Deutschlands Frust-Barometer
16.05.2008 | 17:02 Uhr 2008-05-16T17:02:00+0200
Jahr für Jahr gehen bei Oberstaatsanwalt Karlheinz Dalheimer mehr als 1000 Anzeigen gegen Politiker ein. Die Justiz wird zum Kummerkasten der Bürger. Jüngstes Beispiel: die Diäten-Erhöhung.
Berlin. Unweit des Berliner Regierungsviertels befindet sich das Kriminalgericht Moabit, ein in die Jahre gekommener Justizpalast, der den Bürgern in der Kaiserzeit Respekt einflößen sollte. Die Flure sind dunkel, die Büros schmucklos. In Zimmer 555 arbeitet Oberstaatsanwalt Karlheinz Dalheimer, der Leiter der Abteilung 2. Ölgemälde machen sein nicht gerade großes Büro zu einem Ort gediegener Bürgerlichkeit. Die Blumenmotive bilden einen sanften Kontrast zu den Schriftsätzen, die regelmäßig bei Dalheimer ankommen.
Die Abteilung 2 ist zuständig für Strafanzeigen gegen Politiker. Wenn Bürger Kanzler, Minister oder Abgeordnete anzeigen, weil sie sich betrogen fühlen von "denen da oben", landen die Akten auf dem Schreibtisch von Karlheinz Dalheimer.
Im Moment ist es die Diätenerhöhung
In der Vergangenheit waren es die Mehrwertsteuer-Erhöhung oder Hartz IV, im Moment ist es die geplante Diäten-Erhöhung, die dem Staatsanwalt viel Arbeit beschert. 16 Anzeigen liegen vor, in denen Bürger den Abgeordneten Untreue vorwerfen. "Wir Staatsanwälte sind so etwas wie der Puffer zwischen Bürgern und Politik", sagt Dalheimer. "Unpopuläre politische Entscheidungen oder kontroverse Äußerungen wirken sich unmittelbar in unserem Posteingang aus."
Die Hauptstadt-Staatsanwaltschaft ist für Strafanzeigen aus dem ganzen Bundesgebiet zuständig, da Parlament und Regierung ihren Sitz in Berlin haben. Dalheimer spürt Bürgerfrust und Politikverdrossenheit unmittelbar, der Oberstaatsanwalt ist gewissermaßen Deutschlands Spannungsmesser.
"Die Zahl der Strafanzeigen gegen Politiker stabilisiert sich auf hohem Niveau", berichtet der Jurist. "Wir rechnen in diesem Jahr mit 1000 bis 1200 Anzeigen aus ganz Deutschland. In der Vergangenheit sind bei uns innerhalb eines Jahres bis zu 1500 Anzeigen eingegangen."
Dalheimer, einst Staatsanwalt im Prozess gegen die SED-Größe Erich Mielke, gewinnt der Anzeigen-Flut auch etwas Positives ab. "Dass viele Bürger glauben, die Staatsanwaltschaft könne ihnen zu ihrem Recht verhelfen, spricht für die Justiz", sagt er. "Wichtig ist, dass die Bürger erkennen können: Wir nehmen sie ernst. Bei uns wird niemand abgebürstet."
Merkels Dekolleté - Anzeige. Ypsilantis Sohn - Anzeige
Die Justiz wird zum Kummerkasten - und muss sich zuweilen mit skurrilen Schreiben auseinandersetzen. "Selbst die Fotos vom Dekolleté unserer Bundeskanzlerin haben einen Bürger zu einer Anzeige bewogen", erzählt Dalheimer. Ein anderer Bürger habe die hessische SPD-Chefin Ypsilanti angezeigt, weil sie die Gesamtschule propagiere und ihren Sohn auf eine Privatschule schicke. "Auch die Warnungen des Alt-Bundespräsidenten Herzog vor einer Rentner-Demokratie haben etliche Strafanzeigen nach sich gezogen."
Nach Schlagzeilen über den Mallorca-Dienstflug von Umweltminister Gabriel seien bei der Berliner Staatsanwaltschaft mehr als 30 Strafanzeigen eingegangen, sagt Dalheimer. "Auch die Berichte über den Schadstoffausstoß von Gabriels Dienstwagen haben bei uns mehrere Anzeigen nach sich gezogen." Unabhängig von der geringen Aussicht für die Bürger auf Erfolg gilt für die Staatsanwälte der Grundsatz: "Wir setzen uns sachlich mit den Anzeigen auseinander."
Und so verarbeitet Karlheinz Dalheimer Tag für Tag den Frust, der sich bei den Bürgern anstaut. "Die Menschen haben heute weniger Scheu, ihren Unmut zu äußern, und sie drücken ihre Kritik teilweise sehr drastisch aus - auch unter Angabe ihrer Anschrift", sagt der Oberstaatsanwalt. Wenn Politiker wissen wollen, wie es um ihre Beliebtheit steht, könnten sie, anstatt Umfrage-Institute zu beauftragen, auch in Berlin-Moabit nachfragen.

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