Die Wunderbare
31.10.2008 | 12:40 Uhr 2008-10-31T12:40:36+0100Die Nase ist das bisher am wenigsten erforschte Organ. Dabei bestimmt der Geruchssinn einen Großteil unseres Lebens bis zur Partnerwahl. Frauen haben einen Riecher für den Richtigen - wenn sie nicht mit der Pille verhüten
Ein Parfümfläschchen ist zerbrochen, das gute Laken hat einen grünlichen Fleck; ein Geruch steigt auf, und jetzt erinnert sich die Nase. Die hat das beste Gedächtnis von allen! Sie bewahrt Tage auf und ganze Lebenszeiten. Personen, Strandbilder, Lieder, Verse, an die du nie mehr gedacht hast, sind auf einmal da.
Kurt Tucholsky Ein sekundenlanger Sinnesreiz nur, und wir machen eine Zeitreise. Der Duft von Lavendel versetzt uns zurück in den Provence-Urlaub, der von Milchreis in unsere Kindheit. Ein Wunder. Warum rümpfen wir aber die Nase über unseren Geruchssinn? Weil er anrüchig im wahrsten Sinne ist, animalisch nämlich, schwer einzuordnen. Erst seit kurzem weiß man, wie Riechen funktioniert, und beginnt zu ahnen, wie sehr es unser Sein steuert.
Glauben Sie etwa, sie hätten ihren Partner gewählt, weil er so nett gelächelt hat? Hätten das Auto gekauft der guten Ausstattung und das Haus der Lage wegen? Womöglich hat Ihre Nase Sie an selbiger herumgeführt. Diese nämlich sei "widerspenstig und geheimnisvoll, gerade das macht sie so sexy", schreibt Hanns Hatt, Professor für Zellphysiologie der Ruhr-Universität Bochum, in seinem Buch über das Riechen. Hanns Hatt? Richtig, der mit den Maiglöckchen.
Hatt und sein Team fanden 2003 heraus, dass Spermien von einem Duft zur Eizelle geleitet werden - dem von Maiglöckchen. Inzwischen konnten sie weitere Riechrezeptoren in Spermienzellen nachweisen und fanden einen "Antiduft", der sie orientierungslos macht. Hatt stellt das Wort "Verhütungsmittel" in den Raum, gibt aber zu, dass der Weg weit sei: "Von einem fast sicheren Mittel könnte man schließlich schnell ein bisschen schwanger werden."
Sie fühlen sich auf die falsche Fährte gelockt? Sollte es nicht um die Nase gehen? Tut es auch. Die Riechrezeptoren sind die gleichen.
350 davon hat der Mensch, jeder von ihnen kann einen Duft erkennen. Nachgewiesen wurden sie 1991 von der amerikanischen Forscherin Linda Buck, die dafür den Nobelpreis erhielt. Die Rezeptoren liegen in der Außenhülle der Riechsinneszellen - auch in der oberen Nasenschleimhaut. Die Zellen wandeln die chemische Struktur des Duftmoleküls in einen elektrischen Nervenimpuls und schicken ihn ins Riechhirn gleich hinter der Nase. Das Riechhirn gibt nicht nur Meldung ans Großhirn, sondern auch an unser Triebzentrum. Eine Sensation! Denn dies sichere "allein der Nase - nicht den Augen und nicht den Ohren - die begehrte Backstage-Karte zu den Stars des Gefühlslebens, dem Limbischen System und dem Hypothalamus", schreibt Hatt.
Stimmt die Chemie? Die Nase weiß es. Nicht nur Bäckereien, auch Immobilienmakler nutzen den Duft von Apfelkuchen zur Verkaufsförderung, Duftdesigner spielen eine Rolle bei der Autoentwicklung (Ledersitze!). Mit welchem Duft würden wir uns gut verkaufen? Zwar ist belegt, dass florale Parfums Frauen leichter wirken lassen (bis zu sechs Kilo) und der Duft von Pampelmuse jünger (bis zu sechs Jahren). Ist ja schon mal etwas. Aber was macht uns unwiderstehlich?
Eine erste Witterung hat die Forschung aufgenommen: Bisher glaubte sie, der Mensch habe keine Rezeptoren mehr für Pheromone, die duftenden Lockstoffe. Nun aber wiesen die Bochumer Forscher den ersten Pheromonrezeptor nach. Der Duft, der den Rezeptor ansprach, aktivierte Hirnregionen, die emotionales Verhalten steuern. Was genau er auslöst, ist unbekannt - totale Enthemmung jedenfalls nicht.
Vielleicht sollten wir uns auf unseren eigenen Körperduft verlassen. Der ist geprägt von individuellen Eiweißstoffen des Immunsystems (MHC für Major Histocompatibilty Complex). Studien belegen, dass Frauen (die nach herrschender Lehre die Wahl haben) sich stets für den Partner entscheiden, der ihre eigenen Immungene erweitert. Es sei denn, sie verhüten mit der Pille: Dann bevorzugen sie ähnliche Gene. Klar: Schwangere brauchen keinen Liebhaber, sondern (ähnlich riechende) Familienmitglieder, die bei der Brutpflege helfen.
Könnte die Pille somit verantwortlich sein für Kinderwunsch-Probleme und Scheidungsraten? Das beantwortet derzeit niemand. Auch Hanns Hatt nicht, der sich ins Flapsige flüchtet: "Womöglich müsste als Nebenwirkung auf der Pillenpackung noch vermerkt sein: Das Absetzen kann zur Destabilisierung einer Partnerschaft führen. Aber fragen Sie gar nicht erst ihren Arzt oder Apotheker - die wissen es auch nicht so genau."
Hanns Hatt, Regine Dee: Das Maiglöckchen-Phänomen. Piper Verlag, 318 Seiten, 19,90 E
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