Die Welt soll kommen, aber Abstand halten
05.08.2008 | 15:59 Uhr 2008-08-05T15:59:00+0200
Peking. Im Reich der Mitte ist man stolz, die Olympischen Spiele auszurichten. Die Veranstaltung ist zum Symbol des Aufstiegs geworden. Umso empfindlicher reagieren Chinesen auf Kritik aus dem Ausland. Die Kränkungen führen nun zu einem neuen Nationalstolz.
„Eine Welt – ein Traum”: Allgegenwärtig ist die Olympia-Parole im sommerlichen Peking. Diese zehn chinesischen Schriftzeichen zieren Werbetafeln am Straßenrand, leuchten von den digitalen Leinwänden an Hochhäusern und Einkaufszentren, kleben an städtischen Bussen und an Schaufenstern. Der Slogan ertönt aus allen Taxi-Radios und aus dem Fernsehgerät im Kiosk an der Ecke. Aber auch ohne Parolen besteht kein Zweifel: Die Pekinger sind stolz darauf, die Olympischen Spiele auszurichten, und dass über 80 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt zur Eröffnungsfeier anreisen.
„Wir stehen im Rampenlicht der Aufmerksamkeit”, sagt Xia Xunge, Politikberater und Mitarbeiter des Chinesischen Instituts für Entwicklung in Shenzhen. „Das ist neu und aufregend für uns.” Als China vor sieben Jahren den Zuschlag für die Spiele erhielt zogen Zehntausende Bewohner singend und Fahnen schwingend durch Chinas Hauptstadt. „Wir freuten uns, Teil einer großen internationalen Bewegung geworden zu sein”, erinnert sich Xia. Die Freude darüber vereinte KP-Funktionäre, die neue Mittelschicht und große Teile der Bevölkerung, alt und jung.
Seither ist Olympia in Peking zum Symbol für die den Aufstieg eines neuen, erstarkten China in die Reihe der Weltmächte geworden, und zur lange ersehnten Erfüllung des nationalen Traums, international anerkannt und bewundert zu werden. Die Sehnsucht nach Respekt des Auslands ist in China immer wieder zu spüren. Sie ist das Resultat der kollektiven Erinnerung an historische Kränkungen, die ausländische Mächte den Chinesen zugefügt haben: In ihren Schulbüchern, im Fernsehen, in Romanen und Filmen lernen chinesische Kinder von früh an, dass China ein friedliches Land war und niemanden bedrohte, aber selbst immer wieder Opfer internationaler Machenschaften wurde – spätestens seit den Opiumkriegen des 19. Jahrhunderts, als die Briten Chinas Öffnung mit Kanonenbooten erzwangen.
China war der „kranke Mann Asiens”, schwach und wehrlos. Später fielen russische und europäische Truppen ins Land ein. Japaner errichteten einen Marionettenstaat im Nordosten und wüteten in anderen Teilen Chinas. Erst die Kommunistische Partei rettete die Ehre der Nation, indem ihre heldenhaften Partisanen die Feinde besiegten, und Mao Zedong 1949 auf dem Tor des Himmlischen Friedens proklamierte: „China ist aufgestanden.”
Große Empfindlichkeit
Mit diesem Geschichtsverständnis, an dem nicht gerüttelt werden soll, rechtfertigt die KP heute ihre Herrschaft über die 1,3 Milliarden Chinesen. Es prägt die Weltsicht vieler Chinesen. Es ist der Boden, auf dem das neue Nationalgefühl wächst – eine Mischung aus Stolz auf den eigenen wirtschaftlichen Erfolg, Bewunderung für die Leistungen der reichen Staaten Amerikas und Europas und großer Empfindlichkeit gegenüber Kritik und Kränkungen aus dem Ausland.
Zu den Olympischen Spielen sollte die Welt Peking als Metropole erleben, die Vergleiche mit New York oder Tokio nicht scheuen muss. Dafür holten Chinas Politiker die berühmtesten Architekten der Welt ins Land. Internationale Stars durften die neuen Wahrzeichen der Olympia-Stadt entwerfen: darunter das neue Flughafen-Gebäude, das Fernseh-Hauptquartier und das „Vogelnest”-Nationalstadion. Mit Schwung folgten viele Pekinger auch dem Aufruf ihrer Regierung, Englisch und andere Sitten und Gebräuche verstehen zu lernen, um die internationalen Gäste zu empfangen. Zehntausende Studenten und Freiwillige freuen sich darauf, die Besucher zu betreuen. Umso überraschter und bestürzter waren die Reaktionen der Chinesen auf die bissige ausländische Kritik nach den Unruhen in Tibet, und auf die vor allem in Europa geführte Debatte über einen Boykott der Pekinger Spiele. Der Schock über die Ablehnung verwandelte sich schnell in Trotz – und schuf eine neue Welle des Patriotismus und des Nationalismus.
Distanz gegenüber Peking
Viele Chinesen sind betrübt und verwirrt über die jüngste Entwicklung. Zu den populärsten Zeitungen zählt in Peking heute die „Global Times”, die einen Gefallen daran gefunden hat, „verzerrte” und „feindliche” China-Berichterstattung amerikanischer und deutscher Medien zu entlarven. Das Zögern des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und die Entscheidung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, nicht zur Eröffnungs-Gala am 8. August anzureisen, werten viele Chinesen als gezielte politische Missachtung Chinas.
Für den Politikprofessor Zhang Yunling von der Akademie für Sozialwissenschaften ist dies symptomatisch für die Missverständnisse, die Chinas Aufstieg mit sich bringt: „Jahrelang hat die Welt gestaunt und China gelobt, weil es sich wirtschaftlich so schnell entwickelt”, sagt Zhang. „Für China wurde Applaus selbstverständlich. Niemand hat erwartet, dass es auch einmal anders kommen könnte.” Aber nun hat sich die Stimmung in den USA und in Europa gewandelt. Die neuen Regierungen in Berlin, Paris und London zeigen sich distanzierter gegenüber Peking als ihre Vorgänger. In der EU schüren die gewaltigen chinesischen Exportüberschüsse die Angst um Arbeitsplätze.
So scheint die Kritik an Peking seit ein, zwei Jahren schärfer, die Verurteilung von Missständen schriller, die Forderung nach Respekt der Menschenrechte lauter zu werden. „Bei uns herrscht noch immer die traditionelle Denkweise. Man hat noch nicht mitbekommen, dass sich die Situation in Europa geändert hat und man sich in China entsprechend darauf einstellen muss,” heißt dazu es in Peking.
"Für China wurde Applaus selbstverständlich"
Die Kommunistische Partei nutzt derweil das erstarkte Nationalgefühl, um die Bevölkerung hinter sich zu scharen – und Verständnis für die scharfen Sicherheitsvorkehrungen zu gewinnen, die Peking in diesen Tagen prägen. Mit der Begründung, dass in- und ausländische Feinde Chinas die Olympischen Spiele sabotieren wollten, verschärften Pekings Behörden ihre Visapraxis und zwangen zahlreiche Ausländer, das Land zu verlassen. Der international bekannte Bürgerrechtler Hu Jia, der keine Furcht hatte, über heikle Probleme mit Ausländern zu sprechen, sitzt seit diesem Frühjahr im Gefängnis. Das ist das große Paradox dieser Olympischen Spiele: Sie sollen Chinas Zugehörigkeit zur Weltgemeinschaft feierlich besiegeln – und die Welt zugleich auf Abstand halten.

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