Die Sumotori: Eine Frau wird zum Rammbock
11.06.2009 | 20:50 Uhr 2009-06-11T20:50:00+0200Osnabrück. Nicole Hehemann betreibt mit Leidenschaft und Erfolg einen seltsam anmutenden Sport. Und das auch noch als Frau. Sie ist eine der stärksten deutschen Sumo-Ringerinnen.
Nicole Hehemann ist offenbar wirklich wütend. Schnaubend schiebt sie einen nur leicht bekleideten, dafür umso muskelbepackteren Mann vor sich her; treibt ihn breitbeinig quer durch die Halle. Stößt ihm dabei abwechselnd rechte und linke Hand vor Bauch, Brust oder Hals. Ihre Schläge kommen wuchtig, keinen Zentimeter gibt sie preis. Nein, diesem Rammbock steht man lieber nicht im Weg. Dabei ist Nicole Hehemann gar nicht wütend. Sie trainiert.
Die 33-Jährige ist eine der erfolgreichsten Sumotori Deutschlands: Sumo-Ringerin. Bei den World Games 2005 holte sie Bronze, ein Jahr zuvor wurde sie mit dem Team Weltmeisterin. Auf Gold hofft sie bei der Meisterschaft im Juli in Taiwan. Und am Samstag ist Nicole Hehemann Gast beim Japantag in Düsseldorf. Um zu demonstrieren, was Sumo ist; um vielleicht mit einigen Klischees um diese älteste aller japanischen Kampfsportkünste aufzuräumen.
Schwerer ist nicht unbedingt besser
Das hartnäckigste: Sumo-Ringer sind nichts als dick. Zweimal am Tag verspeisten sie Berge eines fetten Eintopfs. Und legten sich anschließend schlafen, damit er besser ansetze. 284 Kilo soll der Hawaiianer Konishiki Yasokichi am Ende seiner Karriere in der japanischen Profiliga gewogen haben. Niku-Bakudan nannten ihn die Freunde, Fleischbombe. Nicole Hehemann kämpft in der Klasse bis 80 Kilo und ernährt sich momentan vorwiegend von – Salat, Gemüse und Fisch. „6,5 Kilo müssen noch runter bis zu den World Games in Taiwan”, stöhnt sie.
Schwerer ist also nicht immer besser? „Für mich nicht. Ich hab's probiert in der offenen Klasse. Aber schon mit 90 Kilo trau ich mich nicht mehr ins Schwimmbad”, erklärt die hübsche Athletin. Um gleich darauf die Kollegen „Fleischbomben” zu verteidigen. Extrem beweglich seien die, Spagat für die wenigsten ein Problem. Und wer morgens um vier zu trainieren beginne, dürfe sich doch mal für ein Stündchen hinlegen.
Über Judo kam Nicole Hehemann, die in Hagen am Teutoburger Wald lebt und für den Osnabrücker Turnerbund startet, 1996 zum Sumo – wie die meisten der gut 20 Mitglieder des deutschen Kaders. Vor allem die Schnelligkeit des Sports fasziniert sie. Ein Kampf dauert meist nur Sekunden. „Beim Judo kann ich Fehler noch korrigieren. Beim Sumo rächt sich jede noch so kleine Unachtsamkeit sofort.” Und deshalb könne in diesem Sport jede jede schlagen. So wie sie damals in Mailand die 176 Kilo schwere Gegnerin. „Dreimal hintereinander!”
Auch als Schulsport sei Sumo ideal, findet die technische Zeichnerin. Nur wenige Schüler hätten Vorkenntnisse und die Dicken in der Klasse endlich mal eine Chance. Rosarote Brille also für einen Sport, bei dem kein Training ohne blaue Flecke endet? „Die gehen ja wieder weg”, lacht Nicole Hehemann. Und seit sie im Kampf Teile des Schneidezahns verlor, trage sie ja auch einen Mundschutz. In der Firma quittiere man ihre Veilchen sowieso längst nur noch mit einem lockeren „Na, wieder Wettkampf gehabt?”
Im Ring übrigens erkannten dieselben Kollegen ihre nette, freundliche Nicole gar nicht wieder. Wie sie da stand und die Gegnerin furchtbar wild und böse anstarrte. „Psychologische Kampftaktik”, wiegelt Nicole Hehemann ab.
Offiziell erlaubt seit 1997
Bleibt das Thema: Frauen und Sumo. Obwohl Kaiser Yoryaku schon 720 seine Hofdamen gegeneinander antreten ließ, dürfen im Land der aufgehenden Sonne Frauen erst seit 1997 offiziell als Sumotori agieren. (Also etwa seit sich der Weltverband um die Anerkennung als olympische Disziplin bemüht . . . Und nur in der Amateur-Liga, versteht sich!) 1873 hatte Großkanzler Sanjo Sanetoni Frauen-Sumo sogar explizit verboten. Betroffen waren u.a. die Ringerinnen Tama-No-Koshi (Hodenbezwingerin) und Ana-Ga-Fuchi (Abgrundtiefes Loch). Man ahnt, was der Mann fürchtete. „Als Frau hat man es im Sumo dort tatsächlich schwer”, glaubt Nicole Hehemann. Sie selbst erlebte Turniere in Tokio, wo die Männer im festlich geschmückten Lehm-Dohyo kämpften. Und die Frauen in ollen Wellblechbaracken. Andererseits: „In Deutschland haben es die Fußballerinnen ja auch nicht leicht, oder?”
Die beliebte Frage „Kämpfst du eigentlich nackt?” beantwortet sie trotzdem nicht mehr, verweist höchstens auf ihren Ringeranzug unter dem breiten Gürtel. Und die Einladung zur RTL-Supertalent-Show schlug sie ebenfalls aus. „Von dem blöden Bohlen lass ich mich nicht vorführen.” Genauso wenig wie sie sich „Germany's next Topmodel” anschauen würde. Wenn neben Training und Job noch Zeit bleibt, macht Nicole Hehemann lieber Party mit Freunden. Oder geht essen. Also, eigentlich. Gern. Wenn die 6,5 Kilo bloß schon runter wären.
19:08
Hallo Frau Schwarzwald,
Glückwunsch zum Artikel, den Sie über Nicole Hehemann (meine Cousine (ich bin stolz :D) geschrieben haben. Super gemacht!!
Silke Niemeyer