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Streit ums BIP

Die Wachstumsreligion

02.10.2009 | 16:46 Uhr

Wissenschaftler: Der Klimawandel zwingt die kapitalistische Wirtschaftsform zur Umkehr. „In einer endlichen Welt ist unendliches Wachstum undenkbar”

Was kümmert mich die Nachwelt? Hat sich die Nachwelt je um mich gekümmert?

Groucho Marx hat das gesagt. Der absurde Spruch des legendären Komikers scheint exakt die Haltung zu spiegeln und gleichzeitig zu entlarven, nach der wir heute wirtschaften: ohne einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. Der Essener Politologe Claus Leggewie und der Sozialpsychologe Harald Welzer haben in ihrem neuen Buch „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten” Marx mit Hintersinn zitiert. Sie prangern den „frivolen Zukunftsverbrauch der kapitalistischen Wachstumsökonomie” an und befeuern damit die wachstumskritische Debatte in Deutschland.

Quer durch alle Parteien aber ist Wachstum ein unantastbares Thema. Nur mit Wachstum könne Deutschland seinen Wohlstand halten, seine Sozialsysteme sichern und Schulden abbauen. Leggewie und Welzer aber meinen: „In einer endlichen Welt ist unendliches Wachstum undenkbar. Dass man trotzdem denkt, das ginge, zeigt nur, zu welchen Illusionen unser Habitus führt – und dass Wachstum keine ökonomische Kategorie ist, sondern eine zivilreligiöse.”

Wachstumsziffern besäßen per se keine Aussagekraft, „jedenfalls sagen sie nichts darüber, ob das Leben besser wird”. Weder Massenarbeitslosigkeit noch Armut seien durch das Wachstum der Weltwirtschaft beseitigt worden. Allenfalls entfalte es begrenzte Wirkungen: „Wenn die Wirtschaft wächst, steigen Umsätze und Gewinne der Marktteilnehmer, aber natürlich nicht automatisch das Wohlstandsniveau.”

Dagegen setzen die Wissenschaftler eine Strategie, die Verzicht als Gewinn versteht. Verzicht auf Produktivitätssteigerungen für einen Gewinn an Lebensqualität, an Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Wer im Stau steht, empfinde dies kaum noch als Einschränkung seiner Freiheit, sondern als kaum noch bemerkte Begleiterscheinung der Mobilität. Ein Verzicht auf diese fragwürdige Errungenschaft des bereits ausgebremsten „Individualverkehrs” könne für den Einzelnen, die Gemeinschaft und die Umwelt einen Gewinn bedeuten. So würden die Menschen auf vieles verzichten, ohne es als Verlust zu bewerten: auf Ruhe, auf Gesundheit, auf saubere Luft, auf eine intakte Natur, auf Kinder – wenn die Karriere dies verlange. Diese „eingelebten Verzichtsleistungen” zu hinterfragen und „Denkblockaden” aufzulösen könnte, so die Autoren, einen Wandel, eine „große Transformation” beginnen lassen.

Christopher Onkelbach

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