Die Chinesen erobern Afrika
11.08.2009 | 15:29 Uhr 2009-08-11T15:29:00+0200
Addis Abeba. Die Chinesen weiten ihr Engagement in Afrika massiv aus. Sie treten nicht als arrogante Kolonialmacht auf und nicht als Mahner. Sie machen Geschäfte, die Europäern zu klein sind. Und werden dadurch jeden Tag ein bisschen präsenter.
Der „confusion square” war ein afrikanischer Albtraum: eine Straßenkreuzung der gemeinsten Sorte: ein Ort, der regellos Auto-, Bus- und Brummifahrer, Eselreiter und Viehtreiber mischte, ein Schandfleck in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Bis die Chinesen kamen. Mit hunderten Arbeitern, mit Maschinen, mit Ingenieuren. Der „confusion square” wich himmlischem Frieden: aus Schlaglöchern wurde Asphalt, aus dem Schandfleck eine Straßen- und Brückenlandschaft, die Peking, Madrid oder Miami zieren könnte.
Bei Projekten wie diesem zeigt sich: China hat Afrika entdeckt. Es redet mit guten Demokraten und mit bösen Diktatoren. Es nimmt sogar Äthiopien für wichtig, eines der Armenhäuser der Welt, wo noch Ochs' und Esel den Takt vorgeben, wo ein Mensch im Schnitt 200 Dollar im Jahr verdient, wo keine sagenhaften Schätze im Boden schlummern. China ist hier jeden Tag ein bisschen präsenter: mit jeder Plastikschüssel, die die traditionellen Gefäße aus Porzellan, Holz, Glas und Metall ersetzt; mit jedem historisch anmutenden, aber neuen Motorrad, das durch Addis braust.
85 Prozent der Exporte Afrikas nach China stammen aus fünf Erdöl exportierenden Ländern: Angola, Äquatorialguinea, Nigeria, Republik Kongo und Sudan.
China hat schon vor Jahren die Zölle für hunderte Produkte aus den ärmsten afrikanischen Ländern abgeschafft.
Letztes Jahr vereinbarte China ein 9,25 Milliarden Dollar schweres Tauschgeschäft mit der Republik Kongo. Der Kongo liefert Kupfer und Kobalt und erhält dafür Kliniken, Schulen, Staudämme, Straßen und Eisenbahnen.
In diplomatischen Kreisen sorgt Chinas Botschafter für Verwirrung. Immer wieder laden die Franzosen, Deutschen, Italiener und Briten den Kollegen aus Fernost zu zwanglosen Gesprächen ein. Aber der lässt sich nicht blicken. Und wenn er doch mal vorbeischaut, dann hält er in höflicher Zurückhaltung stundenlang den Mund.
Gut möglich, dass der Diplomat im Austausch mit Äthiopiens Premierminister Meles Zenawi etwas mitteilsamer ist. Der Premier kann aus europäischer Sicht kaum als waschechter Demokrat durchgehen. Die letzten nationalen Wahlen 2005 waren alles andere als sauber, Oppositionsführer wurden verhaftet, Demos gewaltsam aufgelöst.
Eine klare politische Strategie
Heribert Dieter, China-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, erklärt, warum sich Peking auch für vermeintlich unwichtige Partner interessiert: „ Das ist eine klare politische Strategie. Seit Anfang der 90er-Jahre schart China auch in Afrika Verbündete um sich. Damit geht immer die Würdigung der jeweiligen Regierung als gleichberechtigter Partner einher. China tritt nie herablassend auf, wie das lange die Europäer taten. Die Philosophie der Nicht-Einmischung ist der Schlüssel für Chinas Erfolg.”
Und China ist den afrikanischen Staaten ein leuchtenden Beispiel. Heribert Dieter: „Sie sehen eine Erfolgsgeschichte. China ist der Beweis, dass man unabhängig vom Westen groß und stark werden kann.” Das Ergebnis: Seit dem Jahr 2000 hat sich der Handel zwischen China und Afrika verfünffacht, schon 2010 könnte er 100 Milliarden Dollar schwer sein. Damit würde China den USA-Afrika-Handel überflügeln.
Auch Türken und Inder mischen mit
Es gibt eine Handvoll andere große „Player”, die sich auf dem Kontinent tummeln: Die Inder gehören dazu – und neuerdings auch die Türken. Die Türkei eröffnet in Afrika zwölf neue Botschaften, Turkish Airlines fliegt mehrmals in der Woche nach Addis Abeba.
Der Vorsitzende des Afrikavereins der deutschen Wirtschaft, Hans W. Meier-Ewert, erinnert an das „durchaus positive” Engagement der Inder in Ostafrika. „Das hat zum Entstehen einer soliden mittelständischen Unternehmerschaft geführt. Warum sollte das mit den Chinesen anders sein?”
Einer der wenigen großen Wachstumsmärkte
Afrika sei einer der wenigen großen Wachstumsmärkte auf der Welt. „Sogar in der Krise liegt das Wirtschaftswachtum im Schnitt bei drei Prozent, vorher waren es fünf bis sechs, in Angola und Uganda sogar zehn Prozent.” Dass Deutschland im Vergleich zu China, aber auch Frankreich und Großbritannien eher zurückhaltend beim Afrikahandel ist, hat laut Meier-Ewert etwas mit einer speziell deutschen Wahrnehmung Afrikas zu tun: „Die Deutschen denken doch gleich an Krieg, Krankheiten, Katastrophen. Das enorme Wirtschaftswachstum, der Rückgang der Krisen und Kriege sehen die wenigsten.”
Hans Bailer von der Welthungerhilfe unterstreicht, dass hier noch nicht einmal das alte Vorurteil ziehe, China liefere keine Wertarbeit ab. „Die Straßen, die die Chinesen in Äthiopien bauen, sind einwandfrei. Sie sind jedenfalls besser als die von den Japanern gebauten.”

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