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Die Zukunft der Skalpellschwinger

22.10.2008 | 19:24 Uhr

Endlich eine Weißkittel-Serie, die statt auf Herzschmerz auf Humor setzt: "Dr. Molly & Karl"überzeugt vor allem dank seiner Hauptdarstellerin, der fülligen Theaterschauspielerin Sabine Orléans

Besser als Professor Brinkmann, giftiger als Oberschwester Hildegard: Molly (Sabine Orléans) mit Karl (Susanna Simon). Foto: Sat.1

Essen. Was waren das noch für Sat.1-selige Zeiten, in denen Doktor Kampmann kranke Kinder umgluckte, Schwester Stefanie den Seelentröster und Eheretter spielte und der Bergdoktor alternde Dindlträgerinnen mit aufmunternden Sprüchen päppelte. Vorbei und vergessen: Die Zukunft der Skalpellschwinger heißt Dr. Susanne Molberg (Sabine Orléans) in "Dr. Molly & Karl" (21.15 Uhr, Sat.1).

Man sollte sich gar nicht erst darum bemühen, zu ergründen, warum in dieser Serie die Charaktere so verquast sind wie sie sind. Man findet keine Antwort. Wer die nicht sucht und von Herzschmerz-Heulern à la Stefan Frank genug hat, dürfte sich über die heute eröffnete Schlangengrube freuen, die sich da Frankfurter Klinikum West nennt.

Molberg selbst muss das Weißkittel gewordene Ergebnis einer lustvollen Nacht von Professor Brinkmann und Oberschwester Hildegard aus der Schwarzwaldklinik sein. Zumindest schlägt die geniale Neurochirurgin den Halbgott aus dem Glottertal fachlich um Längen und legt dabei eine Gefühlskälte an den Tag, angesichts dessen selbst der rustikale Klinik-Schreck wie die Königin der Herzen anmutet.

Mit forschem Mundwerk, gnadenloser Direktheit und fern jedes Herzschmerzes schuftet die Hirnspezialistin im Klinikum. Die Kollegen und manch verschreckter Patient haben ein gewaltiges Problem mit der Ärztin, die wegen ihrer Körperfülle schlicht Molly genannt wird. Weil das so ist, hat ihr Klinikchef Professor Klarholdt (Dominik Bender) Verstärkung in Gestalt der attraktiven klinischen Psychologin Dr. Carlotta Edelhardt (Susanna Simon) zur Seite gestellt. Sie soll Molly mit Fingerspitzengefühl auf den Pelz rücken.

Es kommt, wie es kommen muss: Bereits am ersten Tag knallt es zwischen dem Damen-Doppel wie beim Furien-Contest. Molly attestiert Karl - so nennt sie Carlotta fortan - kleine Hängebrüste, die nie einen Säugling stillen mussten. Im Gegenzug geißelt die Psychologin ihre Kollegin als Schokolade-futternde, frustrierte Fette. Schon laufen Wetten, dass die Neue den ersten Tag nicht übersteht.

Für eine weitere Prise Boshaftigkeit sorgt Mollys Kollege Dr. Jansen (Michael Rotschopf), der so brillant wie link ist. Moralischen Beistand erfährt Karl durch Klinikseelsorger Jack Gildenstein (Roman Knizka). Man muss kein Sat.1-Prophet sein, um zu ahnen, dass sich der Geistliche in den kommenden Folgen in die schöne Karl verknallt.

Unterdessen hat die erste Folge auch etwas Handlung, die nicht allzu erwähnenswert ist. In Kürze: Ein kleiner Junge hat Kopfverletzungen. Molly diagnostiziert einen Hirntumor und überbringt der Mutter die Diagnose in ihrer ganz eigenen Art: "Tumor, 40 Prozent Überlebensschance, Glückwunsch". Molly operiert mit der stoischen Ruhe eines nordischen Ackergauls. Und - wie könnte es anders sein - der Junge überlebt.

In der letzten Minute offenbart der Serienstart fast Unglaubliches: Molly steigt zu einem Mann ins Auto - offenbar ihr Partner. Für einen kleinen Moment darf man spekulieren: Hat Molly etwa doch Gefühle? Doch, keine Sorge, bis zu Glucken-Doktor Kampmann ist es ein weiter Weg. Als bärbeißiges Dickschiff ist Sabine Orléans Molly ohnehin besser.

Von Daniel Freudenreich

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