Ein sensationelles Debüt
08.06.2008 | 15:19 Uhr 2008-06-08T15:19:00+0200Bottrop. Unter den über 100 Debüts beim Klavierfestival Ruhr in 20 Jahren hat es ein solch' sensationelles Entree noch kaum gegeben.
Yuja Wang, 21-jährige Chinesin, überrumpelte bei ihrem umjubelten Auftritt im Bottroper Kammermusiksaal das Auditorium – mit Glanz, Temperament, Virtuosität, Samtanschlag.
Yuja Wang, von Daniel Barenboim gefördert, wagte sich an ein Programm mit vielen Risiken. Wer nimmt sich eine solche Parforce-Tour mit György Ligetis „Etudes” (als Einspielstücke!), Fredéric Chopins Sonate Nr. 2 op. 35, Sergej Rachmaninows Klaviertranskriptionen (Hummelflug aus Rimsky-Korsakows „Das Märchen des Zaren Saltan” und „Vocalise” u.a.), Alexander Skrjabins Fantasie-Sonate Nr. 2 op. 19, Bela Bartóks Sonate Nr. 80 und als Klavierolymp Maurice Ravels „La Valse” vor? Kaum jemand.
Dann das pianistische Wunder: Denn neben der Glitzerwelt, die viele dieser romantisch verhafteten Werke ins pure Genießen treiben, bleiben Momente der Verstörung, der Meditation, der tiefen Seeleneinsicht. Das galt besonders für Bartók mit der mystischen Klage und den attackierend-feurigen Ecksätzen und, noch einmal gesteigert, in „La Valse”. Yuja Wang nimmt die Vorlage des Franzosen als Zusammenbruch einer Epoche, als Parallelentwicklung von Unterhaltungsritual und Katastrophensignal. Die Tasten des Klaviers werden zum Szenario eines europäischen Untergangs im ersten Weltkrieg. Die Zugaben mit Gluck/Mozart: ein grandioses „Zuckerl”.

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