"Ego-Shooter" wehren sich gegen Klischees
17.03.2009 | 18:32 Uhr 2009-03-17T18:32:00+0100Essen. „Ego-Shooter” wehren sich gegen das Klischee vom dumpfen Killerspieler: „Wir sind verantwortungsvolle Erwachsene.” Einige von ihnen, in der Mitte des Lebens und aus bürgerlichen Berufen, treffen sich im "Senior Fight Club".
Der Mann, der sich „Ruhig Blut” nennt, ist in diesem Moment sehr ruhig. Sein Rechner ist abgestürzt, das Bild tot, keine Rückmeldung von „Deathmatch”, dem Todesspiel. „So kann ich gar nicht zum Killerspieler mutieren.” Er lacht.
Sie sagen, es geht nicht ums Blut. Es sind doch bloß Pixel. Sie sagen, es geht auch nicht um Macht und nicht um Aggressionen. „Das empfinde ich nicht”, sagt Ingbert Bauer. Um Geschicklichkeit gehe es ihnen, um Taktik, Spannung, Unterhaltung, und empfinden tun sie etwas ganz anderes: Dass nun wieder alles auf sie zeigt, sie Psychopathen nennt, ihnen sadistische Phantasien unterstellt und verbieten will, was für sie nur ein Spiel ist. „Ego-Shooter” wehren sich gegen den Vorwurf, der Amoklauf von Winnenden habe mit ihren Computerspielen zu tun.
»Menschen, die Gewalt verherrlichen, sind unerwünscht«
Ingbert Bauer ist 50, Familienvater und Richter, er hat einen Brief geschrieben im Namen seines Vereins, dem „Senior Fight Club”: Ihr Spiel sei nichts anderes als „Räuber und Gendarm” auf virtueller Ebene. „Dass es irgendeinen kausalen Zusammenhang zwischen solchen Spielen und realer Gewaltanwendung gibt, bestreiten wir.” Ein Verbot, wie von der Politik derzeit debattiert, sei „billiger Populismus auf Kosten der Opfer”, so Bauer zur WAZ. „Menschen, die Gewalt im wirklichen Leben verherrlichen, sind bei uns unerwünscht.”
Mit der Waffe voraus, man sieht nur ihren Lauf, irrt „Ruhig Blut” durch ein virtuelles Gebäude, eine „Map”. Er hat sich verlaufen, aber „da vorn ist einer, das ist der Herr Knopf”. Jim Knopf, so hat sich der Gegner vorgestellt, und er ist gnadenlos: „Oh, da hat mich der virtuelle Tod ereilt.”
„Ruhig Blut” ist Kunstkritiker, in seinem Essener Arbeitszimmer gibt es neben Ordnern über Musik und Architektur auch diesen: „Familie, Kita, Schule, Voltigieren.” Im „Fight Club” sind viele wie er, Ingenieure, Mechaniker, Ärzte; „wir sind reife, verantwortungsvolle Erwachsene”, sagen sie. Lauter nette Leute, sagt Ingbert Bauer, „die garantiert niemanden umbringen würden”. „Ruhig Blut” hat kleine Töchter, die nicht sehen dürfen, was er spielt, und eine Frau, die es nicht gern sieht. Sie sind übereingekommen, dass er nur zockt, wenn sie im Fernsehen „Topmodel” guckt.
Armbrust, Maschinengewehr oder Gravity Gun?
Links entscheidet die Tastatur, wo's lang geht, rechts die Maus, womit: Armbrust, Maschinengewehr, Gravity Gun? Die zieht alles an und wirft anderen an den Kopf, was in der „Map” herum liegt: Sägeblätter, Fässer oder ein Fahrrad. „Ich kann meine ganze Umwelt zur Waffe machen.” Kichern kommt aus dem Kopfhörer, „Ruhig Blut” ist unkonzentriert heute, „leider wollen die mich alle umbringen. Aua!” Knopf ist einer Kloschüssel zum Opfer gefallen.
Manchmal entschlüpft ihnen selbst das böse Wort: „Killerspiel”, aber wenn sie es erklären, dann „trainieren” sie „zusammen”, „kämpfen zusammen”. . . Viel ist da von „Miteinander” die Rede, von sozialen Kontakten, die sie schließen in kunstvollen Welten, die sie bewundern. Ingbert Bauer aus Bayern begegnete schon Menschen aus aller Herren Länder, kennt manchen längst persönlich, und auch im Netz „wird viel gelacht”. „Ruhig Blut” traf in seinem „Killerkosmos” einen russischen Kunststudenten, mit dem er stundenlang über die Muse redete statt über Mord.
Die Liste der „produzierten Leichen” wird länger
„Du blutest. Was hast du da denn, ein Brecheisen? Kann ich dich auch mit vertrimmen.” Auf dem Schirm springt einer aus der Jeans in einen Kampfanzug, es geht jetzt „Böse” gegen „Rebellen”, der Böse hat grüne Augen. Die Liste der „frags”, der „produzierten Leichen” wird länger, es geht rasend schnell, aus dem Kopf des Rebellen fließt rote Farbe. „Es ist einfach Spaß, was wir hier machen, Jux und Dollerei.” Und Granatenwerfen ist „Fingerfertigkeit”. Deren Variante kann „Ruhig Blut” allerdings nicht mehr vorführen; er liegt leblos am Boden. War es „Tintenkiller”? „K(r)ampfsau”?
