Die Vermessung des Unbekannten
20.04.2008 | 11:42 Uhr 2008-04-20T11:42:00+0200Der Reiseroman "Kurvenwasser" erzählt von einer Sinnsuche in Lateinamerika. Geschrieben hat ihn WAZ-Redakteur Thomas Mader, dessen Held Zak sich auch auf eine Fahrt zu sich selbst macht.
Reisen sollte Abenteuer sein. Der Kitzel des Unberechenbaren, die Begegnung mit dem Fremden, die Erprobung des eigenen Ichs. Das ist spannend, selbst wenn sich gar kein Abenteuer im eigentlichen Sinne ereignet. Davon erzählt der Journalist Thomas Mader in seinem ersten Roman "Kurvenwasser", der uns auf einen philosophischen Trip durch Lateinamerika mitnimmt.
Eine monatelange Reise, die der junge Zak wider die Vernunft antritt, weil es ihm wichtig ist, die Welt kennen zu lernen und mit ihr auch sich selbst zu verstehen. Wichtiger, als zu Hause zu bleiben bei Laila, mit der er erst seit drei Monaten zusammen ist, und sich in ein Leben einzufügen, das vorgezeichnet erscheint. Zak fliegt nach Guatemala und bald reihen sich Orte an Gesichter an Ereignisse an Gedanken. Er erkennt allzu schnell, dass im Klischee vom südamerikanischen Schlitzohr, das alles besorgen und organisieren kann, solange die Dollars fließen, manchmal ein wahrer Kern steckt. Er landet in Lívingston, einer karibischen Enklave, wo er sich erhofft, aufrechte, freie Rastafari kennen zu lernen, deren Lebensstil er aus der Ferne bewundert hat. Er trifft aber oft auf jenen Schlag von Opportunisten, für die sein Ideal zur Floskel verkommen ist.
Und er begegnet auf der Reise nach Ecuador den anderen, den Sinnsuchern, den Glückssuchern und einem Inspirationssucher, alle Aussteiger, die vielleicht ein bisschen sind wie er, aber im Erzählfluss oft nur in kleinen Nebenrollen vorbei treiben. Auch Kiffer, Säufer, Schnüffler. "Man dringt nie zu jemandem anderem durch - zum Kern. Vielleicht ist es ja eine Illusion, wie du sagst, und es gibt keinen Kern. Und man wäre glücklicher, wenn man das akzeptieren könnte."
Thomas Mader, hauptberuflich Redakteur der WAZ, arbeitete elf Jahre an diesem Buch. Er wählte die Form des Reiseromans, der in den vergangenen Jahren in Deutschland eher zu den vernachlässigten Genres zählt, in vielen anderen Ländern aber weiter blüht. Er nutzt eine oft mäandernde, sich verästelnde Bewegung über einen Kontinent des Unbekannten, um Fragen zu stellen, nach Religion, nach der Gesellschaft, nach eigenen Befindlichkeiten und Standpunkten. Dass sich daraus keine einfache Geschichte mit Höhepunkt und Moral am Ende entwickelt, ist nur folgerichtig - und macht dieses Buch außergewöhnlich. Doch der Erzählfluss zieht den Leser schnell in einen Sog. Auf den letzten Seiten wird man nicht die erhofften Antworten finden - doch man kann sicher sein, sich einige wichtige Fragen gestellt zu haben.
Thomas Mader, "Kurvenwasser", Wiesenburg, 346 S., 16,90 €
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