Ein Hochhaus als Vogelfalle
23.09.2008 | 18:39 Uhr 2008-09-23T18:39:00+0200Bonn. Gewisse Vögel werden wie Insekten vom Licht angezogen – und prallen oft gegen große beleuchtete Gebäude. Am Bonner Post-Tower untersucht eine Studentin, was man tun kann, um die Tiere zu retten.
Der Parka raschelt, als Irina von Maravic das Fernglas ansetzt. Ihr geschärfter Blick zielt von der weitläufigen Terrasse nach unten, in die Dunkelheit des Rheinauenparks, wandert von Baumwipfel zu Baumwipfel, sucht Bewegung. Doch, kein Flattern, kein Ruf aus zarter Vogelkehle. Nur der Wind, der im Rücken der Biologie-Studentin in Böen auf graue Bodenplatten trifft. Luftmassen, die entlang der 162,5 Meter hohen, blau erleuchteten Glasfassade in die Tiefe rauschen: Auch am Fuße des höchsten Gebäudes von NRW sind die Winde beträchtlich.
Irina von Maravic steht wie jeden Abend auf dem zugigen Plateau des Post-Towers im Bonner Süden – um diejenigen zu finden, die mit dem nur scheinbar transparenten Hochhaus auf Kollisionskurs gehen: Sommergoldhähnchen, Rotkehlchen, Drosseln.
Seit August schlägt sich die 30-Jährige die Nächte um die Ohren. Im Dienste des Vogelschutzes – und für ihre Diplomarbeit. Schichten von 21 Uhr 30 bis sechs Uhr morgens sind das, jede Nacht, nur samstags nimmt sich die junge Forscherin frei. „Zuerst suche ich mit dem Fernglas, ob in der Umgebung Vögel zu sehen sind, dann gehe ich um das Gebäude”, erklärt sie. Dort beobachtet von Maravic auch, wie die Vögel an die Fassade prallen und bis zu 34 Stockwerke in die Tiefe stürzen. Tote Tiere sammelt sie für eine spätere Untersuchung auf Alter und Gesundheitszustand ein – sie werden eingefroren. „Die Verletzten bringe ich ins Unterholz. Mehr kann ich nicht tun.” Viele blieben stundenlang benommen nahe der Glaswände sitzen. In einem Monat hat sie 100 Verunglückte registriert.
Die Nachtwächter grüßen, wenn sie kommt. Neuerdings hat die Studentin sogar Konkurrenz: „Ein Steinmarder und zwei Katzen patrouillieren mit mir um die Wette”– die Vierbeiner hoffen auf Beute. „Ich möchte ermitteln, wie schädlich so ein Gebäude wirklich ist”, erklärt von Maravic. „Dass Licht Vögel genauso anlockt wie Insekten, wissen viele gar nicht.” Anziehungspunkte am Posttower sind die 2000 computergesteuerten Lichtröhren in der Glasfassade: Die Zentrale der Deutschen Post erstrahlte bis vor kurzem abwechselnd in den Farben Rot, Blau und Gelb – von 22 bis ein Uhr nachts.
Seit einem Monat leuchtet der Koloss nur noch blau. Ein Entgegenkommen des Konzerns. Denn ein Bonner Hobby-Ornithologe (Vogelforscher) hatte über Monate beobachtet, wie an die 1000 Vögel nahe der großen Lichtquelle die Orientierung verloren. „Er suchte den Dialog und blieb sachlich”, sagt Post-Sprecher Dirk Klasen. Die biologisch fundierten Argumente überzeugten, man habe nach Lösungen gesucht.
Die Beleuchtung wird nun in Herbst und Frühjahr – zur Vogelzugzeit – für insgesamt fünf Monate reduziert. Außerdem gleiten als „Hinweis für die Bevölkerung” riesige flügelschlagende Vogelschatten über die Fassade: Der Effekt wird durch gezieltes Abschalten der Leuchtröhren erreicht. Ob das Blaulicht die gefiederten Fernstreckenflieger weniger irritiert, will nun von Maravic überprüfen. Auf die Ergebnisse sei man auch auf Konzernseite gespannt, so Klasen.
Ob weiter gehende Konsequenzen denkbar sind? Klasen: „Ein weiterer Verzicht wäre schade. Wir warten die Ergebnisse ab.” Ein Fazit zieht von Maravic erst im Frühjahr, beobachtet hat sie bislang, „dass viele Vögel mit Spinnweben und sogar Menschenhaaren verklebt sind”. Die Vermutung: „Wenn sie vom Licht angezogen gegen die Fassade prallen, verfangen sie sich in die Netze, die für Falter gedacht sind. Die Haare kommen wohl aus der Belüftungsanlage.” Bis November und wieder ab März will sie beobachten, welche und wie viele Vögel gegen die Glasfassade fliegen.
Auch in dieser Nacht ist es passiert. Am nächten Morgen wird Irina von Maravic vermerken: „Keine Toten, sieben Verletzte: vier Sommergoldhähnchen, ein Rotkehlchen, ein Waldlaubsänger, ein Trauerschnäpper.”
14:57
Genau, . . . . . . weg mit den Vögelfallen !
14:07
Dem kann ich nur zustimmen. Der Verbraucher soll Strom sparen und die Industrie und die Städte verschwenden Strom durch Festbeleuchtung nachts, wenn ohnehin nur wenige Nachtschwärmer unterwegs sind. Bei den Energiepreisen könnte man mit dem Geld,das eingespart wird , lieber Schulen sanieren!
07:05
Gute Idee! Es ist sowieso ein Ding, dass nachts noch alles mögliche und unmögliche beleuchtet wird. Teilweise eine echte Stromvergeudung.
22:13
Die schnellste und wirkungsvollste Lösung wäre, den Tower Nachts einfach abzuschalten ! Vielleicht wird dieser Post-Tower in Kürze endgültig für immer abgeschaltet. Die Niederlassungen in vielen Städten werden ebenfalls in Kürze geschlossen, bzw. verkauft.