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Palästina

Die kranken Kinder von Bethlehem

23.12.2009 | 16:38 Uhr
Die kranken Kinder von Bethlehem

Bethlehem. Als der 17-jährige Bashir zwei Tage nach seiner Entlassung wieder ins Krankenhaus kam, wussten alle, dass das nichts Gutes hieß. Er war fast 200 Mal dort. Dieses Mal, das wussten alle, würde es das letzte Mal sein.

Noch einmal begrüßte Bashir die Ärzte mit Handschlag begrüßte, noch einmal umarmte er freundschaftlich die Schwestern. Zehn Tage später war Bashir Ahmad Awawdeh tot.

Der Jugendliche war Palästinenser und Moslem. Sein Begleiter auf dem letzten Weg war, neben seiner Mutter, Pater Rainer, ein katholischer Priester aus Deutschland. Sein Arzt war ein Christ aus Palästina. Die Diagnose für ihn stellte eine jüdische Ärztin aus Israel. Er wurde behandelt in einem von Deutschen und Schweizern finanzierten Kinderkrankenhaus. Es steht in Bethlehem nur wenige hundert Meter entfernt von der Geburtskirche Jesu Christi. An jenem Ort also, den Millionen Menschen in der Weihnachtszeit in Liedern, Geschichten und Gebeten weihevoll besingen. Das Leben, die Krankheit, selbst der Tod von Bashir, sind auf bedrückende Weise ein Sinnbild für den unseligen Zustand im Heiligen Land.

1992, das Geburtsjahr von Bashir, war das letzte Jahr der ersten Intifada. Mehr als tausend Palästinenser sowie 160 Israelis hatten beim Aufstand gegen die israelische Besatzung ihr Leben verloren, unzählige wurden verletzt. Sie waren auf die Straße gegangen, bewaffnet mit Steinen, Zwillen und Molotowcocktails. Die israelische Armee antwortete mit Panzern.

Halia Awawdeh kämpfte damals um das Leben ihres Sohnes. Sie hatte bereits zwei gesunde Kinder zur Welt gebracht, ihr drittes war kurz nach der Geburt gestorben. Dass auch Bashir krank war, merkte seine Mutter sofort nach der Geburt. Er nahm kaum Nahrung auf, hatte einen unnatürlichen Blähbauch, schrie unaufhörlich. Doch die Ärzte konnten nicht helfen.

Cousin heiratet Cousine

Zwei Jahre später kam Bashir erstmals nach Bethlehem ins „Caritas Kinderkrankenhaus”, das zu seiner zweiten Heimat werden sollte. Ausgerechnet aus Israel, vom Todfeind, erhielt Bashir Hilfe. Spezialisten aus dem Hadassa Hospital in der Nähe von Jerusalem diagnostizieren seine Krankheit: Eine seltene Stoffwechselstörung, angeboren, unheilbar. Eine Krankheit, die es „eigentlich nur noch in Lehrbüchern gibt”, sagt sein Arzt Jamal Shamma. In Lehrbüchern und in Palästina. 117 Kinder mit dieser Erkrankung hat Doktor Shamma in den letzten 17 Jahren behandelt. Sie alle starben. Der Grund für die Häufung: Eheschließungen zwischen nahen Verwandten. Bashirs Eltern sind Cousin und Cousine ersten Grades. „Das hat hier durchaus Tradition”, sagt Shamma.

Besatzung macht krank

Besatzung macht krank. So könnte man das Ergebnis einer Studie zusammenfassen, die Forscher der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durchführten. Danach lebt mehr als die Hälfte der 3,8 Millionen Einwohner in den Palästinensergebieten unter der Armutsgrenze. Die Säuglingssterblichkeit ist siebenmal höher als in Israel. 28 Prozent aller palästinensischen Ehefrauen sind mit einem Cousin ersten Grades verheiratet, 50 Prozent mit einem Verwandten.

Die Folge: Neben den üblichen Armutskrankheiten nehmen schwere Erbkrankheiten, Herz- und Kreislauferkrankungen und sogar Krebs bei Kindern immer mehr zu.

