argumentation des Bochumer Betriebsrates gefolgt und versuche nun Ersatzbeschäftigung, etwa über die Fertigung von Komponenten, ins Revier zu holen, so Einenkel. Man nehme die Pläne zum Stellenabbau „zur Kenntnis”, fügt der Betriebsrat hinzu. „Wir werden aber immer versuchen, weitere Verbesserungen für Bochum zu erreichen.”
Nachdenklich ist die Stimmung vor den Werkstoren in Bochum. „Man kann ja nicht jammern”, sagt ein Arbeiter. Er ist Familienvater mit zwei Kindern, die noch zur Schule gehen. „Man muss sehen, was die Zukunft bringt. Wenn aus ist, dann ist eben aus.” Die Opel-Beschäftigten bekommen unmittelbar die Krise zu spüren. In wenigen Tagen soll die reguläre Produktion in Bochum gedrosselt werden. Künftig werden statt 49 nur noch 42 Autos pro Stunde gefertigt. „Es ist teuer, Fahrzeuge auf Halde zu produzieren”, begründet Opel-Sprecher Held.

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