Ingbert Bauer findet es „menschlich”, dass nun alle nach Ursachen suchen. Ein Amoklauf aber werde „nicht dadurch hervorgerufen, dass jemand spielt”. Gesunde Menschen wüssten virtuelles „Schießen auf Pixelmännchen” und reales Töten sehr wohl zu unterscheiden.
„Schluss mit dem Gemetzel”, sagt „Ruhig Blut” und macht seinem Namen gelassen Ehre. „gg”, grüßt er zum Abschied. „Good Game. Gutes Spiel.”
13:13
Mir drängt sich bei diesen Diskussionen immer die Frage auf, ob da nicht das Pferd von der falschen Seite aufgezäumt wird.
Dass bei einem Amokläufer „solche“ Spiele gefunden werden bedeutet doch nicht dass alle Spieler Amokläufer sind.
Oder sind alle Handybesitzer Terroristen die das Handy zum Zünden von Kofferbomben verwenden?
Wie schon mehrfach festgestellt wurde, sehe auch ich hier die Krux an der Erziehung. Sei es das Elternhaus oder die Gesellschaft. Sollte hier schon etwas schief gelaufen sein, und die betreffende Person hat einen Hang zur Gewalt bzw. einen psychischen Knacks entwickelt, wen wunderts dass diese dann magisch von dieser Art Spiele angezogen wird? Dabei steht dann aber nicht mehr der (gemeinsame) Spielspass im Vordergrund, sondern allein das ausleben von Gewaltphantasien. Dazu wird das Spiel dann zweckentfremdet genutzt.
Auch ich bin leidenschaftlicher Gamer, nicht nur von „Killerspielen“ aber eben auch. Jegliche Tendenzen in Richtung Amoklauf weise ich aber vehement von mir. Auch ich bin ein (zweifacher) Familienvater und stehe mit meinem hochqualifizierten Job voll und mit beiden Beinen im Leben.
Dass ein plattes Verbot nicht ausreicht zeigt ja alleine schon der Vorfall in Winnenden selbst. Wäre die Waffe des Vaters nach den Vorschriften des Gesetzes im verschlossenen Safe aufbewahrt gewesen, wäre der Junge nicht drangekommen. Abgesehen davon reicht die aktuelle Gesetzeslage des Jugendschutzes eigentlich völlig aus, sofern diese konsequent umgesetzt würde.
Ein Ausbau der Betreuungsangebote für Jugendliche, ein konsequenter Umbau des Bildungssystems und die Vermittlung von verantwortungsvoller Medienkompetenz ist sicher ungleich schwerer und langwieriger als das kurzfristig realisierbare Verbot von „störenden Elementen“. Aber dennoch ist dies die einzig richtige Antwort.
22:32
@liner beobachter: die sache mit dem us-militär und den spielen ist nur eines der märchen von den spiele-gegnern und nun mal einfach nicht wahr (weil das auch nicht funktioniert).
spiele wurden nur zum taktischen training verwendet. d.h. wie man sich in der gruppe bewegt, deckung gibt, und das richtige führen einer gruppe.
10:21
Hallo Ruhig Blut, schöne grüße von Deme ... :-D
09:16
Ja, genau - Half Life 2: Deathmatch heißt das Spiel, ich habe betriebsblind immer von Deathmatch gesprochen und das nicht klar gestellt. Aber das ist nebensächlich. Insgesamt freue ich mich, dass bei aller journalistisch gebotener Distanz äußerst fair berichtet wurde und der unterhaltsame und kommunikative Charakter des Spiels nicht außen vor blieb.
Das Problem ist ja die Verfügbarkeit für Kinder und Jugendliche: Der Vorstoß, Läden durch Testkäufe zu kontrollieren, ist löblich und ein Mosaikstein. Aber die meisten Spiele kriegt man durchs Netz, schon Demoversionen lassen sich unkontrolliert von überall her herunterladen. Spieleplattformen wie Steam sind lasch, HL2:Deathmatch lässt sich ja sogar als Dauer-Promoaktion zweier Grafikkartenhersteller ohne Altersverifikation kostenlos herunterladen. Und in anderen Ländern mit anderen Altersfreigaben kann man auch via Internet Spiele-CDs bestellen. Gefragt sind da die Eltern, und wenn die null Medienkompetenz haben und ihre Kinder verwahrlosen lassen - siehts natürlich düster aus.
