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Peking 2008

Die Paralympionikin

17.07.2008 | 16:03 Uhr
Die Paralympionikin

Essen. Die Läuferin Tamira Slaby aus Essen startet in Peking. Bei den Olympischen Spielen für Menschen mit körperlicher Behinderung hat sie Aussichten auf eine Medaille – auch wenn sie manchmal Probleme mit dem Startblock hat

Tamira Slaby läuft gut. Beinahe gar zu gut. Denn ihr rundes „Laufbild” ließ die Frage zu und lange unbeantwortet: Darf dieses Mädchen in der Klasse der Spastiker bei den Paralympics in Peking über 100 und 200 Meter an den Start gehen – oder nicht?

Bis vor wenigen Wochen also bangte die 16-jährige Essenerin. Irgendwo zwischen, „ich kann das Training schleifen lassen” und „was ist, wenn ich doch da hin fliege. Ich will mich ja nicht blamieren.” Reiste zu Klassifizierungen nach Holland und Manchester, unterzog sich Tests bei Sportmedizinern und einer Kernspin-Tomographie. Bis am Ende der Olympia-Klassifizierungs-Odyssee feststand: Sie ist gut – auch mit bescheinigtem Handycap. Denn die Kernspin-Aufnahmen setzten die bislang vage Diagnose der „frühkindlichen Hirnschädigung” (nach extremer Frühgeburt in der 28. Schwangerschaftswoche) eindrucksvoll ins Bild.

Aufwärmübung: Jeden Tag trainiert Tamira Slaby in Wattenscheid. Foto: WAZ, Matthias Graben

Womit dem Start Tamiras in Peking nichts mehr im Wege steht – außer vielleicht sie selbst. Denn, „so gut sie auch läuft, beim Start hat sie große Probleme”, sagt Vater Peter Ameely-Slaby. Wertvolle Sekunden verliere sie, wenn es gilt, aus dem Startblock zu kommen. „Die Koordination ist für sie schwierig. Sie müsste viel weiter laufen, bevor sie den Oberkörper voll aufrichtet.” Doch für die 16-Jährige sei es kaum machbar, mit dem Gefühl der Schieflage durchzustarten, um sich erst spät voll aufzurichten. Das Mädchen nennt dies schlicht „Mist”. Man arbeite in ihrem Verein an Verbesserungen.

Anfang auf Inline-Skates

Über Umwege begann Tamira vor drei Jahren mit dem Training in der Behindertenabteilung des TV Wattenscheid 01. Auf Speed-Inlinern war sie zuvor unterwegs, wurde beim Eisschnelllauf schnell schneller – und nach ersten Erfolgen rasch wieder lustlos, „denn es war extrem zeitaufwändig, drei Mal in der Woche zum Training nach Grefrath zu fahren”, sagt Mutter Michaela Slaby.

Also wechselte Tamira, zu einem Essener Verein und dort aufs Rad. Und sah es auf der Straße aus, als hätte sie mit dem Mountain-Bike-Fahren ihren Sport gefunden, „im Gelände war es für sie zu gefährlich. Tamira hat nur noch 30 Prozent ihrer Sehkraft. Da lässt es sich schlecht vereinbaren, schnell zu sein und dabei gleichzeitig Hindernisse zu umfahren.” Also hängte sie das Rad an den Wandhaken und „schnupperte” sich durch Vereinsangebote. „In den anderen Vereinen gab es immer keine Behindertensport-Abteilungen”, sagt sie heute, „als ich zum TV-Wattenscheid kam, hat die Trainerin, Elena Persina, mich sofort motiviert.” Ebenso habe der Leiter der Behindertensport-Abteilung, Lothar Heese, sie angespornt.

Die Weldranglisten-Erste

Eine Zusammenarbeit, die in den vergangenen drei Jahren zu großen Erfolgen geführt hat. Welche das sind? „Ich bin Internationale Deutsche Meisterin über 100 Meter”, sagt Tamira Slaby, dass sie in dieser Disziplin die aktuelle Weltrangliste anführt, fügt sie hinzu. „Außerdem bin ich Weltranglisten-Erste 2008 über 200 Meter”. Den Titel der Internationalen Englischen Meisterin über 100 und 200 Meter hält sie außerdem. Als jüngste Deutsche im Bundeskader für die Paralympics geht die 16-Jährige nun ins Rennen.

Ob sie das Training nervt? „Yep, aber nur, wenn es morgens schon losgeht. Schließlich sind ja Ferien.” Sausen lassen will sie es dennoch nicht. Denn all die Schinderei in der heißen Phase vor Peking, Tag um Tag, sie soll sich bezahlt machen. Das Ziel sind nicht etwa goldene Medaillen, „obwohl das nicht schlecht wäre. Aber den Deutschland-Rucksack, den alle bekommen, die zur Olympiade fahren, den will ich.” Bescheidenes Ziel.  Dennoch: Ehrgeiz und Aufregung, sie steigen. Denn mit zunehmendem Rummel, Bildern von Fernsehübertragungen der vergangenen Jahre, die tausende Zuschauer in den ansonsten bei Behinderten-Wettkämpfen eher verwaisten Rängen zeigen, steigt auch die Nervosität.

„Aber ich hab' gute Chancen”, sagt sie, während sie sich die Schuhe zum Einlaufen bindet. Das klingt angesichts der steigenden Spannung ein wenig trotzig. Und stolz. Wozu sie allen Grund hat.

Claudia Pospieszny

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