Die Ballerina
03.09.2008 | 08:12 Uhr 2008-09-03T08:12:00+0200
Essen. Angelina Jolie fungiert in „Wanted” als sündiger Lockstoff für ein junges, männliches Publikum. Der neu im Kino startende Film strotzt vor Bilderkraft, die sich aber schnell als pure Effekthascherei entpuppt.
Deutscher Filmstart: 04.09.2008
Regie: Timur Bekmambetov
Darsteller: James McAvoy, Angelina Jolie, Morgan Freeman, Thomas Kretschmann
Ein Schuss fällt. Die Kugel verlässt in Zeitlupe den Lauf des Präzisionsgewehrs. Und Filmregisseur Timur Bekmambetov gewährt seinem staunenden Kino-Publikum in der folgenden Sequenz das nie zuvor gesehene Privileg, an der Seite eines Projektils über viel Kilometer und durch etliche Hindernisse hindurch mitten ins Ziel zu fliegen. Und das ist der Kopf eines Menschen.
Willkommen bei „Wanted”. Ein Film, der erstmals seit „Matrix” wieder nachhaltig die Sehgewohnheiten der geneigten Kinogänger verändern könnte. Ein Film, der vor visueller Kraft kaum laufen mag. Und ein Film, der in Angelina Jolie, James McAvoy, Morgan Freeman und dem deutschen Hollywood-Export Thomas Kretschmann sogar eine illustre Schauspielerriege aufbietet.
Doch nach 20 Minuten des „Erschlagenseins” vom tricktechnischen Ideenreichtum und den spektakulären Kamerafahrten setzt bereits ein erster Sättigungseffekt ein. Es wird alsbald offensichtlich, dass diese opulente Bilder-Pracht nichts Anderes als Effekthascherei ist, um eine allenfalls in Ansätzen vorhandene Handlung voranzutreiben.
„Wanted” wird vom Schein, nicht vom Sein regiert.
Das ist aber nur bedingt eine überraschende Erkenntnis. Denn der Name Timur Bekmambetov ist quasi ein Garant für starke Bilder, aber mäßige Geschichten – etwa, als der kasachische Regisseur mit „Wächter des Tages” im Jahr 2006 den bis heute größten Kassenerfolg der russischen Filmgeschichte schuf.
Apropos Erfolg: Den wird der ehemalige Werbeclip-Macher aus dem Osten trotz aller Kritikpunkte auch mit „Wanted” haben. Denn Bekmambetov spricht – wohl kalkuliert – eine extrem kinoaffine Zielgruppe an: junge Männer zwischen 18 und 25.
Die bekommen wilde Verfolgungsjagden zu sehen (Saltos und sogar Schrauben der getunten Schlitten im nächtlichen Straßenverkehr inklusive). Im Schießtraining lernen sie an der Seite des zunächst so unscheinbaren Helden Wesley Gibson (James McAvoy), wie mit dem richtigen Effet eine Pistolenkugel um die Ecke geballert werden kann. Und auch an den Testosteron-Spiegel der Jünglinge wurde gedacht, wird dieser doch von Angelina Jolie in Wallung gebracht. Die inzwischen nahezu am ganzen Körper tätowierte Ballerina darf gewohnt lasziv und mit dauergeöffneten, vollen Lippen unentwegt in die Kamera schmachten.
Soweit so erwartet.
Richtig ärgerlich wird das Ganze aber, als diese Bruderschaft der Profikiller (zu der neben Jolie auch Morgan Freeman als Anführer zählt) ihre ganz eigene, krude Ethik des Tötens darlegt. Ein „Webstuhl des Schicksals” ist es, der die Opfer gezielt auswählt. Mit Hilfe der Webmuster und eines Codes entziffern die Killer die Namen derer, denen der nächste spektakuläre Anschlag gilt. Alle gehorchen dieser Auftragsmaschine. Blind. Ohne zu hinterfragen. Gemäß dem Motto: Töte den einen, egal, wer er ist, bevor dieser 1000 andere tötet. Solch perfide Rhetorik ist sonst allenfalls in Kriegszeiten zu hören.
„Wanted” ist übrigens eine weitere von vielen Comic-Verfilmungen in diesem Kinojahr. Die Geschichte aus dem Album von Mark Millar (Infinity-Verlag, 19 €), das 2005 auf den Markt kam, wird im Film nur in Grundzügen wiedergegeben. Der Look ist im Comic deutlich düsterer gehalten. Auch diejenigen, denen der Film nicht gefällt, werden das Album zu schätzen wissen.

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