Aber in der Szene trifft man nicht selten auf die Meinung, mit den Finger (zurecht) auf die Eltern zu zeigen, ohne sich an eigene Nase zu packen. Wenn Kinder einen Clan aufmachen, kann man nichts dagegen machen. Wenn aber erwachsene Clanleiter wissentlich Kinder in ihre Gemeinschaft aufnehmen oder sie darin belassen - oft mit dem scheinheiligen Argument, hier haben wir sie wenigstens unter Kontrolle - dann ist das eine Verantwortungslosigkeit sondergleichen. Wenn andere Sicherungen versagen, dann sollte wenigstens in den Clans die letzte Hürde sein. Wie soll man uns auch sonst ernst nehmen, wenn wir uns selbst nicht kontrollieren können? Ich habe aber den Eindruck, dass sich diese Haltung zum Glück immer mehr durchsetzt.
@linker Beobachter. Bei Brettspielen kommt das Brett auf den Tisch, nicht vor den Kopf. ;-)
16:14
Wie schon folgerichtig festgestellt ist Erziehung wohl der Flaschenhals in unserer Gesellschaft. Wenn ein Vater hergeht und mit seinem 17 jährigen Sohn reale Schießübungen durchführt und sich nach dessen Amoklauf hinstellt und sagt Das hätten wir unserem Sohn niemals zugetraut läuft hier wohl was mächtig
schief. Und dann soll wieder mal der böse Killer spieler herhalten?????????????
14:06
Zugegeben: Als Kind habe ich Cowboy gespielt und auch mit einer Spielzeugpistole meine Gegner bekämpft. Die Vorb ilder dazu fand ich im Fernsehen, bei Rauchende Colts oder Bonanza. Aber es war und blieb ein Kinderspiel. Die heute ausgeklügelten Shooter-Games indes sind mehr als nur ein Spiel: Langfristig dürften sie wohl zur Verrohung der Persönlichkeit führen, die stundenlang und das wohl noch täglich diese Horror-Spiele luistvoll spielen und in der Fantasie natürlich auch erleben. So setzt das US-Militär solche und andere Spiele ein, damit neu angeworbene Soldaten fit fürs Töten gemacht werden. Ach ja - und noch etwas fällt auf: Seitdem selbst perverse sexuelle Darstellungen durch das Internet fast schon zum normalen Alltag gehören, leben auch immer mehr Menschen diese Gelüste aus. Einer der Gründe könnte tatsächlich sein, dass angeregt durch solche Spiele, die Grenze zwischen Fantasie und Realität verwischt wird. Das gilt nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene. Daraus ableiten läßt sich möglicherweise das:Kinder müssen möglichst frühzeitig - also schon im Kindergarten - lernen, wie man Medien sinnvoll nutzt. Und wie leicht Medien uns manipulieren können. Und vielleicht kann ein Spieleabend mit spannenden Brettspielen in angenehmer Gesellschaft mehr Abwechselung und Zeitvertreib sein, als ein Killerspiel über Stunden allein am Rechner gespielt. Solche Spiele indes zu verbieten, dürfte wohl nicht viel bringen. Denn es wird a) immer Wege geben, sich solche Spiele zu beschaffen und b) gerade was verboten ist, reizt bekanntlich besonders. :
12:28
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12:28
Ich denke, das Thema Amoklauf wird falsch angegangen. Natürlich findet man bei jemandem mit Gewaltphantasien auch gewalttätige Spiele. Aber wer Spiele mit gewalttätigem Inhalt besitzt hat bzw. bekommt nicht gleich automatisch Gewaltphantasien.
Wenn die Gesellschaft Schuld ist wird das Problem meist von den Medien auf andere Sündenböcke verschoben. Denn die Meisten Amokläufer haben ihren Menschenhass durch ihr Umfeld erlangen, durch Demütigung, Desintegration oder andere negative Erfahrungen in der Entwicklungsphase. Wer sich dann an der Menschheit rächen will, kann erst seine Rachsucht virtuell auslassen, solange bis es nicht mehr reicht und die Rache in der Realität ausgelassen wird.
Nur wer Gewaltspiele spielt, um Schaden anzurichten, gewalttätig zu sein oder morden zu können, der ist wirklich amokgefährdet.
Für alle anderen ist es in der Tat nur ein Räuber und Gendarm, der Spaß am Spielen.
- Ein Counterstrike Source Spieler
22:43
Viele Ego-Shooter haben die USK 18 Einstufung.Also für Jugendliche nicht käuflich. Wenn es manchen Eltern egal is, was ihre Kinder machen und ihnen solche Spiele kaufen, nur damit sie ruhe geben, können doch die Ego_shooter-spieler nicht verantwortlich gemacht werden.
Und vorallem, ein Verbot bringt meißt wenig. man sieht es doch an den Jugendlichen Raucher,es gibt mittel und wege, wie die Jugend halt an Zigaretten kommt.
22:12
ja endlich mal jemand der auch uns mal wieder ins rechte Licht rückt.Das ewige gelabber über das der Verbot der Killerspiele nervt nur noch ,als wären wir alle schlechte Menschen.
Ich bin zweifacher Familienvater stehe mit beiden Beinen im Leben und werd in der öffentlich nur weil ich Egoshooter Spiele als potenzieller Amokläufer abgestempelt.
Meiner Meinung nach versagen da die Eltern wenn sie mal öfter schauen würden was ihr kind vor dem Pc treibt hätten wir einige Probleme weniger!!!!