Die chronischen Fälle, die schweren Krankheiten, die unheilbaren Patienten – sie alle landen im Kinderkrankenhaus Bethlehem, dem einzigen seiner Art im Westjordanland. „Niemand schickt die kranken Kinder weg. Wenn sie nicht geheilt werden können, bleiben sie bis zum Tod”, sagt Chefärztin Hyam Marzouqa.

Das Haus hat viele Stürme durchlebt: Besatzung, Intifada, Autonomie und schließlich den Bau der acht Meter hohen Mauer, die seit einigen Jahren nur 50 Meter entfernt in den Himmel ragt. Trotz alledem ist man hier dem Motto treu geblieben: Das Haus steht allen Kindern offen, unabhängig von Nationalität oder Religion. Und: unabhängig vom Geldbeutel der Eltern.

Für die wenigen, die es sich leisten können, wird ein symbolischer Preis von etwa 20 Euro pro Tag erhoben. Knapp 700 000 Euro kommen damit pro Jahr zusammen. Die restlichen rund neun Millionen Euro Jahresbudget werden durch Spenden finanziert.

Chefärztin Marzouqa kam 1994 ins Krankenhaus, nachdem sie in Deutschland ihre Facharztausbildung gemacht hatte. Doktor Hyam, wie sie hier genannt wird, ist Christin und beobachtet den Exodus ihrer Glaubensbrüder aus dem Heiligen Land kritisch. „Hier ist die Wiege des Christentums, und ich ärgere mich schon, wenn die alle nach und nach gehen.” Nur wenn sie auf ihre eigenen Kinder zu sprechen kommt, spürt man wieder den Zweifel. „Die Kinder sollen im Ausland studieren, und mein Mann will, dass sie danach dort bleiben.”

Das ist ziemlich typisch für Palästina. Wer es sich leisten kann, verlässt das Land. Zurück bleiben die sozial Schwachen und die Extremisten. Die Folge: In ganz Palästina gibt es kaum noch spezialisierte Ärzte. Rund 60 Millionen US-Dollar muss die palästinensische Autonomiebehörde an Jordanien, Ägypten oder Israel überweisen, denn nur dort können komplizierte Behandlungen durchgeführt werden.

„Wir müssen aufhören, Unabhängigkeit immer nur politisch zu definieren. Unabhängig heißt auch, unsere Kinder hier behandeln zu können”, sagt Rula Awaad (36). Sie ist Kinderkardiologin. Ihr Traum ist ihr Projekt: In Bethlehem soll ein Herzzentrum entstehen, in dem Kinder gerettet werden können.

Doktor Shamma konnte das Leben seines Patienten Bashir nicht retten. Aber verlängern und lebenswert machen. Bashir, der „zur Familie gehörte”, wie alle hier sagen, durfte das Willkommensgeschenk überreichen, als der Papst die Klinik besuchte. Knapp ein halbes Jahr später war er tot.

Seine Mutter hat nach Bashir vier weitere Kinder geboren. Zwei sind kurz nach der Geburt gestorben. Der 15-jährige Bashar und sein kleiner Bruder, der achtjährige Bassam, leben. Doch auch sie haben die tödliche Erbkrankheit.

„Im Himmel”

Vorige Woche klagte Bashar über Schmerzen in den Beinen. Er konnte kein Essen bei sich behalten. Mutter und Sohn wussten, was das heißt: Als Nächstes versagen die Nieren, dann verliert man sein Augenlicht, schließlich gibt der Körper auf. „Wo ist Bashir, Mama?”, hatte er gefragt. „Im Himmel.” „Und wann werde ich zu ihm gehen?” Als er sah, dass seine Mutter mit den Tränen kämpfte, wandte er sich ab. Er kann, wie sein großer Bruder Bashir, seine Mutter nicht weinen sehen.

Detlev Konnerth

Kommentare
16.01.2010
19:04
Die kranken Kinder von Bethlehem
von Dudener | #1

Wenn man sich ansieht, wieviel palästinensische Ärzte in Deutschland praktizieren - vielleicht ist es nicht die Besatzung, die krank macht, sondern...
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2009-12-23 16:38
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