Ein ganzes Leben auf zwei Rädern

Kabul, 1966. Horst Orlowski geht zum Briefkasten und fischt eine Zeitschrift heraus. Es ist die „Motorrad“, gedruckt in Deutschland, dann 14 Tage lang auf dem Postweg nach Afghanistan gereist. Horst Orlowski, damals 28 Jahre alt und Leiter einer Tuchfabrik, blättert durch die Seiten. Sein Blick bleibt auf einem Foto hängen: Er sieht zum allerersten Mal die Moto Guzzi V7, 700 Kubik, V2-Motor. Ein brandneues Modell, eben erst auf der Messe vorgestellt. Horst Orlowski ist sofort Feuer und Flamme. „Ich hab nicht lange überlegt. Ich hab sie mir bestellt, ohne je sie je gefahren zu haben“, sagt der heute 79-Jährige.

Aufgewachsen ist Horst Orlowski in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein. In dem Nest gab es in den frühen 1950ern zwar eine große Hauptstraße. Autos fuhren auf ihr aber nur selten. Manchmal rumpelte der Bauer mit seinem Traktor durch den Ort. Das fand niemand wirklich spannend. Wenn er aber mit seinem Motorrad kam, machten alle Leute große Augen. Doch die allergrößten Augen machte damals Horst Orlowski. Er war gerade 14 Jahre alt. Und er konnte sein Glück kaum fassen, als ihn der Bauer zu einer Probefahrt auf seiner 8,5 PS starken 200er-Zündapp einlud. „Meine ersten Fahrversuche verliefen problemlos“, erinnert sich Orlowski. „Blöd war nur, dass der Dorflehrer mich dabei gesehen hatte.“ Der Ärger, der zwangsläufig folgte, konnte jedoch nicht verhindern, dass der Junge fortan ein gesteigertes Interesse für Zweiräder verspürte.

Aber es waren die Nachkriegsjahre. Wer hatte da schon Geld für ein Motorfahrzeug? Horst Orlowskis Familie jedenfalls nicht. Selbst der Kauf eines Fahrrads war für den Jungen undenkbar. Also hat er sich selbst eines gebaut. „Damit habe ich hunderte Kilometer lange Touren gemacht. Ohne Motor, ohne Gangschaltung, bei knappsten Etat“, sagt Orlowski. „Ich war halt schon immer gerne auf zwei Rädern unterwegs.“

Mit 18, endlich, konnte Horst Orlowski den Führerschein machen. Sein erstes Motorrad stand da schon seit Wochen in der Garage. Eine Maico, Zweitakter, 150 Kubik, schwarz lackiert, weiß-rote Linien auf dem Tank. 500 Mark hatte der junge Volljährige dafür bezahlt. Der Vater hatte ihm dafür das Geld gepumpt. Die Mutter hatte Angst, dass sich der Sohn mit dem Zweirad zerlegt. „Sie hat mir sogar einen Helm geschenkt“, sagt Orlowski. „Das war damals noch gar nicht Pflicht. Aber ich hab ihn getragen. Oder ich hab ihn meiner Freundin gegeben, die hinten drauf saß.“

Frauen beeindrucken, eine Zeitlang ging das ganz gut, wenn man mit dem Motorrad unterwegs war. Doch dann wurde Ludwig Erhard zum Vater des Wirtschaftswunders. Und plötzlich waren in der jungen Bundesrepublik Autos erschwinglich. Die Motorradverkäufe brachen ein, nur der Käfer lief und lief. Horst Orlowski war das egal. Er investierte in Motorräder: erst in eine 200er-DKW, danach in eine NSU Max. Der Klassiker aus Neckarsulm war sogar stark genug, einen Seitenwagen zu ziehen – und der war 1962 nötig: Horst Orlowski hatte geheiratet, und er war Vater einer Tochter geworden.

Ende der 1960er waren Motorräder seltener geworden im Straßenbild. Traditionsreiche Firmen schlossen, legendäre Marken existierten fortan nur noch in der Erinnerung. „Dabei hat sich der harte Kern herausgebildet. Die, die noch Motorrad fuhren, haben es wirklich geliebt“, blickt Orlowski zurück. Zu dieser Zeit war er aus Afghanistan zurück. Es verschlug ihn ins Bergische Land, damals ein Zentrum der Textilindustrie. In seiner Garage stand die „Guzzi“, von Kabul aus geordert.

Remscheid, 2016. Die „V7“ steht längst nicht mehr alleine in der Garage. Neben ihr parken eine „Mille GT“ von ’89 und eine „California“, Baujahr 1999. Orlowskis „V7“ ist inzwischen 350.000 Kilometer gelaufen. Der Zahn der Zeit hat an ihr genagt. „Meinen Motorrädern sieht man halt an, dass sie gefahren werden“, sagt er. Der Chrom funkelt nicht mehr, doch die Augen des 79-Jährigen strahlen noch immer so wie damals, als er mit 14 Jahren dem motorradfahrenden Bauern zugesehen hat. Seine Hand ruht sanft auf dem Tank des mehr als 200 Kilogramm schweren Fahrzeugs. „Wenn man mit einem Motorrad so viele Jahre verbracht hat, dann entsteht eine Verbindung zwischen Mensch und Maschine. Es sind viele gute Erfahrungen. Und sie hat mich immer dahingebracht, wo ich hin wollte.“

Eingebracht hat Orlowski das Motorradfahren auch eine der höchsten Auszeichnungen, die es für Bürger der Republik gibt: das Verdienstkreuz am Bande. 1998 hat er es bekommen, Bundespräsident Roman Herzog hat die Urkunde unterzeichnet. Geehrt wurde Orlowski für sein ehrenamtliches Engagement. Von 1979 bis 1991 war er Vorsitzender des Bundesverbands der Motorradfahrer, seitdem ist er Ehrenvorsitzender.

Bald feiert Horst Orlowski seinen 80. Geburtstag. Das Motorradfahren will er nicht aufgeben. Noch immer spult er pro Jahr rund 10.000 Kilometer auf seinen „Guzzis“ ab. „Auf zwei Rädern bleibt man jung“, sagt er. Beim Fahren sei schließlich der ganze Mensch gefordert: „Kopf, Gefühl, Feinmotorik, Ausdauer – acht Stunden auf dem Motorrad sitzen, dabei konzentriert bleiben, das hält fit.“

Einmal in seiner langen Motorradfahrer-Laufbahn half Horst Orlowski seine Konzentration nicht. Er hatte einen Unfall: eine große Öl-Lache auf der Autobahn, er konnte nicht sie nicht sehen, bei 130 Stundenkilometern hat er die Kontrolle verloren. Er flog weit durch die Luft, schlug hart auf. Prellungen, dennoch Glück im Unglück. Ob er danach ans Aufhören gedacht hat? „Nein!“, sagt er. „Dafür ist das Motorradfahren viel zu faszinierend.“